Archiv-Schätze des WDR in der ARD Mediathek

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Archiv-Schätze des WDR in der ARD Mediathek

  • WDR stellt 200 historische Interviews, Reportagen und Berichte aus den Jahren 1957 bis 1965 online
  • Zeitdokumente auf 16mm-Film sind sehr gut erhalten
  • zu sehen sind u.a. die Journalisten Ernst Huberty, Dieter Kronzucker und Hanns Joachim Friedrichs

Ein junger Ernst Huberty im Gespräch mit einem sorgenvollen Bundestrainer Sepp Herberger, eine Straßenumfrage über die Gefährlichkeit von Haarspray, ein junger Ernst Ludwig Freisewinkel, der ein Interview auf Wasserskiern führen will und kläglich scheitert – Bärbel Fixemer kennt alle diese TV-Szenen und über 1000 Beiträge mehr. Seit Juni hat die WDR-Archivarin Material von "Hier und heute – Der Westen in Bildern, Berichten und Begegnungen" gesichtet und auf seine Eignung für die Aufnahme in den WDR-Channel der ARD Mediathek geprüft. Seit dem 27. Oktober, dem "Welttag des audiovisuellen Erbes", sind dort unter dem Stichwort "WDR Retro" 200 Interviews, Reportagen und Berichte aus den Jahren 1957 bis 1965 abrufbar – und das zeitlich unbegrenzt.

Schwarz-Weiß-Bild eines alten TV-Studios

Es gibt auch ein Wiedersehen mit Reporterlegenden wie Hanns Joachim Friedrichs, Ernst Huberty oder Dieter Kronzucker, die das Regionalmagazin des WDR prägten. "Wenn man so viele Stunden mit dem Schauen der Beiträge verbringt, wachsen einem die Reporter regelrecht ans Herz", erzählt Fixemer, der es vor allem die "Retro"-Beiträge von Dieter Kronzucker und Ernst Ludwig Freisewinkel angetan haben.

Die technischen Tücken der medialen Vergangenheit

Doch die mediale Reise in die Vergangenheit hatte so ihre Tücken, denn nur etwa ein Drittel der Filme war für das Projekt brauchbar. Und das hat mehrere Gründe. Mal wurde zu viel Musik verwendet, mal fehlte der Ton. "Zeitdruck gab es auch damals. Tagesaktuelle Beiträge mussten nicht selten live in der Sendung vertont werden. Und da dieser Ton nicht mit aufgezeichnet wurde, ist oftmals nur das Bild des Beitrags erhalten geblieben", erklärt die Archivarin.

Gästebuch mit Viktor von Bülow alias Loriot WDR Retro ∙ Hier und heute 15.04.1964 04:21 Min. Verfügbar bis 31.12.2099 WDR Von Dieter Kronzucker

Außerdem wanderten die Sendungen nur teilweise komplett ins Archiv, weil die damals schon einsetzbare MAZ-Technik sehr aufwendig und teuer war. Eine weitere Hürde: Aus unterschiedlichen rechtlichen Gründen sind vorerst nur Beiträge von 1957 bis Ende 1965 in die Zusammenstellung eingeflossen.

Glücklicherweise wurde früher auf 16mm-Film gedreht

Die damalige Produktionsweise hatte aber auch ihre Vorteile: Gedreht wurde früher auf 16mm-Film, der aus der Region mit Motorradkurieren zum Entwickeln nach Köln ins WDR-eigene Kopierwerk gebracht wurde. Bärbel Fixemer: "Wir haben Glück, dass die Beiträge mit diesem Material produziert wurden, weil es sehr robust ist und die Filmformate über Jahrzehnte lagerungsfähig sind. Sicherer als mit dem Trägermaterial 16mm geht es kaum."

Wortwahl aus heutiger Sicht grenzwertig

Erfindermesse mit kuriosem Roboter WDR Retro ∙ Hier und heute 02.07.1962 04:52 Min. Verfügbar bis 31.12.2099 WDR Von Günther Ernst

Doch nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich stellte das Retro-Material eine Herausforderung dar. "Die Berichterstattung zu bestimmten Themen, etwa zur Rolle der Frau oder die Anwesenheit der damals so genannten "Gastarbeiter" in Deutschland lässt uns heute manchmal zusammenzucken. Wortwahl und Formulierungen in einigen dieser Beiträge sind aus heutiger Sicht völlig unakzeptabel", erklärt Andrea Stoll, die stellvertretende Leiterin der WDR Mediathek. "Sie sind ein Zeugnis aus einer anderen Zeit und machen zudem deutlich, welchen enormen gesellschaftlichen Fortschritt wir in den vergangenen 60 Jahren gemacht haben."

Demnächst im WDR-Channel: "Bericht aus Bonn"

Portätfoto

Andrea Stoll, WDR Mediathek: "Zeitdokumente, die den gesellschaftlichen Wandel sichtbar machen."

Seit dem Intendantenbeschluss im Frühsommer dieses Jahres wurde das "Retro"-Projekt sehr intensiv vorangetrieben. In enger Zusammenarbeit zwischen Archiv und WDR Mediathek sei in nur vier Monaten ein attraktives Angebot aus einem knappen Jahrzehnt Politik-, Gesellschafts- und Zeitgeschichte entstanden, so Andrea Stoll. Unterteilt wurden die Beiträge in Rubriken wie "Bekannt und berühmt", "Sport – nicht nur Fußball", "Stadt und Land" und "Frauen und Männer". Die Nutzer*innen können sich auf Begegnungen mit Stars wie Peter Alexander und Loriot freuen, den Besuch des Fußball-Weltmeisters Fritz Walter auf der Zeche Alstaden (1958) oder ein skurriles Stück über die innovativen "Sicherheitshüte" einer Wuppertaler Firma (1962). Und es geht weiter: Demnächst im WDR-Channel der ARD Mediathek: Folgen des 1963 gestarteten "Bericht aus Bonn".

Stand: 26.10.2020, 23:36