Zuhause alt werden - reichen die Hilfsangebote?

Zuhause alt werden - reichen die Hilfsangebote?

Von Anke Fricke und Peter Schneider

  • "Daheim statt Heim" soll gefördert werden
  • Viele Unterstützungsmaßnahmen notwendig
  • WDR-Umfrage zur Tagespflege
  • Größtes Problem sind fehlenden Pflegekräfte

"In ein Heim gehe ich auf keinen Fall", sagt Adele Kierdorf bestimmt. Die 87-Jährige hat seit drei Jahren ihre Wohnung nicht mehr verlassen, die Beine sind zu schwach. Stattdessen bringt eine Bekannte das Essen und kauft ein, der Pflegedienst schaut täglich vorbei, der Neffe erledigt alles Organisatorische, und wenn einer ausfällt, springt eine Nachbarin ein.

"Daheim statt Heim"

So wie Adele Kierdorf möchten viele Menschen in ihren eigenen vier Wänden bleiben, selbst wenn sie alleine nicht mehr zurechtkommen. Auch das Alten- und Pflegegesetz NRW setzt auf quartiersbezogene Wohn- und Pflegearrangements. Getreu dem Motto "Daheim statt Heim" soll die häusliche Pflege gefördert werden - auch weil sie in der Regel kostengünstiger ist. Künftig sind immer mehr Menschen auf Unterstützung angewiesen.

Demografischer Wandel bringt mehr Pflege

Eine Haushaltshilfe kämmt eine alte Frau

Mehr Ältere brauchen mehr Hilfe

Waren Ende 2015 noch 638.100 Menschen in NRW pflegebedürftig, prognostiziert IT.NRW bis 2060 einen Zuwachs von bis zu 44 Prozent. Allein im Rhein-Erft-Kreis soll sich die Zahl der über 80-Jährigen bis 2040 verdoppeln - die Altersgruppe, die besonders hilfebedürftig ist. Zudem haben seit dem Inkrafttreten des Pflegestärkungsgesetzes II mehr Personen Zugang zu Pflegeleistungen.

Pflegestärkungsgesetz II

Das Pflegestärkungsgesetz II ist seit dem 1. Januar 2017 in Kraft. Seither werden geistige und psychische Einschränkungen gleichermaßen mit körperlichen Einschränkungen erfasst. Dadurch bekommen beispielsweise Demenzkranke häufiger Geld aus der Pflegeversicherung.

Mit dem Pflegestärkungsgesetz II wurden die ehemals drei Pflegestufen durch fünf Pflegegrade ersetzt, welche als Grundlage für Pflegeleistungen dienen.

Pflegeplanung in NRW

"Ambulant vor stationär" ist das erklärte Ziel des seit 2014 geltenden Alten- und Pflegegesetz NRW. Dies verpflichtet Kreise und kreisfreie Städte, eine dem örtlichen Bedarf entsprechende pflegerische Angebotsstruktur sicherzustellen und alle zwei Jahre einen Pflegeplan vorzulegen.

Zum Pflegeplan gehört:

  • die Bestandsaufnahme der Angebote
  • die Feststellung, ob qualitativ und quantitativ ausreichend Angebote zur Verfügung stehen
  • die Überprüfung ob und gegebenenfalls welche Maßnahmen zur Herstellung, Sicherung oder Weiterentwicklung von Angeboten erforderlich sind.

Kommunen und Kreise, die Baumaßnahmen über Zuschüsse fördern wollen, müssen darüber hinaus eine jährliche "verbindliche Bedarfsplanung" vorlegen. Diese wird für die kommenden drei Jahre erstellt und muss jährlich erneuert werden.

Zu viel Aufwand klagten einige Verwaltungen. Im Vergleich zu den Kosten einer fehlgesteuerten pflegerischen Infrastruktur seien die Kosten einer fundierten und vorausschauenden Planung gering, wies die damalige Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) die Kritik zurück.

Außerdem sieht das Gesetz unter anderem vor, dass bis Mitte 2018 Pflegebedürftige in Heimen zu 80 Prozent in Einzelzimmern untergebracht werden müssen, um dort ein "ein Zuhause mit Privatsphäre" zu ermöglichen.

