Selbstversuch: Was wissen Amazon, Facebook & Co über mich?

Stand: 30.05.2022, 20:33 Uhr

Die Datenschutz-Grundverordnung bietet das Recht auf Daten-Auskunft. Welche Daten speichern Unternehmen wie Facebook, Google und Amazon von ihren Kunden? Ein Selbstversuch.

Von Jörg Sauerwein

Seit vier Jahren gilt bei uns die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Verbraucherinnen und Verbraucher haben damit ein Recht zu erfahren, welche personenbezogenen Daten Unternehmen über sie speichern und verarbeiten. Nach Auskünften bei Facebook, Google und Amazon ist WDR-Journalist Jörg Sauerwein verblüfft.

Daten-Auskunft bei Facebook und Co.: ein Selbstversuch

Ich bekomme wohl bald ein Kind. Aber im Gegensatz zu Facebook weiß ich noch nichts davon. Für mehr als 1.200 Unternehmen und Facebook-Seiten bin ich laut meiner Datenauskunft momentan interessant. Darunter "Das Mama-Einmaleins",  "Alltag mit Baby" oder "Babyalltag mit Labrador". Dass ich aus medizinischer Sicht mit Sicherheit nicht mehr Vater werde, weiß Facebook offenbar nicht. Einen Labrador habe ich auch nicht (immerhin aber zwei Hunde).

Dafür habe ich vor einiger Zeit für den WDR nach Hebammen gesucht, um über ihre Arbeitsbedingungen zu berichten - deshalb wohl die falsche Fährte. Bei anderen Dingen sind mir Facebook und Co. bei der Interpretation der Daten aber erschreckend dicht auf den Fersen.

Unternehmen haben riesige Datenmengen gespeichert

Von Facebook bekomme ich mehr als 40 Datei-Ordner mit unterschiedlichsten Daten, die über mich gesammelt wurden. Noch mehr sind es bei Amazon: über 200 Ordner mit einer unüberschaubaren Datenfülle von diversen Einkäufen über die Kindle-Bibliotheken meiner Familie bis hin zu den Hörbüchern, die ich bei Audible gehört habe. Es wird zum Beispiel genau aufgelistet, an welchem Tag ich die jeweiligen Kapitel der "Känguru-Chroniken" gehört habe. Das ist schon etwas gruselig.

Nils Schröder, Referatsleiter bei der Landesbeauftragten für Datenschutz NRW

Nils Schröder, Referatsleiter bei der Landesbeauftragten für Datenschutz

Was die Unternehmen mit all diesen Daten aber genau machen, oder warum zum Beispiel überhaupt gespeichert werden muss, wann ich ein Hörbuchkapitel gehört habe, wird mir nach meiner Datenauskunft nicht gleich klar. So sollte es aber eigentlich sein, bestätigt Nils Schröder, Referatsleiter bei der Landesbeauftragten für Datenschutz in NRW. Unternehmen müssten die Zwecke der Datenverarbeitung bei der Auskunft angeben, zum Beispiel wer die Daten bekommt oder wofür sie gesammelt werden: "Sonst kann man sich wieder an das Unternehmen, an dessen Datenschutzbeauftragten oder auch an die Datenschutzaufsicht wenden und sich beschweren."

Datenauskunft braucht Zeit

Viele Unternehmen haben sich inzwischen gut auf die Auskünfte vorbereitet. Auf den jeweiligen Internetseiten gibt es in der Regel im Bereich der persönlichen Kundendaten die Möglichkeit, eine Datenauskunft anzufordern. Meistens habe ich wenige Tage bis mehrere Wochen gewartet.

Der E-Mail-Anbieter GMX.de war da schneller. Nach wenigen Stunden erhalte ich die Infos über gespeicherte Daten und Verwendungszwecke. Allerdings ist die Auflistung verwunderlich kurz. "Leider können Sie abschließend nie ganz sicher sein, dass die Unternehmen wirklich alle Daten über Sie auflisten", sagt Datenschutzfachmann Schröder. Im Zweifel solle man noch einmal nachfragen oder sich beschweren.

Recht auf Datenlöschung

Auch Google liefert mir nach einigen Tagen mehr als 30 Ordner. Meine Google-Suchen der letzten Jahre werden zum Beispiel genauso gespeichert wie alles, was meine Kinder und ich jemals auf YouTube gesehen haben. Google informiert mich aber auch, dass all diese Daten gespeichert werden, weil ich das in meinen Einstellungen entsprechend angegeben habe - das lässt sich durchaus ändern.

Genauso kann man die Unternehmen auch auffordern, die gespeicherten Daten zu löschen. So lange ich weiter Kunde bin, kann das Unternehmen aber einen gewissen Teil der Daten auch weiterhin speichern. "Aus gesetzlicher Verpflichtung" oder "berechtigtem Interesse", wie es dann heißt. Ganz entkomme ich den Datensammlern also nicht so einfach.

Was für ein Bild haben die Unternehmen von mir?

Welche Schlüsse die Firmen aus meinen Daten über mich ziehen, das erfahre ich oft nur indirekt. Ein Profil mit Interessen oder Charaktereigenschaften schickt mir niemand zu. Solche Profile dürften unter das Geschäftsgeheimnis fallen. Dazu weist auch der Bundesdatenschutzbeauftragte darauf hin, dass das Recht auf Auskunft "nicht grenzenlos gewährt" wird.

Bei den Unternehmen, für die ich laut Facebook oder Amazon werberelevant bin, passt allerdings vieles erschreckend gut. An einer Stelle bin ich mehr als verblüfft. Amazon aber sieht mich nicht nur als "Familienoberhaupt", sondern auch als Hauseigentümer. Woher der Konzern das weiß, ist mir schleierhaft. Vermerkt ist sogar, wann das Haus ungefähr gebaut wurde - nämlich in den 1960er Jahren. Amazon hat mich jetzt schon mal vorsorglich auf die Werbeliste eines Haustüren-Herstellers gesetzt.

Ich habe zwar noch nie nach einer neuen Haustür gesucht. Aber tatsächlich habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, mich bald mal nach Herstellern zu erkundigen. Und es fühlt sich mehr als unheimlich an, dass Amazon das schon ahnt. Auch, wenn nicht alle Schlüsse aus meinen Daten die richtigen sind: Ich nehme mir jetzt doch mal vor, an einige Unternehmen die Aufforderung zu schicken, dass sie meine Daten löschen sollen. Ganz so gläsern möchte ich dann doch nicht sein.