Pilze im Grugapark Essen

Junge Faltentintlinge im Grugapark Essen

Pilze im Grugapark Essen

Von Sabine Krüger

Spät und spärlich, das gilt für das diesjährige Pilzvorkommen. Unterwegs mit einem Pilzsachverständigen entdeckt man mehr: Spannendes von der Pilz-Pirsch im Grugapark Essen.

Pilze im Grugapark Essen

WDR 4 Drinnen und Draußen 14.11.2020 02:25 Min. Verfügbar bis 14.11.2021 WDR 4 Von Sabine Krüger


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Von Eichenwirrling, Gurkenschnitzling und Orangebecherling

Von Sabine Krüger

Im Grugapark Essen führt uns der Pilzsachverständige Bernhard Demel ein in die Welt der Wesen zwischen Tier und Pflanze. Der Rundgang fand vor dem Wellenbrecher-Lockdown statt.

Pilzsachverständiger Bernhard Demel liegt vor kleinen Schafchampignons auf der Wiese im Grugapark Essen

"Hm, ja, der riecht lecker nach Anis, wie Weihnachten!", schwärmt schnuppernd Bernhard Demel: "Diese Pilze gehören zur Gruppe der Anisegerlinge: Hier auf der Wiese und so weiß sind das Schafegerlinge oder Schafchampignons, ganz ausgezeichnete Speisepilze. Der Durchmesser ihrer Hüte kann über 20 Zentimeter groß werden. Von zwei, drei der großen Exemplare bekäme man eine ganze Familie satt".

"Hm, ja, der riecht lecker nach Anis, wie Weihnachten!", schwärmt schnuppernd Bernhard Demel: "Diese Pilze gehören zur Gruppe der Anisegerlinge: Hier auf der Wiese und so weiß sind das Schafegerlinge oder Schafchampignons, ganz ausgezeichnete Speisepilze. Der Durchmesser ihrer Hüte kann über 20 Zentimeter groß werden. Von zwei, drei der großen Exemplare bekäme man eine ganze Familie satt".

Auch wenn sie lecker wären, genauso wie diese Riesenchampignons, die ebenfalls nach Anis duften und sogar 30 Zentimeter große Hüte haben können, darf man sie im Grugapark Essen nicht für die Pfanne sammeln. Bernhard Demel ist von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie ausgebildeter Pilzsachverständiger. Er bietet für mehrere Institutionen Pilzführungen an, wofür es ihm ausnahmsweise erlaubt ist, im Park zu pflücken.

Champignons haben unter ihren Hüten Lamellen und können mit dem sehr giftigen Knollenblätterpilz oder giftigen Schirmlingen verwechselt werden. "Der Anisgeruch hilft beim Bestimmen", so Demel. Einsteigern empfiehlt er, besser mit Pilzen anzufangen, die keine Lamellen haben, sondern sogenannte Röhren, also eine Schicht mit Poren: "Bei den Röhrlingen gibt es in Europa zwar einige, die nicht besonders lecker sind, aber keinen wirklich gefährlichen Giftpilz. Dieser Rotfußröhrling eignet sich als Füllpilz, weil er keinen sehr intensiven Eigengeschmack hat."

Dieser hier ist mit den Rotfußröhrlingen verwandt, es ist der Blutrote Röhrling. Bei ihm ist nicht der Stiel rot, sondern der Hut. "Der wächst oft auch in Parks oder in Gärten. Den kann man also auch im eigenen Garten finden. Bei jungen Pilzen dieser Art sind die Hüte knallrot. Geschmacklich ist er dem Rotfußröhrling sehr ähnlich", findet Bernhard Demel.

Eine kuriose Mischung aus Lamellen und Röhren trägt der Eichenwirrling unter seinem Hut: "Genau wegen dieses eigentümlichen Labyrinths aus Lamellen und Röhren heißt er auch so", erklärt der Pilzkenner. Im Park wächst der Pilz an einer Bank aus Eichenholz: "Das mögen die Gärtner hier nicht so gerne, weil sie die Bank bald ersetzen werden müssen, aber das ist eben der Lauf der Natur."

