"Das Thema geht über #metoo hinaus"

Verwaltungsdirektorin Dr. Katrin Vernau

"Das Thema geht über #metoo hinaus"

Seit April läuft die Aufarbeitung der Belästigungsvorwürfe im WDR. Auch zahlreiche Dialogveranstaltungen im Haus drehen sich weiter um #metoo und das Thema Machtmissbrauch. Dabei geht es vor allem um die Frage: Wie lässt sich das künftig verhindern? Das Unternehmensmagazin WDR print sprach mit WDR-Verwaltungsdirektorin Dr. Katrin Vernau.

Der WDR steckt mitten in der Aufklärung in Sachen #metoo. Mitarbeiter wurden freigestellt oder gekündigt, Anlaufstellen für Betroffene geschaffen, eine externe Stelle prüft, wie in der Vergangenheit mit dem Thema umgegangen worden ist. Aber was tut der WDR jetzt, damit sich solche Vorfälle und Übergriffe in der Zukunft nicht wiederholen?

Wichtig ist es, dass allen im WDR klar ist, dass wir sexuelle Belästigung nicht dulden. Dennoch werden wir solche Vorfälle im Einzelfall auch künftig nicht komplett verhindern können – aber wir müssen sicherstellen, dass unsere Unternehmenskultur solchen Vorfällen systematisch vorbeugt. Wir haben im WDR einige Sofortmaßnahmen ergriffen, die gerade umgesetzt werden. Dazu gehört eine überarbeitete Dienstvereinbarung gegen sexuelle Belästigung und die dauerhafte Einrichtung einer externen Anlaufstelle, durch die ein besseres Frühwarnsystem entstehen soll. Zu weitergehenden Schritten sind wir mit dem Personalrat im Gespräch. Auch zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligen sich mit Vorschlägen an der Debatte, die wir dann in der Geschäftsleitung beraten.

Wie versuchen Sie, gerade die jüngeren Kolleginnen und Kollegen – also Volontäre, Trainees, Auszubildende und Studierende – für das Thema zu sensibilisieren?

Wir werden ein besonderes Schulungsformat in die Ausbildung integrieren. Unsere Personalentwicklung und die Aus- und Fortbildungsredaktion arbeiten derzeit daran. Ich bin davon überzeugt, dass wir die jungen Menschen stärken müssen, sie erfahren lassen müssen, dass sie nicht abhängig und wehrlos sind, wenn ihnen Unrecht widerfährt.

Was würden Sie als den wichtigsten Lerneffekt aus der Debatte bezeichnen?

Dass wir immer noch mehr tun können und zum Beispiel noch mehr auf einen respektvollen Umgang miteinander achten müssen. Vielleicht haben wir uns zu sicher gefühlt, dass vorhandene Präventions- und Interventionsmechanismen greifen und dass es daher solche Fälle bei uns gar nicht geben kann. Jetzt mussten wir feststellen, dass wir mit unserer Einschätzung nicht richtig lagen. Wir dürfen nicht aufhören, wachsam zu sein und nicht nachlassen, an diesen Themen zu arbeiten.

Welche Stimmung hat die Debatte der vergangenen Monate im Haus ausgelöst?

Ich habe Ratlosigkeit, Verunsicherung und Wut gespürt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren in der Anfangsphase betroffen, dass „ihr WDR“ öffentlich so schlecht dastand. Je mehr wir nach konkreten Hinweisen auf sexuelle Belästigung gesucht und wenig Belastbares gefunden haben, umso mehr wurde uns vorgeworfen, „etwas unter den Teppich zu kehren“. Mittlerweile wird uns aber, so mein Eindruck, abgenommen, dass wir allen Hinweisen mit großer Ernsthaftigkeit nachgehen und sehr sorgfältig den einzelnen Fall abwägen. Nachdem der erste Schock überwunden ist, ist deutlich zu bemerken, dass wir sensibler und offener miteinander umgehen als zuvor. Jedenfalls ist das meine Wahrnehmung.

Woran macht sich das fest?

