"Tatort Beziehung" - wie können wir die Gewalt im eigenen Zuhause stoppen?

Jede vierte Frau in Deutschland erfährt häusliche Gewalt.

"Tatort Beziehung" - wie können wir die Gewalt im eigenen Zuhause stoppen?

Jede vierte Frau in Deutschland erfährt häusliche Gewalt, das belegt eine Studie der Europäischen Grundrechteagentur aus dem Jahr 2014. Ein gemeinsames Projekt von "Hier und heute Reportage" und "Frau tv" lässt Opfer und Täter zu Wort kommen und macht sich mit einer neuartigen Erzählform fürs Netz zum Anwalt einer Toten.

"Ich wollte das nicht wahrhaben", sagt Jessica. Trotz massiver verbaler und körperlicher Übergriffe sei sie so verliebt in ihren Freund gewesen, dass "der Verstand nicht über die Gefühle herrschen konnte". Die junge Frau drückt sich sehr gewählt aus, wirkt nicht wie eine, die sich zweieinhalb Jahre lang unterdrücken und quälen lässt.

In der "Hier und heute"- Reportage "Tatort Beziehung – wie können wir die Gewalt im eigenen Zuhause stoppen?" berichten drei Frauen aus Nordrhein-Westfalen von ihrem Martyrium: von Schlägen, Erniedrigungen, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung. Die Reporterin Mareike Wilms sprach mit ihnen über ihre Gewalterfahrungen. Frauenhaus-Mitarbeiterin Mirja Fehm erzählte ihr von ihrem Arbeitsalltag. Mareike Wilms besuchte aber auch das Programm "Mann sein ohne Gewalt": Täter unterziehen sich hier einer Therapie – freiwillig oder vom Gericht dazu verpflichtet. Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten, man sieht es ihnen nicht an. Und auch sie berichten, dass ihr Verstand den Gefühlen unterliege, wenn sie gewalttätig werden. Auch sie verdrängen, versuchen ihre Übergriffe zu rechtfertigen oder zu beschönigen. Die Psychologin Anja Steingen unterstützt Männer dabei, diese Mechanismen zu durchbrechen. Doch solche Hilfsangebote gibt es viel zu wenige.

Erschütternde Zahlen

Wie lässt sich Gewalt im eigenen Zuhause stoppen?

Die 70 Frauenhäuser in NRW mussten vergangenes Jahr aus Platzmangel rund 7000 Gewaltopfer abweisen. Und von den 300 Frauen, die laut Kriminalstatistik im Jahr 2015 in Deutschland getötet wurden, fielen rund 44 Prozent ihrem derzeitigen oder früheren Partner zum Opfer. Diese erschütternden Zahlen waren für Redakteurin Dorothee Pitz der Anlass, sich dem Thema häusliche Gewalt zu widmen. "Besonders nach der Kölner Silvesternacht 2015/16 drehte sich die Diskussion ja stets darum, wie gefährlich angeblich öffentliche Räume für Frauen sind", sagt sie, "dabei ist der gefährlichste Ort für Frauen das eigene Zuhause."

Unaufgeklärter Frauenmord

"Tatort Beziehung" ist auch ein Beitrag zum "Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen", der am 25. November weltweit mit Aktionen und Protesten begangen wird. "Eine Kooperation mit Frau tv erschien uns naturgemäß", sagt Pitz. Das einzige Magazin für feministische Themen im deutschen Fernsehen berichtet regelmäßig über Gewalt an Frauen. Am 20. November wird die 30-minütige "Hier und heute" Reportage zu sehen sein. "Frau tv" stellt zwei der darin vorkommenden Frauen und ihre Geschichten am 23. November vor. Vom 20. bis 24. November rollt das Magazin einen unaufgeklärten Frauenmord im Netz auf und macht die Recherchewege der Reporter transparent. "Wir haben die Form ‚facebook live‘ gewählt, weil die Zuschauerinnen und Zuschauer sich dann mit Kommentaren direkt beteiligen können – sozusagen als Community-Recherche", erklärt "Frau tv"-Redakteurin Verena Lammert.

Live auf Facebook

Vor 13 Jahren wird die 27-jährige Susanne tot in ihrer Düsseldorfer Wohnung aufgefunden – brutal erschlagen von einem Täter, den sie aller Wahrscheinlichkeit nach gekannt hat. Bis heute blieb im Dunkeln, wer der Täter ist. "Wir wollten wissen: Warum gibt es bei so vielen Morden an Frauen keine Verurteilung, und was macht das mit den Hinterbliebenen?", so Lammert. Es gehe darum, exemplarisch zu zeigen, welche Einzelschicksale hinter den Statistiken stecken. Die Reporter Marianna Deinyan und Thomas Todt begaben sich ein Jahr lang auf Spurensuche und förderten neue Erkenntnisse zu Tage. Nun stellen sie den Fall auf facebook.com/Frautv vor und beleuchten ihn in fünf Folgen von allen Seiten: In Live-Schalten von unterschiedlichen Orten sprechen sie etwa mit der Mutter und Freunden des Opfers, einem Gerichtsmediziner oder einer Gerichtsreporterin der Rheinischen Post, die der Fall nicht loslässt.

Der Text wurde ursprünglich in der Novemberausgabe des WDR-Unternehmensmagazins "WDR print" veröffentlicht.

Stand: 20.11.2017, 15:59