Hamamelis – Winterlicher Blütenzauber

Verwelkte Blätter neben gelben Blüten einer Zaubernuss

Hamamelis – Winterlicher Blütenzauber

Von Sabine Krüger

Im Winter sind Blüten eher rar. Aber Zaubernüsse, botanisch: Hamamelis, verausgaben sich geradezu. Wir tauchen ein ins Blütenmeer im Botanischen Garten Rombergpark in Dortmund.

Hamamelis – Winterlicher Blütenzauber

WDR 4 Drinnen und Draußen 06.02.2021 02:20 Min. Verfügbar bis 06.02.2022 WDR 4 Von Sabine Krüger


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Von Zaubernüssen und Zaubernussgewächsen

Von Sabine Krüger

Winter, Strauch ohne Blätter, Blüten wie Flammen: die Zaubernuss! Aber Zaubernussgewächse sind weitaus vielfältiger. Im Botanischen Garten Rombergpark wachsen auch Seltenheiten.

Rombergparkdirektor Dr. Patrick Knopf schnuppert an gelben Zaubernussblüten

"Das Erste, was mir meistens bei den Zaubernüssen auffällt, sind gar nicht die Farben, obwohl die Blüten wirklich wie kleine Feuerwerke oder Flammen aussehen, sondern der Duft. Wenn wir jetzt hier stehen, merken wir, dass diese Zaubernuss einen ganz intensiven, blumigen, einen Frühlingsduft verströmt." Genießerisch schnuppert Dr. Patrick Knopf, Direktor des Botanischen Gartens Rombergpark in Dortmund, an den Blüten einer gelbblühenden Zaubernuss (botanisch Hamamelis).

"Das Erste, was mir meistens bei den Zaubernüssen auffällt, sind gar nicht die Farben, obwohl die Blüten wirklich wie kleine Feuerwerke oder Flammen aussehen, sondern der Duft. Wenn wir jetzt hier stehen, merken wir, dass diese Zaubernuss einen ganz intensiven, blumigen, einen Frühlingsduft verströmt." Genießerisch schnuppert Dr. Patrick Knopf, Direktor des Botanischen Gartens Rombergpark in Dortmund, an den Blüten einer gelbblühenden Zaubernuss (botanisch Hamamelis).

Nicht jede Zaubernusssorte duftet. Welche das hier ist, weiß Patrick Knopf gar nicht. Er schätzt, dass sie schon über 60 Jahre hier steht: "Und leider hat sie kein Schild. Was aber besonders an ihr ist: Diese Zaubernuss behält ihr Laub sehr lange. Die meisten werfen es ab, sodass die Blüten an blattlosen Ästen wachsen, was sie noch stärker ins Auge fallen lässt." Die Kombination von frischen Blüten und morbid wirkenden Blättern hat aber auch ihren Reiz.

Hinter dem Gartentor zum sehr schön neu angelegten "Hortus Medicus", also dem Arzneigarten, wartet ein junger blatt- und blütenloser Hamamelis-Strauch. "Der steht hier, weil die virginische Zaubernuss auch für medizinische Präparate eingesetzt wird, zum Beispiel gegen Hämorrhoiden. Die Wirkstoffe werden aus Blatt und Rinde gewonnen und wirken entzündungshemmend, adstringierend, also zusammenziehend, und blutstillend", erklärt Patrick Knopf. Diese Zaubernuss kommt aus Nordamerika und blüht im Herbst.

Die Virginische Zaubernuss zeigt schon: Strauch im Winter, blattlos aber blühend, ist nicht immer die treffende Beschreibung für diese Pflanzenfamilie. Denn Zaubernussgewächse kommen in Nordamerika und Asien vor, von der Nordhalbkugel bis in die Subtropen hinein. "Und wenn man in den Subtropen lebt und Zaubernussgewächs ist, dann gibt es gar keinen Grund, seine Blätter abzuwerfen", erklärt Knopf in seiner lebendigen Art. "Diese hier kommt aus Korea, ist immergrün, heißt Distylium racemosum, hat erste Blütenknospen entwickelt und blüht wohl so ab März. Wie, wissen wir noch nicht."

