Kostprobe auf der Streuobstwiese

Jemand schneidet einen Apfel auf, darunter ein Teleskop-Pflückstab

Kostprobe auf der Streuobstwiese

Von Sabine Krüger

Wie vielfältig Äpfel in Farbe, Form und Geschmack sind, kann man auf Streuobstwiesen erleben. Ein Rundgang bei Alsdorf hilft bei der Entscheidung für die eigenen Bäume.

Kostprobe auf der Streuobstwiese

WDR 4 Drinnen und Draußen 26.09.2020 02:19 Min. Verfügbar bis 26.09.2021 WDR 4 Von Sabine Krüger

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Alte Sorten für Allergiker

Geflammter Kardinal, Geheimrat Doktor Oldenburg, Schöner von Nordhausen: Diese klingenden Namen bezeichnen alte Apfelsorten. Manche von ihnen vertragen sogar Apfelallergiker.

Obstbaumwart Timo Sachsen und links ein Apfel der Sorte "Jakob Lebel", daneben ein "Rheinischer Bohnapfel"

"In dieser Jahreszeit bin ich mehr auf der Streuobstwiese als zuhause", scherzt Timo Sachsen. Der Geograf hat vor vielen Jahren seine Leidenschaft fürs Obst entdeckt und sich zum Obstbaumwart weitergebildet. Für den Verein Bine, eine Abkürzung für "Bildung für nachhaltige Entwicklung", betreut er zehn Streuobstwiesen in der Städteregion Aachen. Heute klärt er bei einem Rundgang auf einer Streuobstwiese bei Alsdorf über die Vielfalt der Apfelsorten auf. In seiner rechten Hand, also links im Bild, hält er einen Apfel der Sorte "Jakob Lebel", daneben den "Rheinischen Bohnapfel".

"In dieser Jahreszeit bin ich mehr auf der Streuobstwiese als zuhause", scherzt Timo Sachsen. Der Geograf hat vor vielen Jahren seine Leidenschaft fürs Obst entdeckt und sich zum Obstbaumwart weitergebildet. Für den Verein Bine, eine Abkürzung für "Bildung für nachhaltige Entwicklung", betreut er zehn Streuobstwiesen in der Städteregion Aachen. Heute klärt er bei einem Rundgang auf einer Streuobstwiese bei Alsdorf über die Vielfalt der Apfelsorten auf. In seiner rechten Hand, also links im Bild, hält er einen Apfel der Sorte "Jakob Lebel", daneben den "Rheinischen Bohnapfel".

"Der Jakob Lebel ist dieses Jahr klein, weil er erfreulicherweise so viel trägt. Der Baum hat nur eine bestimmte Menge an Energie und Flüssigkeit, die er dann auf die Obstmenge verteilt, die er trägt. In erntestarken Jahren kann man auch am Anfang der Saison ein paar Äpfel rauspflücken, dann werden die nächsten größer. Diese Sorte ist ein absoluter Massenträger. Später bekommt der Jakob Lebel eine wachsige Haut, da kann man sich fast die Hände mit eincremen", erklärt Sachsen. Das Geschmacksurteil der Mehrheit der Gruppe: "Sehr saftig, lecker mit ausgewogener Säure und Süße."

Der Rheinische Bohnapfel ist unheimlich wüchsig. "Er gehört zu den sogenannten triploiden Apfelsorten, das heißt er hat einen dreifachen Chromosomensatz. Solche Sorten sind nicht als Bestäuber geeignet. Im dicht besiedelten Raum kann man aber davon ausgehen, dass im Umkreis von drei Kilometern, der Radius von Honigbienen, andere Apfel- oder Birnensorten wachsen, sodass man trotzdem ernten können müsste", so die Einschätzung des Obstbaumwarts.

