Feuerfalle Weihnachtsshopping

Feuerfalle Weihnachtsshopping

  • Viele Supermärkte und Modegeschäfte zugestellt mit Saison-Ware.
  • Die Ware versperrt oft Notausgänge und Rettungswege.
  • Solche Läden können zur tödlichen Falle werden.

Weihnachten naht - und damit nimmt in den Innenstädten auch das Shopping-Chaos wieder Fahrt auf. Viele Läden stellen ihre Kleiderständer oder Warentische direkt in den Eingangsbereich. Das Problem: Gerade diese Zonen sind meistens Notfall-Fluchtwege, die unbedingt frei bleiben müssen. Im Brandfall könnte es hier eng werden.

"Markt"-Team geht auf Kontrollgang

In Begleitung von Feuerwehleuten zogen zwei Teams von WDR Markt los, um in der Kölner Innenstadt den Sicherheitscheck zu machen. In 42 Geschäften kontrollierten sie die Notausgänge und Fluchtwege.

Das Ergebnis: In 15 großen Läden, also mehr als einem Drittel, blockierten Warenstände den Fluchtweg, waren Feuerlöscher nicht vorhanden oder zugestellt. In einigen Fällen waren die Notausgänge sogar verschlossen. In einem Möbelgeschäft wusste der Mitarbeiter gar nicht, wo der - mit Pfeilen gekennzeichnete - Notausgang war.

Besonders empörend: Bei einem Markt-Check vor zwei Jahren waren teils in genau den gleichen Läden die Fluchtwege bereits verstellt gewesen. Geändert hat sich dort seitdem nichts.

Zwei Atemzüge bis zur Bewusstlosigkeit

Bricht an solchen Orten ein Feuer aus, kann das Geschäft schnell zur tödlichen Falle werden. "Die meisten Menschen sterben nicht durch das Feuer, sondern durch den Rauch", erklärt der Feuerwehrmann. Bereits zwei Atemzüge könnten den Menschen ernsthaft schädigen, Sekunden später setze Bewusstlosigkeit ein. Zugleich stellen die Warenmassen brennbares Material dar. Die rettende Feuerwehr muss mit dichtem Qualm kämpfen und kann den Weg oft selber nicht mehr sehen. Notausgangsschilder sind im Qualm meist auch nicht mehr zu erkennen. Das Geschäft kann zur tödlichen Falle werden. "Ein Albtraum", sagt der Feuerwehrmann.

Eine mit Kartons zugestellte Fluchttreppe

Typischer Fall: Halb zugestellte Fluchttreppe

Zuständig dafür, dass es funktionierende Notausgänge und Fluchtwege gibt, sind die Betreiber der Läden. Wie die Fluchtmöglichkeiten aussehen müssen, legt das Arbeitsstättenrecht fest. Ab einer Verkaufsfläche von mehr als 2.000 Quadratmetern gilt außerdem die Sonderbauordnung NRW.

Klare Vorschriften für Rettungswege

Vorgeschrieben ist unter anderem:

  • Flucht- und Rettungswege sind ständig frei zu halten. Sie dürfen nicht durch Waren oder Aufsteller verstellt oder eingeengt werden. Das gilt auch für Lagerräume. Je nach Anzahl potentieller Benutzer müssen sie bis zu 2,40 Meter breit sein (bei angenommenen 400 Personen).
  • Fluchtwege und Notausgänge müssen jederzeit und weithin sichtbar gekennzeichnet sein.
  • Notausgangstüren müssen nach außen aufschlagen. Notausgänge und Notausstiege, die von außen verstellt werden können, sind zusätzlich auch von außen zu kennzeichnen und freizuhalten.
  • Alle Türen im Verlauf von Fluchtwegen und Notausgänge müssen sich leicht und ohne Hilfsmittel öffnen lassen.
  • Feuerlöscher müssen gut sichtbar und leicht erreichbar befestigt werden. Zumindest müssen entsprechende Schilder darauf hinweisen. Sie sind mindestens alle zwei Jahre durch einen Sachkundigen zu prüfen zu lassen.
Köln, Fußgängerzone Hohe Straße

Stichproben in der Kölner Einkaufszone Hohe Straße

Doch die Realität sieht oft anders aus: In einer Kölner Mediamarkt-Filiale fand das Markt-Team den Notausgang mit rotem Flatterband versperrt. Außerdem stand bei einem weiteren, durch Beschilderung als Notausgang bezeichneten Ausgang aus dem Geschäft, ein Regal vor der Tür; der Gang nach außen war durch einen Behälter verengt. In einer Esprit-Filiale war ein als sekundärer Notausgang markiertes Fenster mit Taubennägeln gespickt. Im Brandfall könnten Kunden sich daran verletzen, befand der Brandmeister.

