"Cell Broadcast": Warnungen übers Handy

00:42 Min. Verfügbar bis 20.05.2023

Unwetter: Wie gut funktionieren Warn-Apps wie Nina oder Katwarn?

Stand: 20.05.2022, 11:51 Uhr

Nach der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr wurden zahlreiche Verbesserungen in den Warnsystemen versprochen: Bessere und schnellere Infos per Warn-App – und ein zügiger Ausbau von „Cell Broadcast“ (Warnungen aufs Handy). Viel passiert ist aber nicht, sagt WDR-Digitalexperte Jörg Schieb.

Von Jörg Schieb

Es gibt im Wesentlichen zwei Warn-Apps in Deutschland, die vor Unwettern, Katastrophen, großen Unfällen und sogar Terroranschlägen warnen: „Nina“ und „Katwarn“. Doch spätestens nach den Unwettern 2021 wurde Kritik laut, denn die Apps funktionieren nicht immer zuverlässig – und auch der Mobilfunk ist nicht so robust, wie er sein sollte.

Die bundesweit verfügbare und aktive Warn-App Nina vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) ist quasi die offizielle Warn-App des Katastrophenschutzes. Der ist allerdings Ländersache: Die regionalen Behörden müssen die nötigen Daten einstellen. Daneben gibt es noch die von Fraunhofer Fokus entwickelte Katwarn-App.

Warum zwei Apps statt nur einer?

Nur rund 10 Prozent der Deutschen haben wenigstens eine dieser Warn-Apps installiert. Zwei Systeme: Wie soll sich jemand entscheiden? Die offizielle AppNina“ hatte im vergangenen Jahr die Bevölkerung nicht vor dem Hochwasser gewarnt, weil die lokalen Behörden keine Warnungen eingestellt haben. Da Katastrophenschutz Ländersache ist, liegt die Verantwortung in den Regionen, nicht bei der Bundesbehörde.

Deshalb kam die Idee auf, dass die beiden Apps kooperieren, damit mehr Warnungen zusammenkommen. Wenn Katwarn Warnungen hat, sollten die an Nina weitergegeben werden können – und umgekehrt.

Noch Anfang Mai gab es aber Kritik, dass nicht mal ein Test richtig möglich sei. Das Bundesamt für Katastrophenhilfe (BKK) hat diese Anschuldigungen zurückgewiesen, für Nina existiere seit Jahren eine sogenannte „Testumgebung“. Nach einer wirklich konstruktiven Zusammenarbeit, die im Angesicht der Katastrophe im vergangenen Jahr mehr als nötig erscheint, klingt das nicht gerade.

Cell Broadcast soll kommen

Eine Frau mit erschrockenem Gesichtsausdruck, daneben die Grafik eines Smartphones mit einer Warnmeldung

Nach der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr hat man ja auch auf das öffentliche Meldesystem geschaut: Sirenen gibt es häufig nicht mehr. Der Begriff „Cell Broadcasting“ ist gefallen: In Japan, USA, Kanada, Neuseeland und auch die Niederlande längst im Einsatz. Das ist ein Verfahren, um gleichzeitig allen Menschen in einer Funkzelle eine offizielle Nachricht zu senden. Alle bekommen dieselbe Nachricht, egal, in welchem Mobilfunknetz sie unterwegs sind – und das funktioniert auch auf alten Handys.

Die Nachricht ist maximal 1.395 Zeichen lang und kann alle Zeichen enthalten, somit auch Weblinks. Aber keine Bilder, das ist den Apps vorbehalten. Cell Broadcasting ist keine Massen-SMS, sieht aber so ähnlich aus. Praktisch alle Handys unterstützen „Cell Broadcasting“.

Grafik einer Deutschlandkarte mit Smartphones, auf deren Screens Warnmeldungen sind

Das Problem: In Deutschland ist dieser Dienst bislang nach wie vor nicht vernünftig eingerichtet. Eigentlich schreibt eine EU-Verordnung vor, dass spätestens im Juni 2022 alles fertig sein müsste. Doch in Deutschland will man im September am Sirenentesttag die Technologie mal testen – vor Januar 2023 wird sie aber nicht fertig werden. Das wurde mir von Manuel Atug von der AG Kritis mitgeteilt, die sich für den Schutz kritischer Infrastruktur einsetzt. Es kommt also viel zu spät.

Es dauert zu lange

Staat und die Behörden haben zwar eine Menge versprochen, aber man kann nicht behaupten, dass sie liefern. Sie sind zu langsam, zu träge, nicht ausreichend motiviert.

Wir sind deshalb gut beraten, uns nicht auf eine App zu verlassen und sollten Nina, Katwarn und vielleicht auch noch den Regenradar installieren. Alles kostenlose Apps. Dort trägt man dann ein, wann man gewarnt werden möchte, etwa in seinem Wohngebiet oder dort, wo das Haus der Eltern steht – und lässt sich von allen Apps warnen.

User können auch einstellen, bei welchen Anlässen gewarnt wird. Lieber eine Warnung zu viel als eine zu wenig. Und wir sollten Druck machen, dass die Behörden endlich mal fertig werden.

Über den Autor

Jörg Schieb, WDR-Digitalexperte.

Jörg Schieb, Jahrgang 1964, ist WDR-Digitalexperte und Autor von 130 Fachbüchern und Ratgebern. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung und deren Auswirkungen auf unseren Alltag.