Pflegenotstand – ein drängendes Problem

Warum ist die Pflege so teuer? Markt 13.03.2019 06:55 Min. UT Verfügbar bis 13.03.2020 WDR Von Philine Eling; Udo Eling

Pflegenotstand – ein drängendes Problem

  • Interview mit Gesundheitsökonom Heinz Rothgang
  • Ausländisches Kapital als Investor in Pflegeheimen?
  • Regeln für Privatisierung sollten Qualität sichern

WDR: War die Privatisierung der Pflegedienstleistungen seit Einführung der Pflegeversicherung eine positive Entwicklung?

Professor Heinz Rothgang: Ich denke, das war eine notwendige Entwicklung. Wenn wir uns die Pflegeinfrastruktur seit Mitte der 90er Jahre anschauen, dann sehen wir, dass die explodiert ist. Die Zahl der Heimplätze und ambulanten Dienste ist gestiegen und das ist ganz überwiegend durch private Anbieter erfolgt. Ohne diese hätten wir diese Steigerung nicht gehabt. Und das war natürlich sinnvoll.

Etwas anderes ist die zweite Privatisierungswelle, vor der wir im Moment stehen: Dass ausländisches Kapital auf den Markt drängt, dass sich Ketten hier einkaufen: Da bin ich schon eher skeptisch.

Heinz Rothgang

Professor Heinz Rothgang ist Leiter der Abteilung Gesundheit, Pflege, Alterssicherung am SOCIUM - Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen.

WDR: Ist es das, was wir derzeit erleben?

Rothgang: Das ist genau das, was im Moment passiert. Ausländisches Geld drängt auf den deutschen Markt, Heime werden en gros gekauft. Häufig sehen Sie das nicht einmal, weil das Label, der Name des Heims, sich nicht ändert.

WDR: Warum ist das so attraktiv für diese Unternehmen?

Rothgang: Der deutsche Pflegemarkt ist ein wachsender Markt. Pflegebedürftige werden uns nicht ausgehen, es werden vielmehr immer mehr werden. Daher erscheint es als eine relativ sichere Geldanlage in Zeiten, in denen gute Geldanlagen knapp sind bei diesen großen Mengen an Kapital, die weltweit herum vagabundieren.

WDR: Es gibt also unterschiedliche Privatisierungen?

Rothgang: Wenn wir über Privatisierung sprechen, müssen wir überlegen, was wir damit meinen. Wenn ich mit ausländischen Kollegen spreche, sagen die, dass ihnen in Deutschland diese kleinen Autos auffallen, die da rumflitzen mit dem Schriftzug "Ambulanter Pflegedienst." Der Ausbau dieser Angebote ist eine wirkliche Erfolgsgeschichte.

Wenn jetzt die Konzernpflege kommt, wissen wir nicht genau, was passiert. Wir kennen aus dem Krankenhausbereich aber Entwicklungen, bei denen entsprechende Privatisierungen entweder zu Lasten der Qualität oder zu Lasten der Mitarbeiter gegangen sind. Und beides wäre nicht schön!

WDR: Was ist mit den Kommunen?

Rothgang: Die Kommunen haben sich nach Einführung der Pflegeversicherung in einem Maße aus der Altenhilfe zurückgezogen, das durch die Pflegeversicherung gar nicht abgedeckt war. Deswegen bin ich immer skeptisch, wenn die Kommunen jetzt als die Erlöser in der Szene gepriesen werden.

Nach dem Motto: Wir müssen das alles kommunalisieren und schon wird alles gut. Die Kommunen sind sehr unterschiedlich aufgestellt –  zum Teil eben auch gar nicht gut! Daher bleiben die Kommunen ein schwieriger Akteur, wenn es um die Zukunft der Pflege geht.

WDR: Wie sollte man mit dem Thema Privatisierung jetzt umgehen?

Rothgang: Wir können nur versuchen, die Privatisierungsfolgen sehr im Blick zu behalten, hinsichtlich der Pflegebedürftigen Qualitätssicherung zu gewährleisten und in Bezug auf die Arbeitnehmer auf die Arbeitsbedingungen und die Entlohnung zu achten. Ich würde die Energie nicht darauf verwenden, die Privaten jetzt wieder aus dem Markt herauszuschmeißen. Das ist auch gar nicht möglich. Vielmehr man muss schauen, dass auch Private nach bestimmten Regeln spielen.

Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews

Stand: 13.03.2019, 10:37