Schönheiten auf Wadenhöhe: Heimische Orchideen

Nahaufnahme der Blüte eines ‚Purpur-Knabenkrauts‘

Schönheiten auf Wadenhöhe: Heimische Orchideen

Von Sabine Krüger

Waldvögelein, Knabenkraut und Fliegen-Ragwurz, allein schon die Namen klingen romantisch oder geheimnisvoll. In der Eifel sind wir unseren heimischen Orchideen auf der Spur.

Schönheiten auf Wadenhöhe: Heimische Orchideen

WDR 4 Drinnen und Draußen 06.06.2020 02:19 Min. Verfügbar bis 06.06.2021 WDR 4 Von Sabine Krüger

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Heimische Orchideen – Schönheit und Täuschung

Von Sabine Krüger

52 heimische Orchideenarten gibt es im Land. Da sie viel kleiner sind als Zucht-Orchideen, muss man sich bücken, um sie zu erkennen. Das lohnt, denn die Details haben es in sich.

Naturführer Michael Schnichels zeigt auf eine Orchidee im Wald

Der 66–jährige Michael Schnichels hat sich in der Natur- und Umweltschutzakademie NRW zum Natur- und Landschaftsführer weitergebildet: "Ich hab mich schon immer sehr für Orchideen und Schmetterlinge interessiert. In der Rente gar nichts mehr zu machen, das kann ich sowieso nicht", schmunzelt er. Sein Orchideenwissen hat er auch bei Führungen vom Arbeitskreis Heimische Orchideen erworben. Jetzt leitet er selbst welche für das Naturzentrum Eifel. Bei einer hat ein Teilnehmer eine verschollen-geglaubte Art wiederentdeckt, die Weiße Höswurz: "Das war schon toll!"

Der 66–jährige Michael Schnichels hat sich in der Natur- und Umweltschutzakademie NRW zum Natur- und Landschaftsführer weitergebildet: "Ich hab mich schon immer sehr für Orchideen und Schmetterlinge interessiert. In der Rente gar nichts mehr zu machen, das kann ich sowieso nicht", schmunzelt er. Sein Orchideenwissen hat er auch bei Führungen vom Arbeitskreis Heimische Orchideen erworben. Jetzt leitet er selbst welche für das Naturzentrum Eifel. Bei einer hat ein Teilnehmer eine verschollen-geglaubte Art wiederentdeckt, die Weiße Höswurz: "Das war schon toll!"

"Orchideen wachsen in Kalk-Gebieten", erklärt Michael Schnichels und führt zunächst in ein Quellsumpfgebiet des Genfbachtals bei Engelgau. Dort stehen zwischen Sumpfdotterblumen, Storchschnabel, Bachnelkenwurz, Binsen und Wollgras Orchideen der Art ‘Breitblättriges Knabenkraut‘. Die magentafarben gedrungenen Blütenkegel sind ein schöner Kontrast zu den gelben Sumpfdotterblumen. Besonders reizvoll: Die Flecken auf der Oberseite des Laubes in der Blütenfarbe. Früher war sie weitverbreitet, heute ist sie bedroht von Überdüngung, weil ihre Standorte trockenfallen oder falsch gemäht beziehungsweise beweidet werden.

Folgt man dem Weg, taucht nach der nächsten Kurve die Ahekapelle auf. Die Wallfahrtskirche ist dem heiligen Servatius gewidmet. Das Baujahr des Kirchleins ist nicht bekannt, man vermutet aber, dass es auf den Grundsteinen einer römischen Villa errichtet wurde. Unten führt der Jakobspilgerweg vorbei. Die "Orchideen-Pilgerer" steigen aber ins Auto, um das nächste Naturschutzgebiet anzusteuern: den Hügel mit dem Namen "Hunsrück" im Gillesbachtal.

Der Hunsrück ist ein sonnenbeschienener Hügel mit Kalkmagerrasen. Eigentlich ideal für Orchideen. "Aber wegen der Trockenheit und der Spätfröste ist dieses Jahr ein schlechtes Orchideenjahr", dämpft Michael Schnichels die Erwartungen. Kurze Zeit später sein Aufschrei: "Eine Fliege!" Gemeint ist eine Orchidee der Art ‚Fliegen-Ragwurz‘. Wie hier gut zu sehen ist, imitieren Blütenform und -farbe eine Fliege, um diese für die Bestäubung anzulocken.

