Frühjahrsputz in der Natur

Eine Plastiktüte hat sich in einem Geäst am Wasser verfangen

Frühjahrsputz in der Natur

Von Sabine Krüger

Draußen Gutes tun: dem eigenen Körper und der Natur. Einfach zum Joggen oder Spazierengehen Mülltüten mitnehmen! Wir haben im Naturschutzgebiet Krickenbecker Seen gesammelt.

Frühjahrsputz in der Natur

WDR 4 Drinnen und Draußen 27.02.2021 02:08 Min. Verfügbar bis 27.02.2022 WDR 4 Von Sabine Krüger


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Joggen und Spazieren für die Natur

Von Sabine Krüger

Viele starten zuhause den Frühjahrsputz. Abfall wegräumen ist auch draußen sinnvoll. Denn weggeworfenes Plastik kann für Tiere tödlich sein. Die Lösung: Müllsammeln als Workout.

Sophie Brüning mit Greifer und Mülltüte im Naturschutzgebiet Krickenbecker Seen in Nettetal

"Müllsammeln macht Spaß, vor allen Dingen, wenn man es zusammen machen kann, mit der Wohngemeinschaft oder mit der Familie", sagt Sophie Brüning, Mitarbeiterin der Biologischen Station Krickenbecker Seen. Leider musste sie die öffentliche Müllsammelaktion im Naturschutzgebiet wegen Corona abblasen. Aber dann geht sie eben alleine voran: mit gutem Beispiel, Greifer und Mülltüte!

"Müllsammeln macht Spaß, vor allen Dingen, wenn man es zusammen machen kann, mit der Wohngemeinschaft oder mit der Familie", sagt Sophie Brüning, Mitarbeiterin der Biologischen Station Krickenbecker Seen. Leider musste sie die öffentliche Müllsammelaktion im Naturschutzgebiet wegen Corona abblasen. Aber dann geht sie eben alleine voran: mit gutem Beispiel, Greifer und Mülltüte!

Am häufigsten muss Sophie Brünings Greifer Zigarettenkippen aufsammeln: "Bei den Kippen, da gibt es kein Halten. Dabei sind die besonders schädlich. Die bestehen ja nicht nur aus Plastik, sondern beim Verbrennen von Tabak entstehen hochgiftige Stoffe: Arsen, Blei, Quecksilber, Cadmium. Und nach einem Regen ist schon mindestens die Hälfte davon im Boden. Dabei gibt es Taschenaschenbecher aus Metall für Asche und Kippen."

Plastikabfälle sind auch gefährlich, vor allem jetzt vor der Brutzeit: "Wenn Vögel Plastikteile in ihr Nest einbauen, dann wird die Drainage gestört. Das heißt: Das Wasser läuft nicht mehr richtig ab, es bleibt nass im Nest und die Jungen erfrieren. Das sind ganz praktische Folgen vom bedenkenlosen Umgang mit Müll", macht Sophie Brüning deutlich.

Zum Beispiel dieser Blässralle und ihrem Nachwuchs könnten die Abfälle gefährlich werden. Die Krickenbecker Seen in Nettetal am Niederrhein sind ein Naturschutzgebiet und wichtiger Brut- und Rastplatz für Wasservögel.

Infotafeln klären über die hier lebenden Wasservögel auf: neben Blässrallen auch Teichrallen, Silbermöwen, Grau-, Nonnen- und Kanadagänse, Höckerschwäne, Grau- und Silberreiher, Kormorane, Stockenten sowie Reiher-, Moor-, Tafel-, Krick-, Mandarin- und Schnatterenten.

Steigende Temperaturen nach dem Frost entlassen eingefrorene Plastikabfälle wie diese Verschlusskappe in die Seen. Auch dort, wo die Flüsse im Land beim Hochwasser über ihre Ufer getreten sind, lohnt sich das Aufräumen jetzt besonders. "Und der Müll in unseren Flüssen landet letztendlich in den Meeren. Dort ist Plastikabfall besonders gefährlich, weil er schnell den Geruch von Algen annimmt und Meeresvögel ihn dann für Nahrung halten", erklärt Brüning.

An der kleinen Insel am Glabbacher Bruch versammeln sich Kormorane und verschiedene Entenarten. Bald werden sie dort auch Nester bauen, brüten und ihre Jungen aufziehen.

Die schönen Ausblicke an den Krickenbecker Seen genießen beispielsweise Melanie Ambrosius und Jürgen Reiners. Beim Thema "Müll" denken sie auch an ihren Nachwuchs. "Das ist ja schließlich ein hohes Gut, was wir hier haben, ein sensibles Ökosystem und das sollten wir erhalten. Wenn wir Müll produzieren, nehmen wir den wieder mit nachhause. Und wenn wir unterwegs was rumliegen sehen und wissen, dass in der Nähe ein Mülleimer ist, heben wir das auf", sagt Jürgen Reiners.

