Von Dornen und Stacheln

Stachelige Rosenranken von fünf verschiedenen Rosen nebeneinander

Von Dornen und Stacheln

Von Sabine Krüger

Haben Sie einen stacheligen Kaktus zuhause oder dornenreiche Rosen? Der Botaniker zuckt bei diesen Formulierungen zusammen. Wir erklären, warum, und zeigen wehrhafte Garten-Schönheiten.

Von Dornen und Stacheln

WDR 4 Drinnen und Draußen 30.01.2021 02:19 Min. Verfügbar bis 30.01.2022 WDR 4


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Wehrhafte Schönheiten im Garten

Von Sabine Krüger

Sie piksen, verhaken sich in der Jacke und stellen Fußfallen: Manche Bäume, Sträucher und sogar Stauden sind extrem wehrhaft – und trotzdem schön. Wir zeigen deren Vorzüge.

Michael Dreisvogt, Leiter des Arboretum Park Härle in Bonn, mit einer Stacheldrahtrose

Nur sehr vorsichtig posiert Michael Dreisvogt, Technischer Leiter des Baumparks der Stiftung Härle in Bonn, mit der Stacheldrahtrose (bot.: Rosa omeiensis pteracantha): "Trotz oder besser wegen ihrer beeindruckenden Stacheln ist sie eine ganz wunderbare Pflanze. Denn die jungen Stacheln dieser Rose sind lichtdurchlässig und leuchten rot. Hier steht sie so, dass die Abendsonne von Westen durch den Strauch scheint und dann glühen diese weinroten Stacheln so richtig schön!"

Nur sehr vorsichtig posiert Michael Dreisvogt, Technischer Leiter des Baumparks der Stiftung Härle in Bonn, mit der Stacheldrahtrose (bot.: Rosa omeiensis pteracantha): "Trotz oder besser wegen ihrer beeindruckenden Stacheln ist sie eine ganz wunderbare Pflanze. Denn die jungen Stacheln dieser Rose sind lichtdurchlässig und leuchten rot. Hier steht sie so, dass die Abendsonne von Westen durch den Strauch scheint und dann glühen diese weinroten Stacheln so richtig schön!"

"Stacheln" ist kein Versprecher des Parkleiters. Botanisch richtig haben Rosen nämlich keine Dornen, sondern Stacheln. Das erkennt man daran, dass man sie abbrechen kann. "Denn Stacheln sind Ausstülpungen der äußeren Pflanzenhaut", so Michael Dreisvogt. Die Vielfalt von Rosenstacheln zeigt das Foto von links nach rechts: Rosa spinosissima 'Paula Vapelle', dann die historische Strauchrose 'Jacques Cartier' mit olivgrünem Holz und weißen Stacheln, die Kletterrose 'Sir Cedric Morris' mit gebogenen Stacheln, die beim Klettern helfen, die heimische Hundsrose und zum Schluss die Stacheldrahtrose.

Im alten Teil des Parks hängt an den steinernen Zinnen mit Blick zum Siebengebirge die Dornröschenrose 'Asia Queen': "Ich bin gewarnt worden vor dieser Sorte, weil das wohl eine der stacheligsten ist. Beim Rückschnitt sollte man eine alte Jacke tragen und Schutzbrille. Sie hat aber den Vorteil, dass sie weiche Triebe hat, die hier ganz glatt an der Steinmauer herunterhängen. So geschmeidig sind die wenigsten Kletterrosen", so Dreisvogt.

Am Waldrand stehen zwei wehrhafte heimische Pflanzen nebeneinander, rechts die stachelige Hundsrose und links der Weißdorn: "Dornen sind umgebildete Zweige, die richtig vom Stamm abzweigen, sind also fest verbunden und schmerzen auch mehr, wenn man dagegen stößt, weil sie nicht abbrechen", erklärt Dreisvogt den Unterschied zu Stacheln. "Der Neuntöter, eine Vogelart, nutzt den Weißdorn auch, um sich Vorräte anzulegen: Auf den Dornen spießt er Insekten und sogar kleine Mäuse auf, die er nicht gleich fressen kann."

Eindeutig die am meisten beeindruckenden Dornen im Park Härle gehören zur Gleditschie oder dem Lederhülsenbaum: "Unten am Stamm mussten wir die bis zu 30 Zentimeter langen Dornen zur Sicherheit unserer Besucher entfernen", erklärt der Parkleiter. "Das deutet auch schon auf die Funktion der Dornen hin: Da geht kein Hirsch oder kein Reh dran, um zu fressen, und das schützt den Baum."

Der Lederhülsenbaum wird auch "Falscher Christusdorn" genannt. Der echte Christusdorn steht aber auch im Park. "Er hat feine Blattdornen und Dornen an den Zweigen. Das ist wohl die Pflanze zur Dornenkrone aus der Bibel, denn er wächst auch in Israel. Der falsche Christusdorn, also der Lederhülsenbaum, kommt dagegen aus Amerika", erklärt Dreisvogt.

