Methadon - wirksam in der Krebstherapie?

Methadon - wirksam in der Krebstherapie?

  • Interview mit Chemikerin Dr. Claudia Friesen
  • Das Schmerzmittel kann die Wirkung von Chemotherapien verstärken
  • Es fehlen klinische Studien
Dr. Claudia Friesen

Dr. Claudia Friesen ist Leiterin des Forschungslabors am Institut für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Ulm. 2008 bemerkte sie, dass Chemo-Präparate in Kombination mit Methadon Krebszellen absterben lassen.

WDR: Wie hoch schätzen Sie die Wirksamkeit von Methadon in der Krebstherapie ein?

Dr. Claudia Friesen: Sehr hoch. Methadon kann Krebstherapien verstärken. Im Labor haben wir gesehen, dass Zellen, die nicht mehr angesprochen haben auf ein Chemotherapeutikum, wieder ansprechbar gemacht werden konnten, indem man Methadon hinzugab.

WDR: Wie kann Methadon die Wirkung von Krebstherapien verstärken?

Friesen: Eine Tumorzelle hat sogenannte Pumpen. Wenn ein Chemotherapeutikum kommt, pumpt die Tumorzelle es wieder heraus. Es kann dann in der Zelle nicht mehr wirken.

Wenn Methadon dabei ist, blockiert es diese Pumpen. Dann wird viel mehr in der Zelle aufgenommen. Das Chemotherapeutikum kann in der Zelle wirken.

Zudem kann Methadon Signalwege verstärken, um eine Zelle zu zerstören. Das Schöne ist: Methadon dockt nur an den Tumorzellen an und nicht an gesunden Zellen.

WDR: Ist es für Patienten schwer, Methadon als Schmerzmittel in der Krebstherapie verschrieben zu bekommen?

Das Bild zeigt eine Dose und einen Loeffel mit dem Medikament Methadon.

Methadon: Ärzte werden offener

Friesen: Eigentlich darf jeder Arzt Methadon als Schmerzmittel verordnen, auf spezielle Rezepte für Betäubungsmittel. Aber für die Patienten ist es schon ein harter Kampf, weil es nicht zu den etablierten Schmerzmitteln in der Krebstherapie gehört. Nicht jeder Arzt verschreibt es. Viele sind unsicher und haben nicht viel Erfahrung damit.

Im Moment werden Ärzte aber offener, weil sie sehen, welche Lebensqualität Patienten dadurch gewinnen. Viele Ärzte beobachten ungewöhnliches Ansprechen, sobald Patienten von anderen Schmerzmitteln auf Methadon umgestellt werden.

Wir sind mittlerweile ein Netzwerk von über 150 Ärzten, die Methadon als Schmerzmittel auch bei ihren Tumorpatienten einsetzen. Es schließen sich immer mehr Ärzte an, weil sie sehen, wie sehr die Patienten davon profitieren.

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WDR 5 Quarks - Die Kleine Anfrage | 25.10.2018 | 04:28 Min.

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WDR: Wie werden Ihre Ergebnisse von anderen Wissenschaftlern und Onkologen aufgenommen?

Friesen: Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Gegenwind bekomme. Ich hab gedacht, wenn ich Fälle von Patienten habe, die ungewöhnlich profitieren, dass Ärzte und Kliniken mit mir arbeiten. War leider nicht so! Denn die klinischen Studien fehlen.

WDR: Warum gibt es denn keine klinischen Studien?

Friesen: Letztlich scheitert es am Geld. Klinische Studien kosten sehr viel Geld. Methadon ist ein sehr günstiges Medikament. Man kann damit nicht viel verdienen. Es kostet zwischen 20 und 30 Euro für vier bis sechs Wochen. Wenn das in Konkurrenz steht zu einem Medikament, das 25.000 Euro kostet, kann man sich vorstellen, dass man kein Interesse hat, das zu vermarkten.

Aber wir brauchen klinische Studien. Darum hoffen wir, dass wir nun eine Förderung vom Bund für diese Studien bekommen.

Das Interview führte Birgit Brückner.

Stand: 05.11.2018, 12:39