Bei circa 2.500 Apfelsorten in Deutschland ist es natürlich schwierig, Apfelsorten zu bestimmen. Timo Sachsen erklärt der Gruppe, worauf geachtet wird. Als erstes schaut man natürlich auf die Schale. Die ist beim Boskoop sehr charakteristisch rau und trocken, bei grünlich-gelber Grundfarbe mit orangefarbener Deckfarbe und sonnenseitiger roter Marmorierung. Zudem zeigt die Schale "Rostfiguren über die ganze Frucht", wie es in der Fachsprache heißt.

Von außen kann man noch beurteilen, wie dick und lang oben der Stiel ist, beim Boskoop kurz, in einer engen berosteten Stielgrube, und wie unten der Kelch aussieht. Der Boskoop hat eine faltige, tiefe, enge Kelcheinsenkung. Um das Kernhaus und die Kerne beurteilen zu können, muss man aufschneiden. Je später man den Boskoop erntet, desto mehr Süße und Aroma entwickelt er.

Beim Boskoop fällt auf, dass das hellgelbe Fruchtfleisch schnell braun wird. "Das ist ein Hinweis auf einen hohen Polyphenol-Gehalt. Untersuchungen vom BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) Lemgo haben gezeigt, dass alte Apfelsorten mit vielen Polyphenolen oft auch von Apfelallergikern vertragen werden. Die Organisation hat eine Liste mit eher verträglichen Sorten ins Netz gestellt", so Sachsen. Diese Liste ist im Beitrag zu dieser Fotostrecke verlinkt. Der Boskoop gehört dazu. Allergiker sollten aber nicht direkt "kraftvoll zubeißen", sondern sich zum Test eine Apfelscheibe vorsichtig an die Lippen halten, um keinen allergischen Schock zu riskieren.

Die Rote Sternrenette gehört, laut BUND Lemgo, auch zu den eher verträglichen Sorten für Allergiker. "Man kennt diese Sorte hier auch als Weihnachtsapfel, wegen seiner schönen roten Farbe und den hellen Sternchen auf der Schale", erklärt Timo Sachsen. "Weil er eher mehlig ist, verwende ich ihn am liebsten für Dörrobst." Die Rote Sternrenette ist circa 200 Jahre alt, stammt aus der Gegend um Maastricht und wurde 1830 zum ersten Mal beschrieben.

Michael aus Alsdorf hat die Rote Sternrenette gepflückt: "Ich habe selbst mehrere Obstbäume zuhause. Da lebt man jahrelang mit ihnen, weiß aber nichts über sie. Das wollte ich mit diesem Rundgang ändern." Der Wissensdurst des Teilnehmers wird definitiv gestillt.

Marina Schmaldienst und Annegret Müller, ebenfalls aus Alsdorf, probieren jede Sorte, die rundgereicht wird. Am Ende fällen beide ein sicheres Urteil: "Mein Lieblingsapfel ist der Boskoop, weil ich saure Äpfel sehr gerne mag", meint Marina Schmaldienst. Annegret Müller entscheidet sich für die Rote Sternrenette: "Sauer ist nicht so meins."

Zur Kategorie der Äpfel mit den klingenden Namen zählt klar der "Schöne von Nordhausen". "Er hat tatsächlich schöne rosafarbene Bäckchen. Ich finde den auch lecker", meint Timo Sachsen. "Er hat doch einen guten Geschmack", scherzt Marina Schmaldienst, "sehr saftig, sehr lecker". Und auch Annegret Müller bestätigt: "Ja, der ist nicht so herb." "Er hat nur einen Nachteil: Er ist sehr druckempfindlich", ergänzt der Obstbaumwart.

Petra und Marc Steffens, Anfang 50, und ihre neunjährige Tochter Lara aus dem belgischen Hergenrath möchten selbst eine kleine Obstwiese mit neun Bäumen anlegen. Petra Steffens hat während des Rundgangs mitnotiert: "Wir werden auf alle Fälle Sorten mit unterschiedlichen Reifezeiten pflanzen, damit wir möglichst lange ernten können. Wir kennen das aus dem Garten: Dann wird alles gleichzeitig reif und man bekommt es gar nicht verarbeitet."

