Saatgut im Kleingarten selbst ernten

Bordeauxfarbengemusterte Kiebitzbohnen auf einer Hand

Saatgut im Kleingarten selbst ernten

Von Sabine Krüger

Erntezeit: Wer für 2021 vorsorgen möchte, erntet nicht nur Obst und Gemüse, sondern Samen – von Blumen fürs Auge, vom Gemüse für den Magen und von alten Sorten für die Vielfalt.

Saatgut im Kleingarten selbst ernten

WDR 4 Drinnen und Draußen 19.09.2020 02:20 Min. Verfügbar bis 19.09.2021 WDR 4 Von Sabine Krüger

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Samenfeste Sorten für die Vielfalt

Wer Pflanzen über Samen selbst vermehren möchte, muss samenfeste Sorten verwenden. Brigitte Bornmann-Lemm vom Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt zeigt, wie es geht.

Birgitte Bornmann-Lemm erntet Samen der Wilden Karde

Bei Ernte denkt Brigitte Bornmann-Lemm nicht nur an Obst und Gemüse, sondern auch an Samen. Ehrenamtlich betreut sie den NABU-Garten in Dortmund, der gleichzeitig Lehrgarten der Kleingartenanlage Dortmund-Nord ist. Die Hobbygärtnerin ist auch Mitglied im Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) und siedelt in ihrem Garten vor allem Pflanzen an, die es nicht im Gartencenter zu kaufen gibt. Hier erntet sie Samen der Wilden Karde, einer Distel. Einen Teil lässt sie übrig für die bunten Stieglitze, auch Distelfinken genannt: "Das ist so schön, wenn die im Winter in Scharen über die Samen herfallen."

Bei Ernte denkt Brigitte Bornmann-Lemm nicht nur an Obst und Gemüse, sondern auch an Samen. Ehrenamtlich betreut sie den NABU-Garten in Dortmund, der gleichzeitig Lehrgarten der Kleingartenanlage Dortmund-Nord ist. Die Hobbygärtnerin ist auch Mitglied im Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt (VEN) und siedelt in ihrem Garten vor allem Pflanzen an, die es nicht im Gartencenter zu kaufen gibt. Hier erntet sie Samen der Wilden Karde, einer Distel. Einen Teil lässt sie übrig für die bunten Stieglitze, auch Distelfinken genannt: "Das ist so schön, wenn die im Winter in Scharen über die Samen herfallen."

Mit der Samenernte erhält sie die Wilde Karde für ihren Garten und den Pool des VEN. Normalerweise übernimmt der Wind den Job der Aussaat: "Also ahme ich einfach den Wind nach, ziehe den Samenstand in meine Emaille-Schüssel runter und schüttle ihn darüber aus. Übrigens empfiehlt es sich, weiße Schüsseln zu nehmen, weil man darin die schwarzen Samen am besten erkennen kann."

Das gleiche Prinzip wendet Brigitte Bornmann-Lemm bei der Königskerze an. Im Sommer hat sie gelb geblüht, jetzt ist ihr Samen reif. Die Raupen des Königskerzenmönchs, eines Nachtfalters, ernähren sich von ihren Blättern. Die Pflanze erfüllt also eine wichtige Aufgabe im Ökosystem. Abgesehen davon, dass die hochwachsenden zweijährigen Stauden wunderbare vertikale Akzente im Garten setzen.

Der vertrocknete Samenstand der Kornrade sieht aus wie ein oben offener Kelch. Die Kornrade ist eine Ackerbegleitpflanze, die zwischen Getreide wächst – eine hochwachsende zarte Pflanze, die in einem kräftigen Violett blüht. Als Wildpflanze gilt sie laut Roter Liste NRW leider bereits als ausgestorben: "Durch die Saatgutreinigungsanlagen werden die Kornradensamen aus dem Getreide aussortiert, das heißt, sie kommen nicht mehr zurück auf den Acker. Deshalb vermehre ich sie hier."

