"Kultur muss man ernst nehmen!"

Die gebürtige Duisburgerin Siham El-Maimouni moderierte bereits das Kulturmagazin WESTART im WDR Fernsehen.

"Kultur muss man ernst nehmen!"

Am 25. April 2021 moderierte die preisgekrönte WDR-Journalistin Siham El-Maimouni zum ersten Mal "ttt – titel thesen temperamente". Künftig wird sie im Wechsel mit Max Moor einmal im Monat durch das Kulturmagazin im Ersten führen und auch online für das Format präsent sein.

Sie kennt sich mit Kulturformaten aus: Seit fünf Jahren moderiert die gebürtige Duisburgerin Siham El-Maimouni das Kulturmagazin "Westart" im WDR Fernsehen. Daneben gehört die 36-Jährige zum Moderationsteam des politischen Magazins "Westpol" und ist als Reporterin für "Die Sendung mit der Maus" und "Frag doch mal die Maus" im Einsatz. Nach 11 Jahren Global Pop Radio hatte sie Ende Februar ihre letzte Sendung bei COSMO. Im Interview gibt Sie Auskunft über ihren neuen Job im Ersten, über ihren bisherigen Weg sowie ihr Verständnis von Kultur und die Berichterstattung darüber.

Frau El-Maimouni, Sie steigen bei "ttt" nicht nur als neue Moderatorin ein, sondern sollen auch die Online-Präsenz verstärken. Wie wird das aussehen?

Es wird erstmals Instagram Lives mit Kulturschaffenden und Künstler*innen geben. In meiner ersten Sendung wird die Debatte um Identitätspolitik und Cancel Culture ein Thema sein. Dazu machen wir vorab am Freitagabend mit der deutsch-kroatischen Autorin Jagoda Marinić ein Instagram Live Interview. Und die Kolleg*innen vom Hessischen Rundfunk haben eine großartige Reportage über den Rapper Haftbefehl gemacht. Davon gibt es online eine 15-minütige Version, in der Sendung wird der Beitrag natürlich kürzer sein müssen. So wollen wir langfristig mehr fürs Netz mitdenken und -produzieren.

Sie haben Politik- und Verwaltungswissenschaft sowie Soziologie studiert. Jetzt entwickeln Sie sich zur Spezialistin für Kultur. Ist das ein Zufall?

Ich habe zuerst fürs Radio gearbeitet, war bei verschiedenen popkulturellen Wellen. Bei Funkhaus Europa, heute COSMO, habe ich das tolle popkulturelle Magazin „Süpermercado“ moderiert. Parallel dazu habe ich noch ein Fernstudium in Politikwissenschaften absolviert, weil Kultur und Politik immer schon die beiden Bereiche waren, die mich am meisten interessiert haben. „ttt“ ist ja politisches Feuilleton, das passt natürlich für mich sensationell gut – einen besseren Job hätte ich mir nicht backen können!

Wollten Sie schon immer Journalistin werden?

Ja. Als Kind habe ich, wenn die Mini Playback Show kam, vor dem Fernseher gestanden und imitiert. Ich habe aber nicht so getan, als würde ich durch die Zauberkugel gehen und einen Song singen – ich habe so getan, als wäre ich Marijke Amado. Ich bin auch damit aufgewachsen, dass Nachrichten für meine Eltern einen hohen Stellenwert hatten. Wenn die liefen, mussten alle still sein. Da war klar: Das ist was Besonderes. Medien waren für mich immer eine faszinierende Welt, und ich wollte gerne ein Teil davon sein.

Was macht für Sie gute Kulturberichterstattung aus?

Kultur muss man ernst nehmen, das ist die Grundvoraussetzung. Kultur ist relevant – in allen Lebensbereichen. Sie ist notwendig, sie ist essentiell. Für mich bedeutet Kultur: Alles, was menschlich ist, was uns verbindet – egal, wie unterschiedlich wir sind. Wenn man gute Kulturberichterstattung machen will, muss man sich erst mal über deren existentiellen Stellenwert in unserer Gesellschaft bewusst sein. Wenn man sich dann damit auseinandersetzt, merkt man, wie politisch Kultur ist. Gute Kulturberichterstattung muss sich darauf einlassen. An „ttt“ liebe ich das „Temperamente“ im Titel. Für mich bedeutet das: Teil der Diskussion sein, sich einmischen, neue Impulse geben.

Kulturschaffende beklagen aber, dass der gesellschaftliche Stellenwert von Kultur im Zuge der Pandemie nicht wertgeschätzt wird ...

Zu Recht! Vielen Entscheider*innen scheint nicht bewusst zu sein, dass Kultur sowohl eine enorme emotionale, als auch wirtschaftliche Relevanz hat. Kultur wird als spaßiges Freizeitangebot abgetan. Darum gab und gibt es in der Corona-Pandemie viele Diskussionen. Viele Kulturschaffende und Künstler*innen haben ihren Standpunkt deutlich gemacht, aber es ist noch nicht im Bewusstsein aller angekommen. Kultur hatte es aber schon immer schwer, obwohl sie einem so viel gibt. Auch in den Medien hat sie nicht den Stellenwert, den sie haben sollte. Dass „ttt“ sonntags um 23:05 Uhr läuft, ist auch ein Statement. Das muss man ehrlicherweise sagen, um nicht immer nur auf die Anderen zu zeigen.

Und was muss Kulturberichterstattung leisten, wenn Kultur kaum stattfinden kann?

In diesen Zeiten sind wir ein wichtiges Sprachrohr für Kulturschaffende und Künstler*innen geworden, die sich ja sonst nur noch über Soziale Medien äußern können. Wir haben eine Verantwortung, diesen Menschen eine Bühne zu geben, wenn ihnen die echte Bühne genommen wird.

Wird die Kultur oder die Wahrnehmung von Kultur nach der Pandemie eine andere sein?

Ich hoffe darauf, dass Kulturevents, Theater, Museen bald wieder starten. Und ich glaube, die Leute rennen denen die Bude ein – nach allem, was ich in meinem Umfeld mitbekomme und auch selbst empfinde. Wobei ich ja noch das Glück habe, aus beruflichen Gründen immer mal wieder an Kulturorten sein zu dürfen. Es fehlt wirklich etwas, und das schon seit einer sehr langen Zeit. Das macht was mit den Menschen. Mit wundert es nicht, wenn ich lese, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt. Ich glaube, dass es einen Run auf Kultur geben wird. Die große Frage ist nur: Wer überlebt bis dahin? Welche kleinen Häuser, Kompanien, Galerien überleben und sind bis dahin noch am Start? Das macht mir große Angst.

Die Fragen stellte Christine Schilha.

Stand: 23.04.2021, 12:26