Echte Seltenheiten im Rombergpark sind auch die Zaubernussgewächse, die in Vietnam beheimatet sind. Kurz vor dem Brexit wurden sie aus Cornwall in England angeliefert. Sie stehen geschützt auf einem Hügel zwischen anderen Gehölzen in der Anzuchtfläche des Botanischen Gartens. "Auch diese Zaubernussgewächse sind immergrün. Das Besondere an Uocodendron whartonii ist, dass die Rückseite der Blätter lila-rosa schimmert."

Große, immergrüne Blätter zeichnen auch Exbucklandia tonkinensis aus. "Die Blätter sehen aus wie etwas zwischen Ahorn und Linde und sind sehr ledrig. Die Blüten sind typische Zaubernussblüten, in strahlend-leuchtendem Rosa, die so viel Nektar produzieren, dass er an den kleinen Kronblättern runtertropft. Bemerkenswert ist, dass die Knospentriebe geschützt sind durch Knospenschuppen", erklärt der Botaniker. Das sind im Foto die kleinen runden Blätter an den Knospentrieben.

Das letzte Zaubernussgewächs aus Vietnam gehört zur Gattung Rhodoleia: "Die fällt insofern aus dem Muster der Hamamelisgewächse raus, weil ihre Blüten nicht die typischen schmalen Zaubernusskronblätter haben, sondern runde in Rosa bis Rot. Zudem sind immer mehrere Blüten in Büscheln am Ende der Triebe angeordnet. Sie blüht im Frühjahr. Weil es diese Pflanzen hier sonst nicht gibt, haben sie noch keine deutschen Namen."

Die Frühlings-Zaubernuss (botanisch Hamamelis vernalis) ist eine Wildform: "Was an ihr gegenüber der allerersten Zaubernuss des Rundgangs auffällt, ist, dass ihre Blüten viel kleiner und graziler sind. Zudem sind sie stärker gebogen und zeigen alle nach unten, nicht in verschiedene Richtungen. Ich mag diese kleinen Wildformen in der Regel lieber als die großen Züchtungen", so Patrick Knopf.

Der rote Bach im Botanischen Garten Rombergpark in Dortmund wird von warmem Grubenwasser gespeist. "Deshalb haben wir hier im Primeltal ein ganz besonders mildes Klima. Der Wind pfeift darüber hinweg und von unten ist es warm, weshalb wir hier auch empfindliche Raritäten pflanzen können, die andernorts nicht draußen kultiviert werden können", beschreibt der Direktor das besonders günstige Klima für Exoten an dieser Stelle.

Dieses Kleinklima kommt auch dem Zaubernussgewächs Distylium myricoides zugute. "Es ist eine großblättrige Form aus dem südlichen China. In myricoides steckt das Wort Myrica. Und Myrica ist der Gagelstrauch. Das heißt: Die Pflanze hat Blätter, die aussehen wie beim Gagelstrauch. Sie wird im März wieder wunderschöne rote bis rostbraune Blüten haben."

Oben am Weg im Primeltal steht eine Zaubernuss, die zinnoberrot blüht. Es ist eine Hamamelis intermedia, also eine Kreuzung zwischen der chinesischen Hamamelis mollis und der japanischen Hamamelis japonica. Welche Sorte genau, kann Patrick Knopf leider wieder nicht sagen. Aber diese Kreuzungen sind im Handel am häufigsten zu finden in einer großen Auswahl in verschiedenen Blütenfarben, sehr reich- und großblütig.

Gärtnern ist, wenn man trotzdem lacht. Die Drei nehmen es mit Humor, dass sie im Nieselregen eine über mannsgroße Sycopsis sinensis im Primeltal pflanzen müssen. "Sie kommt aus dem feuchtwarmen südlichen China. Dieses alte Exemplar ist voller Knospen. Weiter unten steht sogar eine jüngere, die schon blüht", meint Patrick Knopf. Also nichts wie runter, durch den Matsch, zum Foto-Shooting.

