Achtung Mogelpackung! Yvonne Willicks deckt Regional-Schwindel auf

Achtung Mogelpackung! Yvonne Willicks deckt Regional-Schwindel auf

Von Dina Dada

Immer mehr Verbraucher finden es wichtig, dass Lebensmittel aus der Region kommen. Darauf haben sich auch die Hersteller und die Industrie eingestellt. Siegel und Kennzeichen gibt es in den Supermarktregalen reichlich, ob Regionalfenster oder EU-Gütesiegel.

Selbst große Supermarktketten und Lebensmittelhersteller sind auf den Trend mitaufgesprungen und bieten regionale Lebensmittel an. Doch der Begriff "regional" sorgt noch immer für Verwirrung. Denn nicht überall, wo regional drauf steht, ist auch regional drin. Verbraucherschützer fordern mehr Transparenz.

Regional Schwindel im Supermarkt

Bei ihrem Rechercheeinkauf ist die Verbraucherexpertin Yvonne Willicks auf verschiedene Tricks in Sachen Regionalwerbung gestoßen:

  • Kategorie 1: Regionalität und Heimeligkeit in Produktnamen und in Beschreibungen
  • Kategorie 2: Kennzeichen und Siegel, die Regionalität suggerieren
  • Kategorie 3: auf der Verpackung abgebildete Landwirte oder Produzenten, die mit ihrem Gesicht für das Produkt werben (Regio-Testimonials)

Kategorie 1: Heimeligkeit im Produktnamen

Der Klassiker der Regionalschwindelei sind die lokalen Versprechen in Produktnamen und -beschreibungen. Hier fallen Yvonne Willicks im Regal für Marmelade sofort alte Bekannte auf.

Schon vor sechs Jahren eine Mogelpackung und immer noch in den Supermarktregalen zu finden: das Aachener Pflümli.

Keine einzige Pflaume in dieser Marmelade stammt aus Aachen. Tatsächlich kommen die Früchte "aus Anbaugebieten im osteuropäischen Raum", wie es vom Hersteller heißt.

Und auch die Marmelade Schwartau Hofladen warb 2011 noch mit "heimische Fruchtsorten", obwohl die Früchte nicht oder nur zum Teil aus Deutschland kamen. Doch hier gibt es inzwischen Anlass zur Erleichterung: Nach vielen Kundenbeschwerden verschwand der Aufdruck von den Gläsern.

Kategorie 2: Kennzeichnungsdschungel

Das größte Problem bei regional beworbenen Produkten: Der Begriff "regional" ist nicht gesetzlich geschützt. Freie Bahn also für Mogelpackungen. Und das, obwohl eine Studie des Marktforschungsinstituts GFK bestätigt, dass für über die Hälfte der Befragten ein Produkt erst dann regional ist, wenn es nicht weiter als 100 km vom Verkaufsort produziert wurde.

Das Regionalfenster

Innerhalb des Verwirrspiels um den regionalen Ursprung von Produkten, gibt es seit 2014 einen Grund zum Aufatmen. Für Transparenz gegenüber den Verbrauchern soll das staatlich eingeführte Regionalfenster sorgen. Die freiwillige Kennzeichnung gibt dem Verbraucher Auskunft über die Herkunft der Zutaten und den Verarbeitungsort. Bei zusammengesetzten Produkten wird der Regionalanteil aufgeführt. 

Jedoch gibt’s nicht nur bei der Verbreitung des Regionalfensters Luft nach oben – rund 4000 Produkte sind deutschlandweit für das blaue Fenster registriert, in Nordrhein-Westfalen sind es nur 340. Auch bei der Umsetzung gibt es Verbesserungsbedarf. 2015 haben die Verbraucherzentralen bundesweit regionale Fleisch- und Wurstwaren mit und ohne Regionalfenster unter die Lupe genommen. Dabei stellten sich große Unterschiede bei den Entfernungen der Abpack- und Verarbeitungsorte bis zum Verkaufsort heraus. Bei Produkten mit Regionalfenster lagen sie zwischen 16 bis 474 Kilometern. Ohne Regionalfenster von 15 bis 482 Kilometern. Kein Unterschied also.

Achtung Mogelpackung! Yvonne Willicks deckt auf: Regional Schwindel

EU-Gütesiegel

Die von der EU vergebenen Siegel g.g.A. (geschützte geographische Angabe) und g.U. (geschützte Ursprungsbezeichnung) geben Aufschluss über die tatsächliche Herkunft des Produkts. Regionale Erzeugnisse werden für den Verbraucher eindeutig als sichere und geschmacklich einzigartige Produkte gekennzeichnet.

Bei dem Gütesiegel "geschützte Ursprungsbezeichnung" ist es erforderlich, dass sämtliche Produktionsschritte in dem betreffenden Gebiet stattfinden.