Eine der frühesten Sorten ist der Klarapfel. "Nicht verwirren lassen, der kommt aus der Kühlung. Der ist schon längst durch, das ist der erste Apfel, der hier reif wird. Er heißt auch 'Augustapfel', 'Annaapfel'. Inzwischen müsste er eigentlich 'Juliapfel' heißen, weil mittlerweile alles einen Monat früher reif wird. Er ist sehr druckempfindlich, also überhaupt nicht lagerfähig, sodass man alles auf einmal verarbeiten muss. Ideal ist er aber für Apfelmus, weil das Fruchtfleisch schön hell bleibt." Timo Sachsen rät, von dieser Sorte nur einen Baum zu pflanzen.

"Der Bittenfelder Sämling ist eine typische Unterlage", erklärt der Obstbaumwart. "Möchte man sicher gehen, dass man eine bestimmte Obstsorte ernten kann, dann muss man einen veredelten Apfelbaum pflanzen. Dabei wird die Obstsorte, von der man essen möchte, auf eine andere Apfelsorte gepfropft. Das heißt, aus zwei Apfelsorten wird mittels Schnitt und Bandagierung ein Baum: unten eine robuste Sorte als Unterlage und oben das sogenannte Edelreis, von dem man später erntet."

In dem Apfelsaft, den der Verein Bine in seinen Kartonboxen verkauft, sind alle Sorten dieser Streuobstwiese vertreten: "Ah, ich schmecke einen Hauch Jakob Lebel und hier einen Teil Rote Sternrenette", scherzt Timo Sachsen. Selbst geöffnet und nicht gekühlt hält sich der Apfelsaft in der Kartonbox nach seiner Erfahrung mindestens acht Wochen. Der Erlös wird für verschiedene Projekte des Vereins verwendet.

Die 65-jährige Rundgangsteilnehmerin Katharina Junglas aus Würselen ist ganz begeistert von dem Saft: "Der schmeckt ganz großartig, man merkt, dass es gemischt ist und dass es Äpfel sind, die man eher nicht kennt. So einen Apfelsaft bekommt man sonst entweder gar nicht oder nur sehr teuer. Zu den Apfelsorten: Ich bin totaler Boskoop-Fan. Daran hat sich auch nichts geändert."

Neben dem Saft konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch leckere Wildobst-Aufstriche auf Baguette probieren, mit so seltenen Sortenbeimischungen wie Mispel, Hagebutte und Schlehe, hergestellt von Mo Hilger, Leiterin der Naturerlebniswerkstatt in Alsdorf. Sie und Timo Sachsen haben auch dafür gesorgt, dass sich alle vor sowie nach dem Essen und Rundgang die Hände waschen und desinfizieren konnten.

Wir wollen hier natürlich keineswegs Äpfel mit Birnen vergleichen, aber auch nicht unerwähnt lassen, dass der Verein sich zudem für die Erhaltung der Münsterbirne einsetzt. Damit diese alte Birnensorte aus dem Aachener Raum wieder bekannter wird, arbeitet Timo Sachsen mit dem Verein Slow Food zusammen. "Wenn die richtig reif sind, sind die sehr saftig, dann kann man die so vom Baum essen. Aber zum Pflanzen braucht man viel Platz, die Münsterbirne ist sehr wüchsig"

Lesetipps:

Lokale und regionale Obstsorten im Rheinland – neu entdeckt!
Herausgeber: LVR-Netzwerk Kulturlandschaft mit den Biologischen Stationen im Rheinland, 2017
gegen Schutzgebühr und Versandkosten für 10€ erhältlich bei
nadermann@biostation-rhein-sieg.de

Farbatlas Alte Obstsorten
Autor: Walter Hartmann
Ulmer Verlag, 2015
24,90 €

Alte und neue Apfelsorten
Autor: Franz Mühl
Obst- und Gartenbauverlag München, 2007
19,90 €

Stand: 23.09.2020, 09:52