Blutzucker senken

Blutzucker senken Doc Esser - Der Gesundheitscheck 26.02.2020 07:23 Min. UT Verfügbar bis 26.02.2021 WDR Von St. Gerhards, F. Nehrkorn

Blutzucker senken

Von Stefanie Gerhards

Er wird der leise Killer genannt. Denn erst merkt man ihn kaum, weil er keine Schmerzen verursacht. Doch er hat Langzeitschäden im Gepäck, die niemand bekommen möchte: Erblinden, Nierenversagen, Nervenschäden oder Impotenz. Die Rede ist von: Diabetes mellitus Typ 2.

Eine Million Menschen bei uns im Westen leiden an Diabetes mellitus Typ 2, Tendenz: steigend. 6,7 Millionen sind es in ganz Deutschland – das bedeutet: jeder 11. ist betroffen. Allerdings nicht nur ältere Menschen, sondern auch jüngere! Setzt sich diese Entwicklung fort, werden in 20 Jahren doppelt so viele Menschen zuckerkrank sein, sagen Mediziner und Wissenschaftler aktuell Anfang Februar anlässlich des Zukunftstags Diabetologie.

Die gute Nachricht: Neue Studien belegen, dass Diabetes Typ 2 je nach Stadium der Erkrankung sogar heilbar sein kann, d.h. wir können in manchen Fällen die Erkrankung rückgängig machen. Der Körper kann wieder „lernen“, das lebensnotwendige Insulin selbst zu produzieren.

Warum wir zuckerkrank werden

Mangelnde Bewegung und ungesunde Ernährung, sie sind die Hauptverursacher der Wohlstandskrankheit Diabetes mellitus Typ 2. Die Zuckerkrankheit entsteht dabei nicht von heute auf morgen. Sie entwickelt sich über einen Zeitraum vieler Jahre. Viele Betroffene leiden oft jahrelang an einer Vorstufe, dem Prädiabetes, bevor „echter“ Diabetes festgestellt wird. Ein normaler Blutzuckerwert liegt im nüchternen Zustand zwischen 70 und 110 mg/dl, von Prädiabetes sprechen Mediziner bei einem Wert bis 126 mg/dl, alles darüber hinaus wird als Diabetes bezeichnet. Zur langfristigen Kontrolle ist der Langzeitblutzuckerwert entscheidend. Der sogenannte HbA1c-Wert liegt bei Gesunden meist unter 6 %. Bei Typ-2-Diabetikern sollten diese Blutzuckerwerte zwischen 6,5 % und 7,5 % liegen.

Gestört ist bei Diabetikern die Funktion des Insulins. Dieses Hormon spaltet den Zucker im Blut normalerweise auf, so dass der in unsere Muskel- und Gehirnzellen gelangt. Gibt es ständig zu viel Insulin, weil wir zu oft, oder ständig sehr Zucker- und Kohlehydrate-haltig essen, gehen die Zellen auf Abwehrhaltung. Sie reagieren einfach nicht mehr auf das Hormon. Das nennt man Insulinresistenz. Die Folge: der Blutzuckerspiegel bleibt dauerhaft zu hoch. Und: zu viel Insulin im Blut stoppt die Fettverbrennung. Wir werden dick. Übergewicht wiederum öffnet Tür und Tor für Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Was tun dagegen?

1. Aktiv sein

Bewegung hilft in zweifacher Hinsicht. Studien belegen: sie kurbelt den Zuckerstoffwechsel an. Steigt der Kalorienverbrauch, erleichtert das das Abnehmen. Je früher Betroffene beginnen abzunehmen, umso besser stehen ihre Chancen, die Erkrankung rückgängig zu machen. Durch die Gewichtsreduktion erholen sich auch die insulinproduzierenden Zellen.

Und: wer sein Gewicht um 5 % reduziert, kann die Wirkung des Insulins um 25 % steigern. Die Insulinempfindlichkeit wird also wieder verbessert.

Weil nach 48 Stunden die Insulinempfindlichkeit wieder abnimmt, sollte alle zwei Tage Bewegung auf dem Programm stehen. Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule halten Muskelaufbau für mindestens ebenso wichtig wie Ausdauersport. Wer Muskelmasse aufbaut, verbrennt mehr – und zwar auch Zucker.

2. Gesund ernähren

Ein völliges Verbot an Lebensmitteln gibt es nicht. Wichtig aber: einfache, kurzkettige Kohlehydrate reduzieren. Weißes Brot, Pasta und Süßkram lassen den Blutzuckerspiegel rasant ansteigen. Wer sich vollwertig ernährt, tut seinem Körper mit einem langsameren Anstieg des Blutzuckers etwas Gutes. Ein Trick für Reis, Kartoffeln oder Pasta: kochen, erkalten lassen und dann wieder erwärmen vor dem Verzehr. Durch das Kaltwerden verbinden sich die Kohlenhydrate zu längeren Ketten. Auch wenn sie danach erwärmt werden: unser Körper braucht länger, um sie zu „knacken“, der Blutzuckerspiegel steigt langsamer.

3. Entspannen

Stresst uns dauerhaft etwas, ist das auch schlecht für die Blutzuckerwerte. Denn sind wir gestresst, schüttet unser Körper unter anderem mehr Kortison aus – ein Gegenspieler des Insulins. Es lässt den Blutzucker ansteigen. Entspannungstechniken, Sport und das Vermeiden stressauslösender Situationen hilft, den Stresslevel zu reduzieren.

Typ 1, 2, … oder 5?

Fünf bis zehn Prozent aller Diabetiker sind am so genannten Typ 1 erkrankt. Diese Form ist nicht heilbar. Sie entsteht durch einen absoluten Mangel des Hormons Insulin, weil die Zellen in der Bauchspeicheldrüse deren Produktion komplett einstellen. Diese kann nicht durch eine Umstellung der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten wieder reaktiviert werden, diese Patienten müssen ihr ganzes Leben lang Insulin spritzen.

Diese grobe Einteilung gilt mittlerweile als überholt, Experten rund um Leif Groop, Diabetologie-Professor im schwedischen Lund, halten eine Einteilung in fünf Gruppen (statt in zwei) für sinnvoller. Das sind:

  1. Schwerer insulinmangel-betonter Diabetes, meist „jüngere“ Patienten zwischen 45 und 60, mit normalem oder leichtem Übergewicht, aber zu hohen Langzeitzuckerwerten.
  2. Schwerer Autoimmun-Diabetes, also Typ-1-Diabetes, der meist jüngere Erwachsene trifft, die kaum Übergewicht haben, aber zu hohe Zuckerwerte
  3. Schwerer insulinresistenz-betonter Diabetes, bei Patienten mit starkem Übergewicht und leicht erhöhtem Langzeit-Blutzucker
  4. Übergewichtsdiabetes
  5. Altersdiabetes

Diese beiden letzten Formen lassen sich gut mit Lebensstiländerungen beeinflussen.

Stand: 26.02.2020, 12:00