"Ich schneide oben den Blütenkelch ab, dann fällt der Samen schon raus. Die Schote nehme ich raus und der Samen kommt dann in eine Papiertüte", so Bornmann-Lemm. Auch all die anderen bisher gesammelten Samen verwahrt sie natürlich in einer Papiertüte.

Schwieriger ist die Samenernte beim Salat, weil dessen Samen nicht gleichzeitig reifen, sodass man nach und nach ernten muss. "Das ist der Pflücksalat Cerbiatta, der schön kräftig schmeckt wie Romanasalat. Man pflückt die äußeren Blätter und kann dann lange nachernten. Ich esse von den Salaten, die nicht so kräftig sind und lasse die Besten für die Samenernte blühen. Wie bei Aschenputtel: Die Schlechten ins Kröpfchen, die Guten ins Töpfchen", lacht die Hobbygärtnerin.

Besonders gerne mag Brigitte Bornmann-Lemm die Blüten der Jungfer-im-Grünen: "Sie heißt auch Gräfin-im-Busch oder Damaszener Schwarzkümmel und man kann tatsächlich damit würzen. Aber ich liebe vor allem ihre interessanten Blüten: Es gibt sie blaublütig und weißblütig und manchmal kommen auch hellblaue raus, aber das ist mir egal. Auch die grünen Samenstände sind sehr hübsch."

Inzwischen sind die Samenstände der Jungfer vertrocknet und reif zur Ernte. Also greift Brigitte Bornmann-Lemm zur Gartenschere und schneidet sie ab.

Damit es sich lohnt, erntet die Hobbygärtnerin mehrere Kapseln auf einmal. Um die Samen auszulösen, zerdrückt sie die Samenkapseln mit den Fingern.

Dann siebt sie alles durch ein Sieb. Dazu klopft sie seitlich mit der Hand gegen das Sieb, anstatt es nach oben und unten zu schwenken: "So habe ich mehr Kontrolle und es landet nicht die Hälfte der Samen in der Luft oder am Boden."

Wie man sieht, bleiben nicht nur Samen, sondern weitere Flusen zurück. Die möchte Brigitte Bornmann-Lemm noch entfernen, um sauber gereinigtes Saatgut zu erhalten: "Wenn man Saatgut an andere abgibt, ist es besser, wenn das ordentlich aussieht."

Weil Brigitte Bornmann-Lemm weiß, dass die Samen schwerer sind als die Flusen, pustet sie sachte über die Schüssel.

Zurück bleibt das gereinigte Saatgut der Jungfer-im-Grünen.

Ihre Samen füllt Brigitte Bornmann-Lemm in Teefilter, die sie vorher beschriftet. Und zwar mit dem deutschen und dem botanischen Namen der Pflanze, weil die deutschen Namen nicht ganz eindeutig sind, dem Ort, wo sie die Samen gesammelt hat und dem Jahr. Hier also: Jungfer-im-Grünen, Nigella damascena, NABU-Garten, 2020.

Zum Abfüllen der Samen in den Teefilter stellt sie sicherheitshalber eine größere Schüssel darunter, damit nichts verloren geht. Ihre Teefilter mit den gesammelten Samen lässt die Hobbygärtnerin zuhause in einer offenen Schüssel nachtrocknen. Danach verschließt sie sie in einem dunklen Glas und lagert sie trocken und kühl: "Die beste Lagertemperatur für Saatgut ist zwei bis sieben Grad. Ich habe leider keinen kühlen Keller, deshalb muss ich es im Hausflur lagern. Da ist es zwar wärmer, aber es geht."

Ein seltenes altes Gemüse im NABU-Garten Dortmund ist die Spargelerbse. Im Sommer blüht sie wunderschön tiefrot. Die Spargelerbse ist weder Spargel noch Erbse, zählt aber zu den Hülsenfrüchten wie Bohnen und Erbsen. Man isst die jungen Sprosse und die jungen Hülsen. Am schmackhaftesten sind die Hülsen, wenn sie drei bis vier Zentimeter lang sind, größer werden sie holzig. Am besten dünstet man sie oder brät sie im Wok, zusammen mit dem frischen Grün der Winterheckenzwiebel oder Petersilie.

