Medikamenten-Mangel: Engpässe verschärfen sich

Fehlende Medikamente Markt 11.03.2020 07:00 Min. UT Verfügbar bis 11.03.2021 WDR Von Kai-Hendrik Haß, Silke Hempel

Medikamenten-Mangel: Engpässe verschärfen sich

  • Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten
  • Neue Engpässe wegen Covid-19
  • Produktion in Asien unterbrochen
  • Forderung nach zusätzlichen Quellen

Schmerzmittel, Allergiemittel, Antidepressiva, Blutdrucksenker, Blutzuckermedikamente - Arzneien, auf die Millionen Kranke angewiesen sind, können in vielen Apotheken ausverkauft sein. Laut dem Bundesinstitut für Arzneimittel (BfArM) gibt es derzeit bei über 270 Präparaten Lieferschwierigkeiten, Ende 2019 waren es noch etwa 200. Darunter auch bei Allerwelts-Medikamenten wie dem Schmerzmittel Ibuprofen. Bei 20 krankenhausrelevanten Medikamenten soll der Engpass frühestens 2021 enden, bei einem Medikament sogar erst im Mai 2022.

Auswirkungen von Covid-19

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) befürchtet wegen der aktuellen Covid-19-Epidemie neue Arzneimittel-Engpässe in Europa. Hintergrund sei der Produktionsstopp in China bei wichtigen Wirkstoffen, der zu Knappheit in Europa führen könne.

Der Produktionsstopp in China wirkt sich auch auf die Lieferungen aus Indien aus. Die indischen Behörden haben Anfang März entschieden, den Export von 26 Medikamenten und Wirkstoffen einzuschränken. Aus dem Land kommen viele Nachahmerpräparate. Die Grundstoffe für deren Produktion kämen aus China und wegen der Epidemie würden sie inzwischen nicht mehr geliefert, sagte der Vorsitzende der indischen Exportförderungsbehörde für Arzneimittel, Dinesh Dua.

Man wolle sicherstellen, dass wichtige Medikamente wie Paracetamol in ausreichender Menge für den eigenen Markt zur Verfügung stehen. Auch Deutschland sei als größter Abnehmer indischer Generika in der EU von den Exportbeschränkungen betroffen.

Produktion der Medikamente oft im Ausland

Eine wesentliche Ursache für die hohe Zahl an Engpässen sieht Dr. Ellen Lundershausen, Vizepräsidentin der Bundesärztekammer in der Verlagerung der Produktion in außereuropäische Länder, verbunden mit der Konzentration auf wenige Standorte: "Wenn die Produktion an einer Stelle stockt oder die Qualität nicht stimmt, ist die ganze Versorgung in Frage gestellt."

Pharmafirmen lassen - wie andere Industrien auch - seit Jahren einen Großteil ihrer Medikamente im Ausland produzieren, zum Beispiel in China oder Indien. Rund 80 Prozent der wichtigsten Wirkstoffe werden außerhalb Europas produziert. Wegen des Preisdrucks in der Branche konzentrieren sich die Bestellungen meist auf den günstigsten Lieferanten.

Die EU diskutiere deshalb mit China und Indien über eine verlässliche Versorgung mit Medikamenten in hoher Qualität, so Direktor Andrzej Rys von der Generaldirektion Gesundheit der EU-Kommission bei einem Kongress im Januar. Eine Option sei auch, die Produktion nach Europa zurückzuholen. Da stelle sich jedoch die Frage, wie man die Industrie zu diesem Schritt bewegen könne.

Pharmafirmen machen Rabattverträge verantwortlich

Für die Pharmafirmen liegt die Schuld bei den Krankenkassen, weil diese Rabattverträge mit einigen wenigen Herstellern aushandeln und festlegen, welche Medikamente an den Kunden abgegeben werden dürfen. Damit wächst der Preisdruck, die Produktion wird ins Ausland verlagert. Die Branche fordert daher, dass bei Rabattverträgen grundsätzlich drei Arzneimittel-Hersteller zum Zuge kommen.

Lager sollen gefüllt werden - aber womit?

Gesundheitsspolitiker setzen jetzt auf eine nationale Arzneimittel-Reserve für versorgungsrelevante Medikamente: Per Gesetz sollen Hersteller und Großhändler verpflichtet werden, ihre Vorräte zu erhöhen. Die sind aber skeptisch: "Unser Problem liegt nicht in ausreichenden Lagerständen, sondern darin, nicht genug Ware auf den Markt zu bringen", so Hubertus Cranz vom Bundesverband der Arzneimittelhersteller.

Ärzte warnen vor Gesundheitsrisiken

Das Gesetz sieht auch vor, dass notfalls auch ein teureres Medikament verschrieben werden kann. Ärzte warnen aber davor, ein Medikament einer Wirkstoffgruppe einfach gegen ein anderes auszutauschen. "Jedes Medikament wirkt etwas anders, zum Beispiel bei den Dosierungen. Das muss engmaschig kontrolliert werden" , erklärt der Düsseldorfer Allgemeinmediziner Detlef Prommer.

EU-Lösung in der zweiten Jahreshälfte?

Bundesgesundheitsminister Spahn hatte bereits im November 2019 angekündigt, das Thema in der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte 2020 anzugehen. Ziel sei, das europäische Vergaberecht zu überarbeiten. Es solle bei Zuschlägen nicht nur nach dem Preis gehen, sondern auch danach, wo Produktionsstandorte seien.

Heilung nicht lieferbar: Medikamentenmangel und seine Folgen die story 05.02.2020 43:31 Min. UT Verfügbar bis 05.02.2021 WDR Von Fabian Sabo

Stand: 11.03.2020, 16:36