Preisverdächtig – Dachgewächshaus Oberhausen

Das Dachgewächshaus auf dem Jobcenter in Oberhausen vom Altmarkt aus betrachtet

Preisverdächtig – Dachgewächshaus Oberhausen

Von Sabine Krüger

Lebensmittel frisch vom Dach: Das Gewächshaus auf dem Jobcenter in Oberhausen macht‘s möglich. Jetzt ist es für den Architekturpreis des Deutschen Architekturmuseums nominiert.

Preisverdächtig – Dachgewächshaus Oberhausen

WDR 4 Drinnen und Draußen 23.01.2021 02:11 Min. Verfügbar bis 23.01.2022 WDR 4 Von Sabine Krüger


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Dachfarmen – kurze Wege und gut fürs Klima

Von Sabine Krüger

New York, Montreal, Den Haag, Berlin, Oberhausen: Willkommen in der Zukunft! In diesen Städten gibt es schon Dachgewächshäuser. Wir stellen das Leuchtturmprojekt im Pott vor.

Markus Werntgen-Orman, Leiter des Bereichs Umwelt der Stadt Oberhausen, im vertikalen Garten des Jobcenters

Im Dezember 2019 wurde das innovative Gewächshaus auf dem Dach des neugebauten Jobcenters in Oberhausen eröffnet und hat nun seine erste Pflanzsaison hinter sich. Die Verbindung zwischen Jobcenter und Dachgewächshaus stellt der vertikale Garten im Treppenhaus her. Der Leiter des Bereichs Umwelt der Stadt Oberhausen, Markus Werntgen-Orman, freut sich, dass die Kletterpflanzen schon fast ganz oben angekommen sind.

Im Dezember 2019 wurde das innovative Gewächshaus auf dem Dach des neugebauten Jobcenters in Oberhausen eröffnet und hat nun seine erste Pflanzsaison hinter sich. Die Verbindung zwischen Jobcenter und Dachgewächshaus stellt der vertikale Garten im Treppenhaus her. Der Leiter des Bereichs Umwelt der Stadt Oberhausen, Markus Werntgen-Orman, freut sich, dass die Kletterpflanzen schon fast ganz oben angekommen sind.

Ganz oben heißt: fünfter Stock des Jobcenters in Alt-Oberhausen. Dort steht das Dachgewächshaus und bis dahin reichen die Rankseile für Geißblatt und Co. Sie begrünen gleichermaßen das Treppenhaus und den Innenhof: "Eine kleine grüne Oase für Mitarbeiter und Kunden", so Werntgen-Orman. Zudem beschattet der vertikale Garten das Gebäude im Sommer und trägt so auch ein bisschen zur Abkühlung der Stadt bei.

Mehr Eindruck macht der vertikale Garten natürlich im Sommer. Die Illustration zeigt, wie er später einmal aussehen soll. Das 1000 Quadratmeter große Gewächshaus sitzt U-förmig auf dem Dach des Gebäudes, in das es, architektonisch und technisch eingebunden ist.

Bis 2050 werden wahrscheinlich 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Da erscheint es sinnvoll, Dachflächen für den Anbau von Lebensmitteln zu nutzen. "Dieses Dachgewächshaus soll ein Beispiel sein für flächenschonende, energie- und wassersparende Produktion und für kurze Wege, denn die Lebensmittel werden im direkten Umfeld vermarktet", so Markus Werntgen-Orman. Abnehmer in Oberhausen sind die lokalen Restaurants und künftig auch das hauseigene Café des Jobcenters. Es soll noch 2021 eröffnet werden.

"Herr" über Technik und Pflanzen im Dachgewächshaus ist Wolfgang Grüne, angestellt bei der Firma Exner, die das Gebäude im Auftrag der Servicebetriebe Oberhausen betreut. Er ist stolz, dass der Anbau im ersten Jahr geklappt hat: "Natürlich hat uns Corona einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht, aber wir stehen ja erst am Anfang."

In drei von vier Räumen werden Lebensmittel produziert, in einem wird an innovativer Gewächshaustechnik geforscht. Alle können klimatisch unterschiedlich reguliert werden, je nachdem, was die jeweiligen Pflanzen brauchen. "Im Moment ist der Betrieb noch in der Winterpause, aber in einem Monat werden hier auf den Gestellen die ersten Erdbeerpflanzen der Saison eingesetzt", erklärt Grüne.

Dann wird es hier wieder so aussehen wie in der letzten Saison: "Wir pflanzen eine remontierende Erdbeersorte an, die das ganze Jahr über Früchte produziert bis circa Ende Oktober", so der Agrarwissenschaftler. "Um die Fläche optimal zu nutzen, bauen wir auch hier vertikal an, auf sogenannten A-Frames, also Rahmen in der Form des Buchstaben A."

"Zur Bewässerung nutzen wir fast nur Regenwasser. Das wird im Keller gespeichert und über Rohre hier hoch geleitet. Das hat sogar im letzten heißen Sommer sehr weit gereicht. Auf die ganze Saison verteilt mussten wir vielleicht an zwei Wochen auf Stadtwasser zurückgreifen", bilanziert Grüne.

In dieser Anlage wird dem Wasser die Düngung beigemischt, die die verschiedenen Pflanzen brauchen.