Nachdem sie die reifen Samenhülsen von der Pflanze geschnitten hat, sortiert sie die längsten und schönsten Hülsen aus, also die links im Bild. Dann öffnet sie die Hülsen und überprüft die Qualität der Samen. Sehen sie angefressen aus oder krabbelt ein kleines Insekt mit raus, wirft sie die Samen weg. Mit dem hier gesammelten Saatgut ist sie aber zufrieden.

Wenn Brigitte Bornmann-Lemm unsicher ist, ob gesammelte Samen alle Merkmale der Sorte aufweisen, schaut sie bei ihren Mustern nach. In Reagenzgläsern aus dem Laborbedarf sammelt sie sie. Weil Bornmann-Lemm auch für den VEN Saatgut erhält, muss sie darauf achten: "Für einen gut durchmischten Genpool pro Sorte sollte man circa zehn Pflanzen einer Sorte anbauen, damit man von sechs bis acht Pflanzen Samen für die Vermehrung ernten kann." Wer nur für den eigenen Bedarf Saatgut sammelt, muss das natürlich nicht so eng sehen. Man sollte aber kein selbstgezogenes Gemüse essen, das eigentlich nicht bitter ist, aber plötzlich bitter schmeckt.

Als letztes Beispiel demonstriert Brigitte Bornmann-Lemm noch die Ernte von Kiebitzbohnen-Samen. Dazu schneidet sie einfach die Schoten von der Pflanze.

"Die Kiebitzbohne heißt so, weil die Samen aussehen wie die Eier von Kiebitzen. Wie alle anderen dicken Bohnen kann man sie zum Verzehr entweder milchreif ernten, also sobald die Hülsen ausgewachsen und die Kerne noch weich sind, oder durchgetrocknet. Milchreif geerntete Bohnen muss man nur 15 Minuten kochen, damit das giftige Phasin zerstört wird. Durchgetrocknete kann man besser lagern, muss man vor dem Kochen aber 24 Stunden einweichen, um die Kochzeit zu reduzieren." Für die Saatguternte kommen die Samen, die die Qualitätskontrolle bestehen, wieder in ein dunkles Glas. Dunkel, damit sortenspezifische Farben wie das Bordeaux der Kiebitzbohne nicht verblassen.

In diesem Frühbeet zieht Brigitte Bornmann-Lemm schon Pflanzen für nächstes Jahr vor, und zwar: Mariendistel, Moschusmalve, Hauhechel, eine bestimmte Rudbeckia-Sorte aus Berlin, Kartäusernelke und Nachtviole.

Brigitte Bornmann-Lemm liebt an ihrem Garten am meisten dessen Vielfalt. Aus eigenem Interesse und für den NABU dokumentiert sie, was alles im Garten wächst: "315 Arten sind es im Moment auf gerade mal 400 Quadratmetern". Vielfältige Pflanzen locken auch verschiedene Insekten an. Die Mini-Teiche ziehen zusätzlich Libellen an. Der NABU-Garten Dortmund ist zudem als "Schmetterlingsfreundlicher Garten" ausgezeichnet. Wer ebenfalls Saatgut von alten Sorten erhalten möchte, kann sich an den VEN wenden.

Lesetipps:

Handbuch Samengärtnerei. Sorten erhalten, Vielfalt vermehren, Gemüse genießen
Autoren: Andrea Heistinger, Arche Noah, Pro Specie Rara
Löwenzahn Verlag, 2019
29,90 €

Gemüse und Blumen aus eigenem Saatgut
Autorin: Heidi Lorey
Ulmer Verlag, 2017
16,90 €

Die Vielfalt kehrt zurück. Alte Gemüsesorten nutzen und bewahren
Autorin: Ina Sperl
Ulmer Verlag, 2013
24,90 €

Saatgut aus dem Hausgarten. Blumen-, Kräuter- und Gemüsesamen selbst gewinnen
Autorin: Marlies Ortner
Ökobuch Verlag, 2012
19,90 €

Stand: 17.09.2020, 09:20