Stellungnahme von Mediamarkt und Esprit

Auf Anfrage erklärte Mediamarkt: "Im MediaMarkt Köln Hohe Straße werden regelmäßig die Flucht- und Rettungswege sowie die Notausgänge im Markt durch die zuständigen Behörden, darunter auch die Berufsfeuerwehr Köln sowie durch unsere internen Brandschutzbeauftragen überprüft. Die letzte behördliche Prüfung erfolgte im September 2017." Dabei sei auch das erwähnte Flatterband am beschilderten Notausgang nicht beanstandet worden. Eine Stellungnahme der Feuerwehr Köln auf Nachfrage des WDR hierzu steht noch aus.  Weiter schreibt Mediamarkt, dass "die Führung des Kundenstroms und die Wegeführung verändert" worden sei. "Die bisher angebrachte Notausgang-Beschilderung wurde im Zuge dessen bereits entfernt, die Kunden werden dadurch somit nicht mehr vor das Regal gelotst."

Das sagt Esprit: "Bei dem bebilderten Rettungsweg in Köln handelt es sich nicht um den Hauptfluchtweg aus dem Geschäft, sondern um eine sogenannte anleiterbare Stelle, die baurechtlich als zweiter Rettungsweg entsprechend §17 BauO NRW zulässig ist und über Rettungsgeräte der Feuerwehr führt." Eine Benutzung durch "fliehende Kunden" sei hier nicht vorgesehen und auch nicht möglich. Dennoch nehme man die Bedenken der Markt-Experten ernst: "Damit der Rettungsweg dennoch auch ohne Hilfestellung der Feuerwehr gefahrlos benutzt werden kann, sind wir aktuell in Abstimmung mit dem Vermieter, um den Taubenschutz auf eine dem Zweck dienliche Form abzuändern."

Kontrollen, Hinweise, Bußgeld

Wer kontrolliert den Brandschutz in Verkaufsläden? Die Bezirksregierung Köln erklärt, seit 2015 unangemeldete Kontrollgänge in den Geschäften zu machen, so ein Sprecher. Fänden sie die gesetzlichen Vorgaben nicht erfüllt, würde der Ladenbetreiber darauf hingewiesen. Seien die Mängel bei der nächsten Kontrolle noch immer nicht beseitigt, könne ein Bußgeld von bis zu 5.000 Euro erhoben werden.

Stellungnahme der Aufsichtsbehörden

Bauaufsichtsamt der Stadt Köln: "Verantwortlich für etwaige  Verstöße gegen öffentlich-rechtliche Vorschriften ist in erster Linie der Betreiber der Anlage.  

Sofern der Bauaufsichtsbehörde eine Meldung über einen vermuteten Verstoß zur Kenntnis gelangt, geht sie dieser Meldung nach. Aufgrund der hohen Dichte der Beschwerden muss die Behörde den Einsatz bzw. die Einstufung der Priorität an dem Gefahrenpotenzial des Falles ausrichten.  

Sollte bei einer Überprüfung festgestellt werden, dass es sich um einen ordnungsbehördlichen Verstoß handeln könnte, wird der Betreiber im Rahmen eines ordnungsbehördlichen Verfahrens angehört. Rechtliche Grundlage bilden das Verwaltungsverfahrensgesetz sowie die BauO für das Land NRW. Die Höhe eines möglichen Bußgeldes richtet sich nach § 84 BauO NW und ist einzelfallbezogen zu ermitteln."

Auch die Feuerwehr Köln erklärt, zuständig für sogenannte Brandverhütungsschauen zu sein. Verkaufsläden mit mehr als 2.000 Quadratmeter Fläche müssten mindesten alle sechs Jahre von Feuerwehr und Bauaufsichtsamt gemeinsam geprüft werden. Die Kontrollen, so ein Sprecher, würden aber vorher schriftlich angemeldet.

Anmerkung:  In einer früheren Version des Textes wurde nicht ausreichend klar, dass wir bei Mediamarkt zwei beschilderte Notausgänge überprüft haben – mit unterschiedlichen Mängeln. Dies haben wir präzisiert.

Stand: 14.12.2017, 12:24