Interessant und zierend am Christusdorn findet der Parkleiter die Früchte: "Diese Flügelnüsse bilden eine kuriose, fast schon UFO-artige Struktur. Der Baum hier ist dreißig Jahre alt und groß. Der Christusdorn ist aber schnittverträglich und kann auch auf zwei Meter gehalten werden. Er empfiehlt sich allerdings nur für milde Regionen, weil er nicht sicher winterhart ist. Hier hat er aber schon bis zu minus fünfzehn Grad überstanden."

Bitter weh tun auch die Dornen der Bitterorange (bot.: Citrus trifoliata). "Eine tolle Pflanze mit den Pomeranzen als Früchten, aus denen man auch englische Marmelade machen kann. Allerdings ist die Ernte nicht einfach, weil jeder Zweig in vier bis fünf Zentimeter langen spitzen Dornen endet, die sehr unangenehm sind. Aber die nach Orange duftenden Blüten und die Früchte machen sie dennoch zu einer attraktiven Gartenpflanze", findet Dreisvogt.

"Wem die Dornen der normalen Bitterorange nicht reichen, dem empfehle ich die Sorte 'Flying Dragon'. Das ist sozusagen eine Korkenzieher-Bitterorange, da sind die Haken gedreht und verschraubt, aber dadurch sieht sie eben auch besonders interessant aus. Und das Schöne ist, dass man sie über ihre Samen vermehren kann", so der Tipp des Pflanzensammlers.

Der Mäusedorn bildet eine weitere botanische Dornen-Kategorie, erklärt der Parkleiter: "Das, was hier wie Blätter aussieht, sind tatsächlich umgewandelte Zweige, die grün und rundlich plattgedrückt sind. Diese Pflanze hat überhaupt keine echten Blätter. Wegen seiner interessanten Form und weil er sich sehr lange in der Vase hält, ist er in der Floristik sehr beliebt. Er fühlt sich im trockenen Schatten wohl und wird im Klimawandel daher vielleicht künftig häufiger gepflanzt werden", vermutet Michael Dreisvogt.

Weiter verbreitet in unseren Gärten ist sicherlich der Feuerdorn. Auch bei ihm empfiehlt der Pflanzenfreund für den Rückschnitt eine Schutzbrille und dicke Handschuhe. "Aber ich habe den trotzdem hier stehen gelassen, weil er natürlich mit seinen tollen leuchtend-orangefarbigen Früchten sehr attraktiv ist. Auch die Amseln sitzen hier gerne drin, zum Naschen und zum Nisten", beobachtet der Parkleiter.

Die roten Früchte der Berberitze scheinen dagegen eine Lieblingsspeise der Rotkehlchen zu sein. "Sehr attraktiv ist zudem ihr rotes Laub. Man muss eben ein bisschen aufpassen, wenn man an ihr vorbei geht, um nicht in Konflikt mit ihren spitzen Dornen zu kommen", warnt Dreisvogt.

Eine Besonderheit im Park Härle ist diese Kalifornische Stachelbeere (bot.: Ribes speciosum): "Sie hat nicht nur Stacheln, sondern auch kleine Borsten an den Zweigen. Sie heißt auch Prächtige Stachelbeere, weil ihre Blüten aussehen wie die von Fuchsien. Zudem verliert sie spät im Sommer ihr Laub und treibt dann im Winter schon wieder frisch-grün aus, entsprechend dem Klima ihrer Heimat Kalifornien", erklärt der Pflanzensammler.

Auch Stauden können piksen. So sind viele Blattränder von Lenzrosen so gezackt, dass man es auch gut spürt, wenn man dran kommt. Michael Dreisvogt rät, auch hier beim Rückschnitt besser Handschuhe zu tragen. "Diese Lenzrose hat eine besonders schöne Blüte. 'Picotée' nennt man es, wenn die Kontur der Blattränder eingefärbt ist", so Dreisvogt.

Diese Elfenblumensorte (bot.: Epimedium 'Darrel Spiny Yellow') trägt ebenfalls Blattdornen. "Sie blüht gelb, aber das besonders Attraktive an ihr sind die langen auslaufenden spitzen Blätter mit den interessanten Dornen an dem leicht gewellten Rand. Das ist nur ein bisschen unangenehm. Da kann man sich vielleicht langsam an Dornen und Stacheln im Garten herantasten", schmunzelt Michael Dreisvogt. Er empfiehlt, jetzt Elfenblumen komplett zurückzuschneiden. Die neuen Triebe sind schon am Boden zu erkennen. Sonst muss man später mühsam die alten Blätter zwischen den neuen einzeln entfernen.

„An den dornigen Blättern kann man erkennen, dass die Mahonien und die Elfenblumen verwandt sind“, erklärt Dreisvogt. „Die Blätter der Mahonie sind ledrig, sodass die Spitzen ganz schön piksen. Der Stamm ist völlig dornenfrei. Die Blüten sitzen zwischen den Blättern, sodass bei der Mahonie, anders als bei der Rose, auch die Knospen durch die dornigen Blätter gut geschützt sind.“ Ist etwas für Ihren Garten dabei? Führungen im Park Härle sind wegen Corona aktuell leider nicht möglich.

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Stand: 28.01.2021, 14:14