Musikwissenschaftler: "Singen stärkt das Immunsystem"

Kinder auf Bühne singen

Musikwissenschaftler: "Singen stärkt das Immunsystem"

  • Interview mit Musikwissenschaftler Gunter Kreutz
  • Medzinische Effekte ohne Nebenwirkungen
  • Forscher: Richtiges Singen ist nicht so wichtig

Das richtige Lied im Radio, man singt mit und automatisch steigt die Laune. Das kann fast jeder bestätigen, besonders aber die Menschen, die in den mehr als 3.000 Chören in NRW regelmäßig gemeinsam singen.

Mit der Frage, ob Singen glücklich macht und welche Reaktionen es im Körper auslöst, beschäftigt sich der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz. Im WDR-Interview erklärt er, für wen Singen Medizin sein kann.

Singen macht gute Laune, auch für den Job

WDR 5 Profit - Topthemen aus der Wirtschaft 14.06.2019 03:47 Min. Verfügbar bis 13.06.2020 WDR 5

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Herr Professor Kreutz, was genau bewirkt Singen im Körper?

Das Immunsystem wird angeregt, das Stresssystem wird runterreguliert und in der Summe ist das eine Vielfalt körperlicher Effekte. Die körperlichen Wirkungen sind aber nur eine Ebene von vielen. Es passiert zum Beispiel was in der Psyche - unsere Stimmung verändert sich. Es passierte was im Umfeld - man nimmt die anderen Menschen viel freundlicher und entspannter wahr. Das hat eine Rückwirkung auf uns selber und auf den Körper. Insofern ist Singen ein Rundumpaket, das ein Angebot macht für sehr viele Menschen.

Sie sagen, Musik sei eine "psychoaktive Substanz". Kann man Musik auch medizinisch einsetzen?

Unbedingt. Erst letztes Jahr erschien eine Studie, die hat gezeigt, das Singen mit der Ausschüttung von Endocannabinoiden, also körpereigenen Opiaten, verbunden ist. Das sind auf biologischer Ebene Effekte, wo die Pharmaindustrie gerne hin will, wo das Singen aber längst ist - und das nebenwirkungsfrei.

Wie entstehen diese chemischen Prozesse?

Die Kausalkette zwischen Singen und den körperlichen Effekten ist noch unvollständig erschlossen. Aber so lang wir wissen, dass es einen wahrscheinlichen ursächlichen Effekt gibt, haben wir jeden Grund, unseren Kindern und auch erwachsenen, älteren Menschen über die gesamte Lebensspanne hinweg das Singen angedeihen zu lassen.

Ist es dafür wichtig, dass man im Chor singt oder reicht es, wenn ich im Auto zu Liedern im Radio mitsinge?

Wir sind alle unterschiedliche Menschen - die einen brauchen mehr sozialen Kontakt, die anderen frickeln lieber im Hobbykeller. All das kann unserer Psyche wohl tun. Deswegen würde ich da kein pauschales Urteil fällen wollen. Aber viele Menschen sagen, in der Gruppe zu singen macht viel Spaß. Es hat darüberhinaus noch einen sozialen Mehrwert, der den Menschen gut tut.

Gibt es ein bestes Alter für das Singen?

Ja, ich würde sagen zwischen 0 und 90 Jahren. Am Anfang sollten die Eltern mit den Babys singen - und zwar täglich zum Essen, Einschlafen oder Zähneputzen. Und dann später, in der älteren Generation, wenn Demenzen auftreten - auch da ist das Singen und sind Lieder eine Ressource, um Lebensqualität zu schöpfen. Ich sehe da kein zwingend logisch gutes Alter, es umfasst die gesamte Lebensspanne.

Spielt es denn eine Rolle, ob ich richtig oder falsch singe?

Das ist hoffnungslos überbewertet. Natürlich möchte man, dass man in den gleichen Tonhöhen singt wie alle anderen. Aber ein Chor verträgt eine ganze Menge. Vieles kommt mit der Übung: Der Ton wird besser, das Gehör wird besser und man muss nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, wenn die ersten Töne nicht sitzen. Von daher würde ich mir nicht viele Gedanken um das Tönetreffen machen.

Das Interview führte Birgit Eger

Stand: 14.06.2019, 15:29