Pilze sammeln und bestimmen ist etwas für alle Sinne. Bernhard Demel schnuppert an einem Violetten Rötelritterling: "Man kann deutlich diesen aromatischen, parfümierten Geruch wahrnehmen, den auch sein Verwandter, der Schmutzige Rötelritterling, hat. Viele mögen ihn deswegen nicht, ich finde ihn aber ausgezeichnet."

Ein zweites typisches Erkennungsmerkmal der Ritterlinge ist der sogenannte Burggraben unter dem Hut: "Das heißt, dass viele Lamellen nicht ganz an den Stiel heranreichen und einige eine Art Wall bilden. Zusammen mit der Farbe und dem Geruch ist der Violette Rötelritterling mit keinem anderen Pilz zu verwechseln."

Auch die Nebelkappe gehört zu den Rötelritterlingen. Ihren Geruch empfindet Bernhard Demel aber, im Gegensatz zum Violetten Rötelritterling, als unangenehm parfümiert. Die Nebelkappe, oder auch Nebelgrauer Trichterling, kommt oft in Ringen oder Reihen vor. "Früher wurde die Nebelkappe oft gegessen, aber inzwischen hat man festgestellt, dass sie genschädigend wirkt." Deshalb ist es wichtig, immer mit aktuellen Pilzfachbüchern zu arbeiten.

Ein ganz eigentümlicher Pilz ist dieser Erdstern: "Er ist ein sogenannter Bauchpilz. Das heißt, er hat seine Sporen im Inneren des Fruchtkörpers. Wenn man oben drauf drückt, dann kommt eine Sporenwolke raus, die der Wind verbreitet. Junge Erdsterne sehen, im Gegensatz zu diesem alten, wirklich aus wie Sterne, die auf dem Boden liegen", so Bernhard Demel.

"Der hier ist nicht ganz ohne: Ein Kartoffelbovist oder Hartbovist. Viele Leute verwechseln den mit Stäublingen. Wenn aber die Oberfläche recht hart und runzelig ist, wie hier, dann ist es ein Kartoffelbovist. Essen sollte man die keinesfalls, weil sie Magen-Darm-Beschwerden verursachen und manchmal sogar vorübergehende Blindheit", warnt der Pilzkenner.

Dieser sorgt leider auch öfter für Verwechslungen: "Von weitem sieht er aus wie ein Champignon - genauso weiß, hat auch einen Ring am Stiel. Wenn man aber genau hinguckt, bleiben seine Lamellen, bis auf manche rosafarbene Enden, weiß, während sie beim Champignon oft schon bei jungen Pilzen rosafarben sind, irgendwann braun und am Schluss ganz schwarz werden. Dieser Rosablättrige Egerlingsschirmling ist leicht giftig. Also: Finger weg!", warnt Demel.

Auch wenn Pilze angeknabbert sind, ist das kein Hinweis darauf, dass sie essbar sind. "Der Schnecke hier schmeckt er offensichtlich, wir würden ihn aber nicht vertragen und er ist extrem bitter. Diesen Grünblättrigen Schwefelkopf erkennt man an dem schwefelgelben Hut und den grünlichen Lamellen. Der Rauchblättrige Schwefelkopf mit rauchgrauen Lamellen ist dagegen ein hervorragender Speisepilz."

"Hat hier jemand Mandarinenschalen liegenlassen?", tut Bernhard Demel empört, nur um sich im nächsten Moment lachend selbst zu korrigieren: "Nein, auch das ist ein Pilz, und zwar der Orangebecherling. Er wäre theoretisch essbar, gibt aber nicht viel her, er ist sehr brüchig, außerdem finde ich ihn viel zu schön, um ihn zu essen!"

Der hier ist wieder etwas für die Nase. Bernhard Demel schnuppert: "Ah, der hat so einen richtig schönen Gemüseduft, ein bisschen wie Gurke. Deshalb heißt er Gurkenschnitzling. Leider ist er kein Speisepilz, aber durch den Geruch, die rehbraune Färbung und den schwarzen Stiel ist er unverkennbar."

Wieder ein ganz guter Speisepilz ist dagegen der Braune Büschelrasling. "Der wächst oft in richtig großen Gruppen, deswegen auch ‚Büschel‘. So hat man schnell ein großes Pilzgericht zusammen. Geschmacklich finde ich ihn auch angenehm würzig", meint der Pilzfreund.