Kurz darauf wird es dramatisch: Das knallige Rot seiner Flügel lenkt den Blick auf einen Schmetterling. "Das ist der Blutbär!", freut sich Schnichels. Erst bei genauerem Hinsehen wird klar, dass der gerade Opfer einer Spinne wird. "Sowas erkennt man nur, wenn man langsam und aufmerksam durch Landschaften geht", sagt der Naturführer.

"45 Orchideenarten wachsen in der Eifel, aber nicht alle an den gleichen Standorten und zur gleichen Zeit", erklärt Michael Schnichels. Dieses ‚Stattliche Knabenkraut‘, auch ‚Manns-Knabenkraut‘ genannt, ist auf der Sonnenseite des Hunsrück im Gillesbachtal schon verblüht. Es wirkt zwar morbide, sieht aber trotzdem schön aus. 

Später, im Schatten, steht ein anderes Exemplar der gleichen Art noch in voller Pracht und Blüte in der Landschaft.

Das ‚Stattliche Knabenkraut‘ wird 20 bis 50 Zentimeter hoch: "Je nachdem, wenn andere Pflanzen daneben stehen und es sich behaupten muss, dann wird es höher wachsen", so Schnichels. Es kommt vor auf nicht gedüngten, mäßig feuchten Wiesen, Halbtrockenrasen, in Gebüschen und im lichten Laubwald.

Es gibt auch hellrosa Varianten dieser Art, noch seltener weiße. Als Nachbarn der Orchideen wachsen hier gelbe Schlüsselblumen.

Dieser Blütenstand gehört zu einer ‚Grünlichen Waldhyazinthe‘.

Und so sehen die geöffneten Blüten der gleichen Art aus: Oben auf der Innenseite der Blüte sitzen zwei orangefarbene Punkte, die wie Augen wirken und das lange untere Blütenblatt sieht aus wie eine Zunge. Man könnte also meinen, es stünde "ein Männlein im Walde".

Dieser Blütenstand muss sich erst noch entwickeln, aber die Rosette deutet schon auf den Namen der Orchideenart hin: Es ist das ‚Große Zweiblatt‘. Die Blüte ist genauso grün wie der Rest der Pflanze, weshalb sie oft übersehen wird. Da diese Orchideenart keine besonderen Ansprüche an den Standort stellt, ist sie im Land noch weit verbreitet.

Diese zarte weißblühende Orchidee trägt passenderweise einen romantischen Namen: ‚Weißes Waldvögelein‘. Um es fotografieren zu können, muss eine steile Böschung am Waldrand erklommen werden. Das Ergebnis entschädigt jeden Orchideenfreund und jede Orchideenfreundin.

Aber, wie so oft, kommt das Beste zum Schluss: Prächtige, große Blütenstände mehrerer ‚Purpur-Knabenkräuter‘ im lichten Schatten eines kleinen Wäldchens, das einen sonnenbeschienen Hang umsäumt. Hier wachsen auch dunkelviolette wilde Akeleien.

Damit hat sich die längere Autofahrt zum dritten Standort im Eschweiler Tal gegenüber einem Golfplatz gelohnt. Wer Wild-Orchideen anschauen möchte, der sollte sehr viel Zeit mitbringen, denn erst im Detail, beim genauen Hinsehen, zeigt sich deren ganze Schönheit.

Schönheit, die in den Naturschutzgebieten bitte von den Wegen aus betrachtet werden sollte: Ein Fernglas mitzunehmen, könnte also hilfreich sein. Pflücken und erst recht Ausgraben ist verboten. Das Ausgraben für den Garten bringt auch nichts: "Orchideen wachsen in Symbiose mit Pilzen im Boden. Die haben Sie im Garten nicht und die Orchidee wäre in spätestens zwei bis drei Jahren ganz weg", so Michael Schnichels.

Lesetipps

Die Orchideen Nordrhein-Westfalens

Herausgeber: Arbeitskreis Heimischer Orchideen Nordrhein-Westfalens
Westfälisches Museum für Naturkunde, 2018
49,99 €
zu beziehen über naturkundemuseum@lwl.org

Heimische Orchideen in Wort und Bild

Autor: Norbert Nowak
Leopold-Stocker-Verlag, 2010
16,90 €

Stand: 04.06.2020, 10:06