Wir thematisieren unseren Umgang miteinander und diskutieren, was wir besser machen können. Alle wollen doch ein offenes, wertschätzendes Miteinander erleben und die #metoo-Debatte hat ganz klar dazu geführt, dass wir darüber sprechen, wie wir dieses herstellen können. Zum Beispiel auf Veranstaltungen mit allen Mitarbeitenden, wo es um Vertrauen, gegenseitiges Feedback, Respekt und Fehlerkultur geht. Jetzt gerade geht es darum, dass diesen Worten auch Taten folgen.

Steht der WDR also vor einem Kulturwandel?

Die WDR-Kultur, wie ich sie erlebe, ist ja eine sehr starke und gute Kultur – sonst würden die Menschen auch nicht so gerne hier arbeiten. Von daher würde ich eher sagen: Wir müssen unsere Kultur weiterentwickeln, um ihr jeglichen Nährboden für unbotmäßiges Verhalten zu entziehen. Dabei geht es darum, offener und aufrechter miteinander zu kommunizieren. Wir müssen Dinge miteinander besprechen, anstatt übereinander zu reden. Wir müssen Kritik äußern, wo sie angebracht ist – auf eine respektvolle Art und Weise. Das gilt für jede Mitarbeiterin, jeden Mitarbeiter im WDR, ganz egal in welchem Bereich und welcher Funktion. Dazu gehört auch, dass wir Fehler eingestehen, um aus ihnen zu lernen. Der Intendant ist vorangegangen, indem er ganz öffentlich auch über unsere Fehler in der #metoo-Angelegenheit gesprochen hat. Kulturwandel kann durch solche Beispiele bewusst angestoßen werden. Und: Kulturwandel ist ein fortlaufender Prozess, an dem wir alle unweigerlich beteiligt sind durch unser Verhalten und unsere Zusammenarbeit!

Wo setzt dieser Umbruch genau an?

Die frühere ÖTV-Vorsitzende und Mitglied der EU-Kommission a.D. Monika Wulf-Mathies und Intendant Tom Buhrow

Die frühere ÖTV-Vorsitzende und Mitglied der EU-Kommission a.D. Monika Wulf-Mathies und Intendant Tom Buhrow

Wir müssen sicherlich an den Stellen ansetzen, wo Machtmissbrauch – und darum geht es ja letztlich bei sexueller Belästigung – aufgrund von Abhängigkeitsverhältnissen möglich ist. Wir müssen aber auch dort ansetzen, wo es Konflikte in der Führung und Zusammenarbeit gibt. Und wir müssen uns generell immer wieder verständigen, wie wir zusammenarbeiten wollen, was die „Spielregeln“ sind und wie wir damit umgehen, wenn diese nicht eingehalten werden. Das Thema geht damit deutlich über die #metoo-Debatte hinaus. Es ist eine Debatte, die auch in anderen Organisationen läuft und die auch etwas mit der Ver- änderung unserer Arbeitswelt durch die Digitalisierung zu tun hat.

Wie kann das konkret aussehen?

Es wird Gespräche mit unserem Personalrat geben, um dessen Sichtweise auf Probleme und Lösungsansätze einzubeziehen. Wir werten die Befragung der Beschäftigten aus und veranstalten verschiedene Gesprächsformate mit Führungskräften und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, um Vorschläge zu entwickeln. Zudem erwarte ich auch, dass die Untersuchung von Frau Dr. Wulf-Mathies uns Hinweise liefern wird, was wir verbessern sollten. Und dann haben wir in der Geschäftsleitung natürlich auch unsere Sicht auf die Situation.

Das heißt?

Es geht jetzt darum, die richtigen Antworten auf die tatsächlich brennenden Fragen zum Thema Führung und Zusammenarbeit zu geben. Nicht um Aktionismus. Im WDR sind so viele mutige, kreative und selbstbewusste Menschen, dass dieser Wandel gelingen kann.

Das Interview ist in der Juli/August-Ausgabe des WDR-Unternehmensmagazins "WDR print" erschienen. Die Fragen stellte Svenja Siegert.

Stand: 02.07.2018, 15:30