Dauerhafte Schmerzen

Eine Frau greift sich vor Schmerzen in den Nacken

Dauerhafte Schmerzen

Von Karsten Morkun

Mehr als 13 Millionen Menschen in Deutschland werden dauerhaft von Schmerzen geplagt. In Rücken, Gelenken, Muskulatur.

Der chronische Schmerz ist – anders als der akute Schmerz – ein eigenes Krankheitsbild. Doc Esser klärt auf, was unser Schmerzempfinden beeinflusst und wie man Schmerzen lindern oder sogar dauerhaft loswerden kann. Dauerhaft heißt: Die Schmerzen bestehen mindestens drei bis sechs Monate, obwohl die akute Ursache längst abgeheilt ist.

Akuter Schmerz

Das Bild zeigt eine Hand über einer Herdplatte.

Bei Schmerzen handelt es sich, ähnlich wie bei Hunger oder Durst, Schwitzen oder Frieren, zunächst einmal um eine subjektive Wahrnehmung. Die Internationale Gesellschaft zur Erforschung des Schmerzes definiert Schmerz als "unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit einer tatsächlichen oder drohenden Gewebeschädigung verknüpft ist". Und so unangenehm diese Empfindung ist – akuter Schmerz ist lebensnotwendig. Er ist ein Warnsignal unseres Körpers. Ohne Schmerzempfinden würden wir eine Verbrennung, wie zum Beispiel die Hand auf der heißen Herdplatte oder auch eine gefährliche Entzündung (Blinddarm, Magen, etc.), gar nicht bemerken.

Chronischer Schmerz

Während akute Schmerzen als Warnsignal sinnvoll, manchmal sogar lebensrettend sein können und mit Heilung der Ursache abklingen, haben chronische Schmerzen meist keine sinnvolle Funktion, sondern werden zum eigenen Krankheitsbild. Neben chronischen Entzündungen gilt eine Fehlfunktion im Nervensystem als eine der Hauptursachen. 

Das Bild zeigt einen Mann der sein Gesicht vor Schmerz verzieht.

Hält ein starker Schmerz über einen längeren Zeitraum an, merkt sich das der Nerv. Dadurch bildet sich ein sogenanntes Schmerzgedächtnis. Die Nervenzellen verändern ihren Stoffwechsel, bilden mehr Rezeptoren aus, die dann bereits bei minimalen Reizen Schmerzimpulse an das Gehirn senden. So können schon leichter Druck oder sanfte Berührungen als starker Schmerz empfunden werden. Die Empfindlichkeit des Schmerzsystems schaukelt sich sozusagen hoch, im Extremfall werden sogar ohne jeden Reiz Schmerzsignale zum Gehirn geleitet.

Und es sind nicht nur die chronischen Schmerzen selbst, unter denen die Betroffenen leiden. Viele von ihnen haben zusätzlich mit den damit verbundenen Begleiterscheinungen zu kämpfen: Bewegungseinschränkungen und reduzierte Mobilität, Unverständnis im Umfeld, in der Folge soziale Isolation bis hin zu Depressionen.

Männer und Frauen leiden unterschiedlich

Es gibt einige Faktoren, die das Schmerzempfinden beeinflussen: die persönliche Konstitution, Alter, das eigene Denken und Fühlen, schon gemachte Schmerzerfahrungen, aber auch Stress, die Tageszeit und das Geschlecht.

Das Bild zeigt eine Frau mit Schulterschmerzen.

Auch wenn es definitiv Ausnahmen gibt, haben Studien gezeigt, dass Frauen nicht nur häufiger unter Schmerzen leiden. Sie nehmen Schmerzen im Durchschnitt auch intensiver wahr als Männer, bei denen das körpereigene Schmerzhemmsystem möglicherweise stärker ausgeprägt ist. Eine ausschlaggebende Rolle soll in diesem Zusammenhang den Hormonen zukommen. So soll Testosteron die Schmerzweiterleitung im zentralen Nervensystem hemmen und damit eine schmerzlindernde Wirkung haben.

Eine solche Tendenz zeigte sich neben zahlreichen Studien auch bei einer Beobachtung von Männern und Frauen, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatten. Bei mehr als der Hälfte der Frauen, die in diesem Rahmen mit Testosteron behandelt wurden, sank sowohl die Häufigkeit als auch die Intensität von Schmerzen. Auf der anderen Seite klagte ein Drittel der Männer, die während der Geschlechtsumwandlung Östrogene einnahmen, über zunehmende Schmerzen.

Die Schmerzintensität ist bei Frauen stärker, Schmerzschwelle und Schmerztoleranz im Gegenzug niedriger. Ein Erklärungsansatz liegt in unserem steinzeitlichen Erbe. Schmerzmedizinerin Prof. Esther Pogatzki-Zahn: „Wer verletzt wurde und weglaufen konnte, weil er seine Schmerzen überwinden konnte, hat überlebt. Dadurch haben die Männer überlebt, die dieses System extrem gut ausgebildet hatten. Bei den Frauen war das nicht der relevante Aspekt.“ Doch es gibt eine Situation, da wandelt sich das Bild. Im Moment einer Geburt und den damit verbundenen enormen körperlichen Belastungen setzt der Körper der Frau schmerzstillende Endorphine in einem Ausmaß frei, dass „die Frau zum Supermann wird“, so Prof. Esther Pogatzki-Zahn.

Stand: 20.10.2020, 13:00