"Diese Blüten haben nicht die typischen schmalen und langen Kronblätter der Zaubernüsse, sondern auffällige gelbe Staubgefäße", erklärt Patrick Knopf. Ein Versuch, deren Aussehen zu beschreiben wäre: wie kuschelige Cheerleading-Pompons.

Oben am Nose-Arboretum, eine Baumpflanzung, die von 1930-1933 vom damaligen Leiter des Botanischen Gartens Richard Nose angepflanzt worden war, gibt es eine Fläche, in der mehrere Vertreter der Familie Hamamelisgewächse zusammenstehen. Dazu gehören auch die Eisenholzbäume (botanisch Parrotia) mit ihren interessanten Rinden im Military-Look. "Sie kommen aus dem Kaukasus und ihr Holz ist so schwer, dass es im Wasser untergeht", so Knopf.

Auch die Blüten der 90 Jahre alten Eisenholzbäume fallen vor allem durch ihre Staubgefäße auf. Diesmal aber in einem satten Purpurrot. "Dazu kommt, dass sich das Laub der Eisenholzbäume im Herbst fantastisch verfärbt: von orange über dunkelrot, fast purpur-violett, Gelbtöne, alles gleichzeitig an einer Pflanze, je nach Witterung - wunderschön!", schwärmt der Parkleiter.

Gegenüber des Eisenholzbaumes steht eine Kreuzung aus ihm und der Sycopsis sinensis, die Sycoparrotia. "Aus der immergrünen Sycopsis sinensis und der laubabwerfenden Parrotia entstand so durch den Menschen eine sogenannte Gattungs-Hybride, die oben im Moment gar kein Laub hat, in der Mitte eher gelbes und weiter unten eher grünes", erklärt der Botaniker.

Und noch ein Hamamelisgewächs: die Sinowilsonie. "Sino steht für China und Wilson war 1906-1908 dort. Das ist der Pflanzenforscher, der die kleinen Garten-Azaleen nach Europa gebracht hat", so Knopf. Nach dem Laubaustrieb, ungefähr im Mai, erscheinen in langen Trauben hellgrüne bis gelblich-cremefarbige Blüten. Wie man sieht, wird sie nicht besonders hoch, aber dafür umso breiter.

"Disanthus sind wunderschöne Pflanzen, die in ihrer Herbstfärbung alle anderen übertrumpfen: durchscheinend, leuchtend-brillant orange bis hin zu blutrot und schwarz. Aber sie wachsen extrem langsam. Als wir unsere gesetzt haben, waren sie 80 Zentimeter hoch, nach sechs Jahren sind sie einen Meter hoch. Aber selbst jung im Kübel am Haus entfalten sie schon diese tolle Herbstfärbung. Ich hoffe, dass Disanthus künftig öfter im Handel zu finden sind“, meint der Pflanzensammler.

Der Weg zum Nose-Arboretum ist links und rechts von Zaubernüssen gesäumt, in den verschiedensten Farben. Für die Planung im eigenen Garten hat Knopf noch einen Tipp: "Wenn Sie zuhause eine Zaubernuss pflanzen, die rot, kupferfarben oder orange blüht, dann sollten Sie sie vor einen hellen Hintergrund setzen. Wenn Sie allerdings eine Gelbe pflanzen, dann ist ein dunkelgrüner Hintergrund schöner, also zum Beispiel ein anderes Gehölz, eine Eibe. Dann wirkt das Gelb viel strahlender."

Zum Schluss noch ein Hinweis von Patrick Knopf: "Wenn Sie sich nächstes Jahr zu Weihnachten den TV-Klassiker 'Drei Haselnüsse für Aschenbrödel' anschauen, dann werden Sie sehen, dass Aschenbrödel nicht Haselnüsse, sondern Zaubernüsse wirft, um sich ihre Wünsche zu erfüllen." Auf die Frage, ob er es schon probiert habe, meint er: "Ich wüsste gar nicht, was ich mir wünschen sollte. Hier im Botanischen Garten bin ich so glücklich. Ich lass‘ die Zaubernüsse für schlechte Zeiten am Baum.

Lesetipps

Hamamelis und andere Zaubernussgewächse
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Stand: 04.02.2021, 16:29