Pflegenotstand – ein drängendes Problem (Teil 2)

Krankenpflegerin reicht einem Patienten ein Glas Wasser. Pflegefachkraft hilft einem älteren Mann beim Gehen.

Pflegenotstand – ein drängendes Problem (Teil 2)

  • Interview mit Gesundheitsökonom Heinz Rothgang
  • Er fordert neue Formen der Finanzierung
  • Pflege wird wohl deutlich teurer werden

Hier geht es zum ersten Teil des Interviews:

WDR: Wenn Pflegekräfte jetzt besser bezahlt werden sollen, wer soll das bezahlen?

Rothgang: Wir haben gedeckelte Leistungen der Pflegeversicherung und deshalb wird etwa jede Verbesserung der Löhne zu hundert Prozent von den Bewohnern im Heim getragen. Damit spielen wir die Pflegekräfte und die Pflegebedürftigen gegeneinander aus, was das Vertrauensverhältnis zwischen beiden belastet.

Deswegen sind mein Team und ich der Ansicht, dass dieses Finanzierungssystem grundsätzlich geändert werden muss. Und dass wir den - wir nennen es - Sockel-Spitze-Tausch durchführen müssen.

Heinz Rothgang

Professor Heinz Rothgang ist Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege, Alterssicherung am SOCIUM - Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.

Im Moment zahlt die Pflegeversicherung einen Sockelbetrag und alles, was darüber hinaus ist, zahlt der Pflegebedürftige und jede Qualitätsverbesserung geht zu finanziellen Lasten der Pflegebedürftigen. Man muss es aber genau umgekehrt machen. Pflegebedürftige sollen einen bestimmten Sockel selbst tragen, und was darüber hinausgeht, das zahlt die Pflegeversicherung.

Wenn wir dann über steigende Löhne sprechen, über bessere Personalausstattung, dann würde das zu Lasten der Pflegeversicherung gehen, also der Pflegeversicherten, der Beitragszahler. Das sind viele und nicht zu Lasten der Heimbewohner, das sind wenige.

WDR: Was würde dieser Sockel-Spitze-Tausch kosten?

Rothgang: Das ist die Frage, wie hoch man den Sockel ansetzt. Ich kann den Sockel natürlich in einer Höhe ansetzen, sodass sich für die Sozialversicherungen zum Umstellungszeitpunkt gar nichts ändert. Aber für die Zukunft dann, wenn es zu Aufwüchsen der Pflegesätze kommt aufgrund höherer Gehälter der Pflegekräfte, wegen mehr Personal, dann würde das zu Lasten der Sozialversicherung gehen.

WDR: Die Pflegeversicherung - eine Art Teilkasko wie beim Auto?

Rothgang: Wir alle kennen Teilleistungsversicherungen mit Selbstbehalt. Und so hätten wir das gerne auch in der Pflegeversicherung. Es gibt einen bestimmten Sockel für den ich selber aufkommen muss.

Aber ich bin abgesichert gegen das Risiko, dass ich lange pflegebedürftig bin, dass ich ein besonders teurer Pflegefall bin, dass ich in eine Spezialeinrichtung muss. All diese Dinge sind ja die Risiken, die im Moment beim Pflegebedürftigen verbleiben.

WDR: Wird Pflege wird also teurer?

Rothgang: Entweder wir lassen zu, dass alte Menschen schlecht versorgt werden. Oder, wenn wir das nicht wollen, dann wird die Sache teurer. Das ist sozusagen Grundgesetz des Ganzen. Auch Pflegekräfte aus dem Ausland zu holen, ist langfristig keine Lösung.

WDR: Wie könnte eine Lösung aussehen?

Rothgang: Es gibt keine billige Lösung. Die Lösung des Versorgungsproblems wird sein, an allen Schrauben gleichzeitig zu drehen: Wir müssen die Möglichkeiten für familiale Pflege verbessern. Wir müssen schauen, was wir durch Technikeinsatz verbessern können. Wir müssen langfristig den Beruf attraktiver machen.

Abschließend noch eine positive Bemerkung zum Pflegekräftemangel: Wir haben diese Diskussion über Fachkräftemangel, wir haben gleichzeitig aber auch die Diskussion über Arbeit 4.0. Da werden viele Menschen freigesetzt, wenn man die beiden Dinge mal zusammen denkt, ist es vielleicht nicht ganz so trostlos mit der Zukunft der Pflege.

Das Gespräch führte Udo Eling.

Stand: 13.03.2019, 11:33