25 Jahre "Angeklickt": "Was früher Viren waren, sind heute Soziale Netzwerke"

Portraitfoto von Jörg Schieb vor schwarzem Hintergrund

25 Jahre "Angeklickt": "Was früher Viren waren, sind heute Soziale Netzwerke"

Seit 25 Jahren erklärt Jörg Schieb im WDR Trends in der Computerwelt – und zunehmend auch im Internet. Seine Arbeit hat sich in dieser Zeit extrem verändert. Ein Interview über den digitalen Wandel.

Jörg Schieb, 55, berichtet in der Rubrik "Angeklickt" in der Aktuellen Stunde jede Woche über Netzthemen – immer mit Leidenschaft und leicht verständlich. Außerdem gehört er zum Autorenstamm des WDR-Blogs "Digitalistan" und betreibt gemeinsam mit Dennis Horn den Podcast "Cosmo Tech".

WDR: Jörg, 25 Jahre sind eine lange Zeit. Wie hat sich die Computerwelt verändert?

Jörg Schieb: Wir wollten zu Anfang in erster Linie die Angst vor dem Computer nehmen, wir haben Tipps gegeben, worauf man achten soll, wenn man sich einen Rechner kaufen will und was für eine Hard- oder Software man braucht. 

WDR: Und heute?

Schieb: Inzwischen geht es eher um Orientierungshilfe. Die Schwerpunkte haben sich komplett verändert, heute kann jedes Kind mit einem Tablet umgehen. Keiner hat mehr Angst vor dem An- und Ausschalten.

WDR: Was war denn zu Beginn das Schwierigste?

Überwachungssysteme: Wenn sich Kriminelle Zugang verschaffen können, wird es heikel.

"Gesellschaft weitgehend entmachtet"

Schieb: Wir mussten gleichzeitig Nerds und Ahnungslose ansprechen, das war nicht einfach, vor allem, weil wir die Themen anfangs noch nicht so gut bebildern konnten. Irgendwann hat sich das Ganze dann verselbständigt, auch die Digitalisierung im Job nahm bei allen zu. Die Leute wurden geübter im Umgang mit Rechnern und der Nutzung des Internets. Wichtig ist jetzt, sichtbar zu machen, wie sich die Netzwelt verändert und welchen Einfluss sie auf uns nehmen kann.

WDR: Siehst Du da eine Gefahr? 

Schieb: Ja, wir haben die Kontrolle schon verloren. Die großen IT-Konzerne haben die Macht übernommen. Sie bestimmen selbst, welche Regeln in ihren Netzwerken zu gelten haben - nicht die Gesetzgeber in den jeweiligen Ländern. Die müssen sich erst aufwändig durchsetzen, damit was passiert, Stichwörter sind da Hassreden, Jugendschutz, Holocaust-Leugnung ...

Vier Würfel auf denen die Wörter "fact" und "fake" zu lesen sind

Fakten oder Fake News?

Die Konzerne horten Daten und Wissen über die Menschen in nie dagewesenem Ausmaß. Ohne jede rechtliche Kontrolle, ohne Legitimation. Sie können das endlos missbrauchen. Nicht nur für Werbung, sondern auch für politische Manipulation.

WDR: Klingt ziemlich pessimistisch ...

Schieb: Wozu sollen beispielsweise noch Fernseh-Sendelizenzen vergeben werden, wenn heute jede und jeder auf Youtube mühelos Millionen Menschen erreichen kann? Die Gesellschaft ist weitgehend entmachtet.

WDR: Und warum bleibst Du trotzdem dran? Was ist für Dich das Schöne an Deinem Job? 

Schieb: Es ist doch umso wichtiger, dass jemand da ist, der warnt, erklärt, informiert und versucht, dass sich was ändert. Mein Job macht mir deshalb Spaß, weil ich mich gerne mit Digitalthemen beschäftige, die Möglichkeiten zu schätzen weiß und versuche, die Risiken zu minimieren. Früher waren es Viren, heute sind es Soziale Netzwerke. 

Das Interview führte Ingrid Zimmer.

Angeklickt: Cluster-Nachverfolgung mit der Corona App Aktuelle Stunde 13.11.2020 04:10 Min. UT Verfügbar bis 13.11.2021 WDR Von Jörg Schieb

Stand: 18.11.2020, 06:00