Aber auch hier gibt es Einschränkungen. Zur "geschützten geografischen Angabe" schreibt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, dass nur eine der Produktionsstufen im Herkunftsgebiet durchlaufen sein muss.

Kategorie 3: Regio-Testimonial

Ein neuer Trend, den Yvonne Willicks in Supermarktregalen entdeckt hat: Hersteller werben mit Gesichtern in Form von Landwirten und Hofbesitzern auf ihren Produktverpackungen. Auf der Chipstüte findet sich der Kartoffelbauer, beim Apfelsaft die Hofbesitzer und auf der Eierpackung der Hofname inklusive Kölner Dom. Gibt es die Landwirte auf den Produktverpackungen und die angegebenen Höfe wirklich und wie regional produzieren sie?

Auch wenn ein Landwirt auf der Verpackung abgebildet ist, kann man nicht automatisch davon ausgehen, dass dieser Bauer direkt um die Ecke wohnt – das haben Herstellerantworten ergeben.

Kartoffelbauer Josef auf der Lorenz Hofchips-Tüte oder Bergbauer Michael Stuffer, dessen Gesicht die Packung des Bergader Bergaderkäses schmückt, sitzen in Süddeutschland. Das Produkt wird aber deutschlandweit verkauft. Noch dazu ist Bergbauer Stuffer nur einer von 450 Milchlieferanten für diesen Käse.

Beim Einkauf beachten:

Tatsächlich geben Hersteller ihren Produkten gerne heimelige Fantasienamen, weil sie es dürfen, denn auch diese Handhabe wird gesetzlich bisher nicht reguliert. Mit diesem Wissen ausgestattet, fällt es Ihnen sicher leichter, beim Einkauf das Kleingedruckte genauer zu studieren.

Siegel und Kennzeichen können eine Orientierung geben. Jedoch gilt es, nicht blind regionalen Kennzeichen zu vertrauen, denn auch Produkte mit Regionalfenster können über mehrere 100 Kilometer entfernt von Verkaufsort produziert worden sein. Und auch bei dem Siegel "Geschützte geografische Angabe" muss lediglich nur ein Produktionsschritt in der jeweiligen Region stattgefunden haben.

Regio-Testimonials: Zwar existieren die meisten Landwirte wirklich, aber wenn man Chips im Rheinland kauft und der Bauer von den Kartoffeln in Süddeutschland sitzt, dann hat das nichts mehr mit regional zu tun. Inzwischen haben viele Produkte Internetauftritte. Dort kann man sich über die Herkunft informieren, sollte man daran Zweifel haben.

Achtung Mogelpackung! Yvonne Willicks deckt auf: Regional Schwindel

Echte Regionalität – wie geht das?

Das ernüchternde Fazit: Noch klafft die Vorstellung von Regionalität bei Verbrauchern und Unternehmen ziemlich weit auseinander. Daher ist echte Regionalität in Supermärkten noch ein eher rares Phänomen. Doch es gibt sie tatsächlich: echte regionale Produkte im Supermarkt. Dort heißt es aber, sich das Regionalfenster genauer anzuschauen oder Sie fragen nach, ob der Bauer, der über der Gemüsekiste abgebildet ist, auch tatsächlich den Supermarkt beliefert. Vorsichtig muss man immer bei verarbeiteten Lebensmitteln sein, die sich durch schöne Bilder und Geschichte oder erfundene Begrifflichkeiten einen regionalen Anstrich verpassen.

Und wie geht es besser?

  • Wer die Möglichkeit hat, sollte regionale Erzeugnisse direkt beim Bauern kaufen. Wenn man sich über die Herkunft unsicher ist, lohnt es sich den Landwirt direkt anzusprechen.
  • Auch in Großstädten muss man nicht auf regionales Gemüse verzichten, mit Hilfe des Modells "Food Essembly". Ladenlokale in städtischen Regionen werden vom Landwirt direkt beliefert.
  • Dort kann man sich zu fairen Preisen mit frischen Produkten versorgen. Wem der Gang zum Laden zu weit oder die Fahrt aufs Land zu aufwendig, kann sich auch eine Gemüsekiste direkt nach Hause liefern lassen. Diese Dienstleistung ist inzwischen in jeder Region Deutschlands zu erwerben. Eine Online-Recherche lohnt sich.
  • Wer nicht nur regional einkauft, sondern auch saisonal, der spart sogar richtig. Tatsächlich sind Lebensmittel, frei nach dem Angebot-Nachfrage-Prinzip, innerhalb der Saison günstiger als außerhalb. Der aid Infodienst hat einen Saisonkalender herausgebracht. Da können Sie genau nachgucken, was es gerade gut und günstig zu kaufen gibt.

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Stand: 09.11.2017, 16:26