"Um Bänke herum kann man sich immer länger aufhalten", meint Sophie Brüning und sammelt unter anderem einen Klumpen Aluminiumfolie auf. "Vesperbrote in Alufolie einzuwickeln ist keine gute Idee, denn in der Butter lösen sich die Schadstoffe. Zudem reißt sie leicht und dann liegen die Reste in der Natur."

"Auch wieder ein Teil, mit dem irgendeine Vespertüte verschlossen wurde. So klein, dass es leicht von Tieren verschluckt werden kann", ärgert sich die Naturschützerin. Ab in die Mülltüte!

"Gummibänder findet man auch sehr häufig", stellt Sophie Brüning fest. "Eine Studentin hat Ausscheidungen von Schwänen untersucht und dabei Gummibänder gefunden. Offenbar hat das Tier sie mit Regenwürmern verwechselt und gefressen. Werden sie nicht ausgeschieden, weil die Bänder sich im Gedärm verfangen, hat man mit einem achtlos weggeworfenen Gummiband schnell einen Schwan auf dem Gewissen."

Auch um die Bank von Ulla Müllers und Rolf Quack sammelt Sophie Brüning wieder viele Kippen ein. Die beiden sind aber nicht die Verursacher, denn sie rauchen nicht. "Gerade kam uns jemand entgegen und da haben wir gesagt: 'Muss man denn hier unbedingt einen Coffee-To-Go haben? Man kann doch auch mal in die Natur, ohne immer was zu essen oder zu trinken'", meint Ulla Müllers.

Wie aufs Stichwort klaubt Sophie Brüning zwei alte To-Go-Becher aus dem Gebüsch. Auf dem einen ist noch der Deckel: "Ein Kollege hat mir erzählt, dass Getränkedosen, Glasflaschen und solche Becher gemeine Insektenfallen sind. Vom süßen Duft angelockt, kriechen Käfer rein, finden nicht mehr raus oder ertrinken. Sobald der erste Käfer verendet ist, lockt das Mistkäfer an, die dann auch darin sterben. So hat er schon Dutzende tote Tiere in einer Flasche gefunden."

Der Freizeitdruck an den Krickenbecker Seen in Corona-Zeiten ist enorm. Verständlich, dass die Naherholungsgebiete genutzt werden. Wenn sich alle rücksichtsvoll verhalten, ist das auch kein Problem. "Bestimmt wurde nicht alles bewusst weggeworfen. Deshalb: Einfach nach der Rast auf der Bank kurz umdrehen, um zu sehen, ob nicht irgendetwas liegengeblieben ist", bittet Sophie Brüning.

Das Team der Biologischen Station gibt sich viel Mühe, die Lebensräume der Tiere zu erhalten. Der Lohn für alle: schöne Naturbeobachtungen wie diese Sumpfmeise an der Futterstelle im Wald. Davon hat die Vogelkundlerin im Jahr 2019 mehr als 100 Brutpaare im Naturschutzgebiet kartiert.

Im Naturschutzgebiet haben glücklicherweise viele Hemmungen, ihren Müll zu entsorgen. "Hier ist es vergleichsweise sauber", meint Sophie Brüning. Nach einer Stunde hat sie schätzungsweise knapp ein Kilo Müll gesammelt: "Neben jeder Menge Zigarettenkippen unter anderem ein Feuerzeug, drei Einwegmasken, Bonbon- und Schokoriegelpapiere, ein Lutscher-Stiel, Plastiktüten, Plastikbecher, Folie sowie eine Kondom- und eine Marihuana-Verpackung."

Damit die Idylle der Krickenbecker Seen für die dort lebenden Tiere keine trügerische ist, wünscht sich Sophie Brüning mehr Menschen, die auch mal eine Mülltüte zum Spaziergang mitnehmen. Und das nicht nur im Naturschutzgebiet, sondern in den Städten, an den Flussufern, vor jeder Haustüre: "Das hat einen positiven Effekt und ist ein Supergefühl!", meint sie.

"Ich war mit einem Kumpel schon Müll-Joggen, eine neue Trendsportart. Das ist echt anstrengendes Ganzkörper-Training, denn die immer schwerer werdende Mülltüte trainiert auch die Armmuskeln", erzählt Sophie Brüning lachend. "Mit mehreren macht es richtig Spaß. Wenn Corona wieder Gruppenaktionen zulässt, einfach in der Biostation melden! Ich vernetze die Interessierten gerne miteinander!"

Stand: 24.02.2021, 15:45