Mangelernährung: Höheres Risiko für Infektionen

Mangelernährung: Höheres Risiko für Infektionen

  • 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Mangelernährung
  • Interview mit dem Ernährungsmediziner Professor Johann Ockenga
  • "Man wird Mangelernährung nicht immer komplett verhindern können"
Johann Ockenga

DGEM-Vizepräsident Prof. Johann Ockenga

Falsche Ernährung im Krankenhaus kann den Heilungsprozess verlängern. Es droht sogar eine Mangelernährung. Deren Folgen können gravierend sein, sagt der Gastroenterologe und Ernährungsmediziner Professor Dr. Johann Ockenga.

Professor Dr. Johann Ockenga ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) und leitet die Medizinische Klinik II des Klinikums Bremen-Mitte.

Wann spricht man von einer Mangelernährung?

Professor Johann Ockenga: Unter Mangelernährung versteht man die Folgen des Ungleichgewichts zwischen dem Bedarf und der Zufuhr von Energie, Eiweißen und anderen Nährstoffen. Wenn das geschieht, greift der Körper auf Fett als Energie- und Muskeln als Eiweißspeicher zurück, um lebensnotwendige biologische Prozesse im Körper aufrecht zu erhalten.

Es kann aber auch bedeuten, dass bestimmte Mikrostoffe, Spurenelemente oder Vitamine fehlen.

Und das ist dann für den Patienten gefährlich?

Ockenga: Mit dem Abbau körpereigener Substanzen wird die Funktionalität des Körpers eingeschränkt. Wir wissen zum Beispiel, dass mangelernährte Patienten ein höheres Infektionsrisiko der Atemwege haben, weil das tiefe Durchatmen oder Abhusten durch das Fehlen von Muskulatur beeinträchtigt ist.

Kann man diesen Abbau nicht verhindern?

Ockenga: Der erste Schritt ist überhaupt daran zu denken. So empfehlen wir ein generelles Screening auf ein Ernährungsrisiko, um so die Patienten frühzeitig zu erkennen, die eine Ernährungstherapie benötigen. Man wird Mangelernährung nicht immer komplett verhindern können. Je nach Verlauf einer Erkrankung fehlt es den Patienten schlicht an Appetit.

Eine Erkrankung hat eine akute Phase und eine Erholungs- oder Aufbauphase. Man kann den Verlauf der Krankheit durch gezielte Unterstützung im Ernährungsbereich in den letzten Tagen des Krankenhaus-Aufenthaltes oder den ersten Tage zuhause maßgeblich verbessern.

Aktuelle Studien zeigen, dass etwa die Hälfte der Patienten, die in einem Krankenhaus chirurgisch behandelt werden, an Gewicht verlieren. Wie kann das sein – schmeckt’s nicht?

Ockenga: Es sind wie so häufig mehrere Gründe, die dazu führen. Bei akuten Erkrankungen ist der Appetit reduziert und der Patient isst weniger. Zudem ist Krankenhaus-Kost eine Gemeinschaftsverpflegung, bei der es nicht so häufig wirklich schmackhaftes Essen gibt.

Das liegt unter anderem daran, dass an Krankenhaus-Kost gespart wird, weil man damit Kosten reduzieren kann.

Kann ich denn als Patient oder Angehöriger etwas tun, wenn der Verdacht auf eine Mangelernährung besteht?

Ockenga: Als erstes sollte man das Personal ansprechen. In der Regel bieten viele Krankenhäuser Lösungen an – von der Zwischenmahlzeit über gezielte Anreicherung der Mahlzeiten mit Eiweiß bis zur Umstellung der Ernährung auf eine eiweiß- und kalorienreiche Kost. Und Sie können auch selber was tun: Wenn Sie als Angehöriger wissen, dass der Patient etwas gerne isst, dann sollten wir ihm das mitbringen – und sei es eine Sahnetorte.

Das Interview führte Peter Schneider

Risiko für Patienten: Mangelernährung im Krankenhaus

WDR 5 Neugier genügt - das Feature | 19.03.2018 | 20:30 Min.

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Stand: 10.10.2018, 09:51