Im Dachgewächshaus Oberhausen werden die Pflanzen nur direkt nach der Pflanzung kurz von oben bewässert. Ansonsten kommt die Nährlösung von unten wie hier auf den sogenannten Ebbe-Flut-Tischen für die Topfkräuter. "Das Wasser, das wir verwenden, fließt in einem geschlossenen Kreislauf. Wir setzen gegebenenfalls noch Nährstoffe zu und das verbrauchte Wasser wird wieder aufgefangen. Dann analysieren wir, was die Pflanzen bekommen haben und was hinterher noch im Wasser ist. So lernen wir, wie wir die Pflanzen optimal versorgen können", so der Agrarwissenschaftler.

Wolfgang Grüne zählt auf, was in der letzten Saison angebaut wurde: "Erdbeeren, Salate und Kräuter wie Rosmarin, Schnittlauch, Basilikum, Pfefferminze, Zitronengras, Lavendel und Currykraut. Letztes Jahr haben wir schätzungsweise 1000 Kräutertöpfe produziert. Das kann natürlich noch deutlich gesteigert werden. Als die lokalen Restaurants coronabedingt dicht machen mussten, haben wir die Reste an die Tafel abgegeben."

Basilikum wurde in einer grünen und in einer lilafarbigen Variante angebaut. "Vor allem das lilafarbige kam bei den Restaurants gut an, weil man es nicht so häufig bekommt wie das Grüne. Ein Lokal hat einen neu kreierten 'Job-Salat' auf die Speisekarte genommen, mit Salaten und Kräutern vom Dachgewächshaus", erzählt Wolfgang Grüne. Das Basilikum haben beide im letzten Jahr getestet und für lecker befunden. "Wir konnten zwei bis drei Wochen von dem Topf ernten, wahrscheinlich, weil es frisch vom Gewächshaus in unsere Küche kam", vermutet Markus Werntgen-Orman.

Oben auf dem Dach kann ein Energieschirm über die Fenster geschoben werden: "Damit können wir beispielsweise im Sommer die Licht- und Wärmeeinstrahlung dämpfen. Im Winter schließen wir ihn bei klaren Nächten, um die Restwärme im Raum zu halten. Das läuft computergesteuert. Eine Klimabox im Raum und eine Messstation draußen speisen den Computer mit Daten, auf deren Grundlage sich der Energieschirm öffnet oder schließt."

Im dritten Raum wird gerade etwas Feldsalat angebaut. Die eigentliche Salatproduktion startet später im Jahr. Markus Werntgen-Orman möchte perspektivisch zu einer ausgelasteten Ganzjahresproduktion kommen, bei gleichzeitig ökologischer Produktionsweise. "Das Substrat der Jungpflanzen ist bio-zertifiziert, aber noch enthält es bio-zertifizierten Torf. Sobald es Alternativen gibt, möchten wir ganz auf Torf verzichten."

"Die einzelnen Salatpflanzen sitzen in Pontons aus einem Kunststoff, der stabiler ist als Styropor und der mit einem Hochdruckreiniger gesäubert werden kann. Die Pontons schwimmen in der Nährlösung. Innen sind sie hohl. Man könnte also Wasser einfüllen und das Schwimm-Niveau verändern", erläutert der Agrarwissenschaftler.

Das Becken gegenüber ist wegen der Winterpause noch leer. Das ermöglicht einen Blick auf die Technik. Die Schläuche transportieren Sauerstoff und Nährlösung.

Da, wo die runden Elemente im gefüllten Becken Sauerstoff zuführen, sprudelt es.

Der größte Spaß am Gärtnern ist das Experimentieren. Und so nimmt Wolfgang Grüne in dieser Saison einen neuen Exoten ins Kräuterprogramm auf: das Pilzkraut, das aussieht wie Basilikum. Die Pflanze kommt ursprünglich aus Papua-Neuguinea, gehört zu den Akanthusgewächsen und schmeckt tatsächlich nach Pilz.

Auf hohem Niveau experimentiert wird hinter dieser Tür zum vierten Raum im Dachgewächshaus: "Hier forscht das Institut Fraunhofer UMSICHT unter anderem daran, ob und wie künftig Grauwasser aus den Waschbecken des Jobcenters für die Bewässerung genutzt werden könnte. Und vielleicht findet das Team auch eine Alternative zum Torf. Die Erkenntnisse, die hier gewonnen werden, kommen nicht nur unserem Projekt zugute, sondern der Gewächshaus-Forschung weltweit", sagt Markus Werntgen-Orman stolz.

Anderen Kommunen, die ähnliches umsetzen möchten, rät Markus Werntgen-Orman: "Wenn man eine Idee hat, von der man überzeugt ist, sollte man sie verfolgen und nicht die Schere im Kopf haben. Wir freuen uns, dass unser Projekt vom Bund mit 2,3 Millionen Euro gefördert wurde. Insgesamt hat es über 30 Millionen gekostet." Vielleicht bekommt es am 29.01.2021 den Siegeskranz aufgesetzt, denn es ist für den Preis des Deutschen Architekturmuseums nominiert. Sobald Corona es zulässt, sind öffentliche Führungen geplant. Aus Hygienegründen ist das Dachgewächshaus nicht frei zugänglich.

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Stand: 21.01.2021, 14:15