Am Stamm einer Zeder wächst ein seltsames Gebilde, das aussieht wie ein Badeschwamm. "Das ist die Krause Glucke. Die wird dem Baum irgendwann den Garaus machen, ist also ein Parasit. Aber sie ist ein ausgezeichneter Speisepilz. Dieser Fruchtkörper wiegt locker zwei Kilogramm, sodass man damit schon die empfohlene Maximalmenge gesammelt hätte. Man sagt, pro Person und Tag nicht mehr als zwei Kilogramm. Allerdings muss man diese eingewachsenen Pilze in der Küche sehr gut säubern", so Demel.

Dieser Kirschbaum leidet am Gemeinen Schwefelporling. "Der ist ein wirklich aggressiver Parasit. Der schafft es, eine meterdicke Weide innerhalb von drei, vier Jahren zum Einsturz zu bringen. Jetzt ist er leider zu alt zum Ernten, aber die jungen hellgelben sind lecker. Roh ist er allerdings sehr giftig. Man sollte ihn abkochen und dann kann man ihn in Streifen schneiden und wie Geschnetzeltes zubereiten. Die Engländer sagen deshalb zu ihm ‚Chicken of the woods‘, also ‚Hühnchen des Waldes‘."

Wegen der langen Trockenheit im Frühjahr ist 2020 ein schlechtes Pilzjahr. Daher ist eine so große Ansammlung von Pilzen im Grugapark in dieser Saison ein seltener Anblick. Der Kenner kann die Pilze natürlich sofort zweifelsfrei bestimmen. Es sind Glimmertintlinge.

"Glimmertintling deswegen, weil er im jungen Stadium oben glänzende Schüppchen hat. Und wenn er alt wird, beginnen sich von unten die Lamellen aufzulösen und zu zerfließen, sodass man schwarze Finger bekommt, wenn man ihn anfasst. Man könnte daraus theoretisch Tinte herstellen. Daher heißt er Tintling", erklärt Demel.

Diese verwandten Faltentintlinge sollte man keinesfalls essen. Denn nur, wenn man drei Tage vor und nach der Mahlzeit keinen Tropfen Alkohol zu sich genommen hat, wären junge Exemplare von ihm bekömmlich. "Sonst führt er zu einer heftigen Alkohol-Abbau-Vergiftung. Das heißt, der Alkohol kann nicht abgebaut werden und die Vergiftung kann Hautrötungen, Herzrasen oder Atemnot verursachen."

Und so sehen junge Faltentintlinge aus. Das zeigt mal wieder, wie schwierig es für Laien ist, Pilze zu bestimmen. Deshalb: Wer Pilze für die Küche sammelt, sollte nur diejenigen essen, die er oder sie ganz sicher kennt. Am Anfang besser nur bei geführten Pilzwanderungen sammeln oder den kompletten eigenen Fund von Pilzsachverständigen begutachten lassen. Pilze, bei denen man unsicher ist, in einem gesonderten Behälter sammeln, sonst muss man nachher den ganzen Fund wegwerfen, nur weil ein giftiger dabei war.

Dieser Pilz heißt mal wieder wie er aussieht: Es ist die Runzelige Koralle. Sie ist weißlich, hat einen mehr oder weniger dicken Strunk und verzweigt sich oben nur wenig. "Ich habe sie bisher als ungenießbar bezeichnet, kürzlich aber gelesen, dass sie in Frankreich als Delikatesse gehandelt wird. Andere Länder, andere Sitten", schmunzelt Bernhard Demel.

Zum Schluss findet der Pilzsachverständige noch einen Wiesenchampignon. An der Stelle, wo er in einem sogenannten Hexenring vor zwei Jahren stolze 240 Pilze gezählt hat, eine enorme Zahl!

Und so sieht der Hexenring dieses Jahr aus. Man erkennt ihn lediglich an dem dunkleren Gras: "Wahrscheinlich profitiert das Gras von dem Pilz, der im Boden Nährstoffe freisetzt und organisches Material zu Humus umwandelt. So wird das Gras gedüngt und auch besser mit Wasser versorgt." Für ein schlechtes Pilzjahr war die Pilz-Pirsch mit Bernhard Demel dennoch ergiebig.

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Stand: 12.11.2020, 10:42