Modelsweek: Casting mit teuren Folgen

Modelsweek: Casting mit teuren Folgen Markt 21.10.2020 09:37 Min. UT Verfügbar bis 21.10.2021 WDR Von Sascha Schwarz

Modelsweek: Casting mit teuren Folgen

"Wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen." So lautet das Motto des Onlineportals "Modelsweek". Doch der Traum vom Scheinwerferlicht kann mit einer teuren Enttäuschung enden.

Verbraucherschützer warnen vor Castings, die in bekannten Hotels stattfinden, zuletzt unter anderem in Ratingen, Bonn und Duisburg. In der Einladung ist von der "Modelsweek" noch keine Rede. Gesucht werden Gesichter zum Beispiel für Fotoshootings, Werbeclips, Musikvideos. Der Vertrag für die Onlineplattform wird den Models beim Casting überraschend vorgelegt. Kosten: 675 Euro.

Überrumpelt beim Casting

Die Unterschrift ist Bedingung für das folgende Fotoshooting. Castingteilnehmer berichten, ihnen sei vorgerechnet worden, dass sie das Geld schnell durch Aufträge wieder reinholen könnten. Sie seien überrumpelt gewesen und hätten die Vertragsbedingungen in der stressigen Castingsituation nicht verstanden. Das Fotoshooting habe nur wenige Minuten gedauert.

"Gewerblicher Daueranzeigevertrag" in eigener Sache

Sedcard von Neso Salijevic

Sedcard von Modelsweek-Kunde Neso Salijevic

Der Vertrag hat es in sich. Er macht die Models zu Anzeigenkunden. Die Sedcard auf "Modelsweek.de" ist eine gekaufte Anzeige in eigener Sache. Laufzeit: ein Jahr. Außerdem unterschreibt man, dass man Gewerbetreibender ist und auf sein Widerrufsrecht verzichtet.

Normalerweise trägt die Agentur das Risiko

Üblich ist in der Branche ein anderes Vorgehen: Eine seriöse Agentur finanziert die Fotos für die Sedcard und trägt das finanzielle Risiko, falls ein Newcomer keine Aufträge bekommt.

Auch in einem zweiten Punkt unterscheidet sich die Modelsweek: es gibt keine aktive Vermittlung zwischen Models und Kunden. Jobs bekommt ein Model nur, wenn ein Kunde im Internet auf das Profil stößt und Kontakt aufnimmt.

Castingteilnehmer aus verschiedenen Städten berichten, dass sie nie kontaktiert worden seien.

Verwirrung durch wechselnde Agentur-Namen

Verbraucherschützer warnen seit vielen Jahren vor der Modelsweek-Masche. Doch die Warnung kommt aus einem bestimmten Grund nicht an: Die Casting-Einladungen kommen von wechselnden Agenturen mit international klingenden Namen wie "Actors up!" aus Mailand, "Essential Casting" aus London und "Castingion" aus Roubaix in Frankreich.

Sie ködern Interessenten damit, dass man ein "Typ" sein müsse, um Erfolg zu haben. Auf den Internetseiten aller drei Agenturen findet sich die Aussage: "Unser Dienst ist seriös und vor allem kostenlos."

Herausgeber der Webseite: Lorraine Media

Herausgeber der "Modelsweek" ist "Lorraine Media" aus Berlin, offenbar eine Briefkastenfirma.  Unter der Geschäftsadresse wird die Post von einem Büroservice abgeholt.

Briefkästen in Berliner Bürohaus

Lorraine Media: offenbar Briefkastenfirma

Lorraine Media äußert sich zu Fragen und Vorwürfen nur schriftlich. Wie viele Castings sie veranstaltet und wie viele juristische Auseinandersetzungen es gibt, beantwortet die Firma nicht. Sie behauptet, dass Models eine erhebliche Anzahl von Jobangebote erhalten hätten und belegt das mit anonymisierten Kundenanfragen. Zur Frage nach den wechselnden Agenturen schreibt sie: "Wir arbeiten mit vielen, auch internationalen, Partnern und Agenturen zusammen."

Auffällig: Text und Layout der Homepages von "Actors up!", "Essential Casting" und "Castingion" sind großenteils identisch.

Lukratives Geschäft

Mehr als 9.000 Profile von Frauen, Männern und Kindern stehen zurzeit auf der Internetseite "Modelsweek.de". Viele enttäuschte Models haben sich bei Facebook zur Gruppe "Hilfe-Forum-Lorraine-Media-GmbH" zusammengeschlossen.

Kündigung, Widerruf, Klage?

Ein Widerruf des Vertrags ist laut Lorraine Media nicht möglich. Models seien Gewerbetreibende und könnten deshalb keine Verbraucherrechte geltend machen. Die Verbraucherzentrale Hamburg sieht das anders und rät, den Vertrag trotzdem zu widerrufen. Man solle sich rechtlich beraten lassen und die geforderte Summe auf keinen Fall vorschnell zahlen.

Unabhängig vom Widerruf sollte man wissen: Bei dem Vertrag handelt sich um ein Abo, das sich automatisch um ein Jahr verlängert. Wer das nicht möchte, muss rechtzeitig kündigen.

Risiko: Anwalts- und Gerichtskosten

Frau liest Model-Vertrag

Widerruf angeblich nicht möglich

Wenn der Widerruf nicht akzeptiert wird, kann man klagen. Allerdings ist der Ausgang ungewiss. Das sollten Betroffene ohne Rechtsschutzversicherung berücksichtigen. Weil der Streitwert relativ gering ist, werden Modelsweek-Fälle vor dem jeweiligen Amtsgericht in vielen verschiedenen Städten verhandelt. Jedes Gericht urteilt neu, und in der Vergangenheit mussten Models oft zahlen.

Denn: Wer einen Vertrag unterschreibt, muss ihn nach Meinung der Gerichte gründlich gelesen haben und kann sich nicht auf Unkenntnis der Vertragsbedingungen berufen.

Teilerfolg vor Gericht

Im Sommer hat ein Model aus Worms allerdings vor Gericht einen Teilerfolg erstritten. Das Amtsgericht Lampertheim in Hessen entschied, dass der Mann nur die Hälfte des Geldes zahlen musste.

Das Gericht unterschied zwischen den Kosten für die Fotos und den Kosten für die Dienstleistung, die das Model darüber hinaus erwarten durfte. Das Fotoshooting musste das Model bezahlen, weil es bereits stattgefunden hatte. Dafür veranschlagte das Gericht 299 Euro. Den Rest musste es nicht zahlen (AG Lampertheim, Aktenzeichen 3C 114/20 (07)).

Image-Pflege aus Australien

Wer im Internet nach Informationen über die Modelsweek sucht, sollte vorsichtig sein. Was auf den ersten Blick aussieht, als käme es von Verbraucherschützern, hat auf den zweiten Blick oft einen anderen Ursprung. Ein Dutzend Seiten, in denen es schwerpunktmäßig um Lorraine Media und die Modelsweek geht, kommen laut Impressum aus Australien, von einer Firma namens "Slovenia Style".

Die Botschaft: Der Modelsweek wird Unrecht getan, die Models sind selbst schuld, Widerrufen ist zwecklos. Wir haben ein Dutzend solcher deutschsprachigen Seiten gefunden. Es handelt sich zum Beispiel um die Seiten "modelabzocke.com", "casting-test.com", "widerrufen.org" und "kuendigung-urteile.com".

Stand: 21.10.2020, 20:15