WDR-Umfrage zur Tagespflege

Diese Entwicklung setzt die Kommunen unter Druck - Pflege findet vor Ort statt. Das Land NRW verpflichtet seit 2014 Kreise und kreisfreien Städte alle zwei Jahre einen Pflegeplan vorzulegen, um so eine bedarfsgerechte Infrastruktur für die Pflege zu sichern, ein örtlicher Pflegenotstand soll verhindert werden.

Der WDR hat nachgefragt und 33 der 54 Kreise und kreisfreien Städte haben geantwortet: Wie gut sind die Kreise und kreisfreien Städte aufgestellt, insbesondere bei der Tagespflege, die immer beliebter wird? Das Ergebnis: Ob man einen Platz in einer Tageseinrichtung bekommt, hängt auch vom Wohnort ab.

Große Unterschiede zwischen Köln und Düsseldorf

Die besten Aussichten sind statistisch gesehen in der Landeshauptstadt. Düsseldorf ist mit fast drei Plätzen je 100 Menschen über 80 Jahren der Spitzenreiter, Köln mit einem rechnerischen knappen halben Platz das Schlusslicht. Im Durchschnitt liegt das Angebot an Plätzen für die Tagespflege bei 1,31 Plätzen je 100 Einwohner über 80 Jahren (Mittelwert aus 25 Kommunen).

Die Ergebnisse der WDR-Umfrage zur Tagespflege (April/Mai 2018):

Der WDR hat 54 Landkreisen und Städte in NRW gefragt:

Wie viele Tagespflegeplätze stehen in Ihrem Kreis/Ihrer Stadt je 100 Einwohner in der Altersgruppe "älter als 80  Jahre" zur Verfügung?

Geantwortet haben 33 Kreise/kreisfreie Städte mit folgendem Ergebnis:

Die meisten Tagespflegeplätze je 100 Einwohner über 80 Jahren melden:
Düsseldort: ca. 3 Plätze (aufgerundet)
Gütersloh: 2,6 Plätze
Düren: 2,2 Plätze

Die wenigsten Tagespflegeplätze je 100 Einwohner über 80 Jahren geben an:
Köln: 0,47 Plätze
Duisburg: 0,7 Plätze
Bonn: 0,78 Plätze

Der statistische Mittelwert liegt bei 1,31 Plätzen. (ermittelt aus 25 eindeutigen Werten)


Pflegekräfte fehlen überall

Zwar wollen viele Kreise und Städte die Tagespflege weiter ausbauen, aber fehlende Fachkräfte sorgen für Probleme. In NRW kommen auf 100 offene Stellen in der Altenpflege gerade einmal 34 arbeitslose Pfleger. "Zum Teil können auch bestehende Angebote nicht voll ausgelastet werden", erklärt Torsten Manges vom Kreis Siegen-Wittgenstein. Und jede neue Einrichtung erhöhe die Konkurrenz um die Pfleger - und gefährde damit die Qualität der bestehenden, heißt es in Bonn.

Neuss: "Lokale Agenda zur Gewinnung von Pflegepersonal"

Rhein-Kreis Neuss: "Nicht die Zahl der ambulanten Dienste ist entscheidend, sondern deren Größe bzw. Anzahl der Beschäftigten. Hier sind bereits heute Defizite zu beklagen, da die Dienste nicht ausreichend Personal finden um alle Kundenanfragen berücksichtigen zu können. Der Rhein-Kreis Neuss plant daher eine lokale Agenda zur Gewinnung von Pflegepersonal."

Siegen-Wittgenstein: "Fachpersonal muss generiert werden"

Kreis Siegen-Wittgenstein: "Da Fachkräfte nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung stehen, können zum Teil auch bestehende Angebote nicht voll ausgelastet werden. Insofern ist die Frage nach einem Mehr an stationären Einrichtungen, ambulanten Pflegediensten oder auch Tagespflegeeinrichtungen gerechtfertigt, es muss in diesem Zusammenhang aber auch zwingend die Frage beantwortet werden, wie Fachpersonal generiert werden kann."

Stand: 09.05.2018, 16:00