Solingen 1993 - Eine ähnliche Ausgangssituation wie heute

Solingen, 1993, Anschlag, Genc, Schönenborn, 25 Jahre

Solingen 1993 - Eine ähnliche Ausgangssituation wie heute

25 Jahre ist es her, dass in Solingen das Haus der türkischen Familie Genç brannte. WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn berichtete als junger Reporter über den Anschlag.

1991 Hoyerswerda und Hünxe, 1992 Rostock und Mölln, Mai 1993 Solingen: Die Daten und Orte stehen für rechte Gewalt. Motiv: Fremdenhass. Asylbewerberheime brannten, Wohnhäuser türkischer Familien wurden angezündet. In Mölln starben drei Türkinnen, in Solingen fünf türkische Frauen und Mädchen. In der Dokumentation „Und dann waren sie weg“ von Christina Zühlke, die am Mittwoch, den 23. Mai im WDR Fernsehen lief, kam auch Fernsehdirektor Jörg Schönenborn zu Wort, denn er berichtete vor 25 Jahren als junger Reporter tagelang live über die Morde in Solingen. Maja Lendzian interviewte Jörg Schönenborn für die aktuelle WDR print Mai 2018.

Als fünf Mitglieder der Familie Genç in Solingen bei einem Brandanschlag auf ihr Haus ums Leben kamen, arbeiteten Sie gerade als ARD-Nachrichtenkorrespondent in Nordrhein-Westfalen. Wie war die Situation, die Stimmung vor 25 Jahren im Land?

Jörg Schönenborn: Wir alle, die wir nicht aus der Kriegsgeneration stammten, erlebten damals zum ersten Mal, dass Hunderttausende in dieses Land kamen. Der Bürgerkrieg fand vor der Haustür in Jugoslawien statt. Viele, die dort vor dem Krieg flüchteten, hatten hier Familie aus der Gastarbeiterzeit. Die Grenze nach Osten war gefallen: Flüchtlinge, Asylbewerber, Aussiedler - es war eine große Zahl. Und man sah es im Stadtbild: Alte Schulen wurden als Lager wieder hergerichtet, es gab auch damals Unterbringung in Zelten und Containern, wo immer Platz war.

Ich erinnere mich daran, dass der WDR Kriegsflüchtlinge aufnahm…

…auf seinem Studiogelände in Bocklemünd.

Die Welt war im Umbruch, wir glaubten zum Besseren, weil der Kommunismus gefallen war. Aber die Folgen waren sichtbar und greifbar. In dieser Phase brach sich abscheuliche Gewalt Bahn. Ich persönlich habe Mölln als einen besonderen Einschnitt erlebt, denn dort starben Menschen, die seit vielen Jahren hier lebten. Das war für mich auch das Erschreckende an den Verbrechen in Solingen: Menschen, die dort ein Haus gekauft hatten ein ganz normales Leben führten und sich zu Hause fühlten, wurden plötzlich angefeindet und ermordet.

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Der Tatort wurde nur wenige Meter abgesperrt. Dort standen auch die Live-Kameras des WDR.

Sie sind damals für Ihre Berichterstattung über den Brandanschlag in Solingen mit dem Telestar-Förderpreis und Axel-Springer-Preis für Fernsehberichterstattung ausgezeichnet worden. Was haben Sie anders gemacht als andere?

Ich kann nur sagen, was ich damals versucht habe. Solingen ist die Stadt, in der ich groß geworden bin. Dort in dieser Situation als Reporter zu arbeiten, war schon an sich eine Belastung. Vor diesem Haus zu stehen, das Feuer noch zu riechen, die Hinterbliebenen zu erleben, das hat mich sehr bedrückt. Aus dieser Situation heraus habe ich einfach versucht zu beschreiben, was ist. Reporter war das, was ich mal im Radio gelernt hatte:  beobachten und beschreiben.

Für welche Sendungen haben Sie gearbeitet?

Ich habe tagelang für »Tagesschau« und »Tagesthemen« live geschaltet. Und es gab reichlich zu berichten:  Der Tatort, an dem ich stand, entwickelte sich plötzlich zu einem Schauplatz für linke und rechte Demonstranten. Dort beteten auch Imame. Da zündeten Menschen ein Mahnfeuer an. Aber es wurde auch geprügelt, es flogen Steine, und die Polizei versuchte immer wieder, für Ordnung zu sorgen. Auch Politiker kamen dort hin: Innenminister Manfred Kanther, Ministerpräsident Johannes Rau. Im Rückblick finde ich es unglaublich, dass der Tatort nur für wenige Meter abgesperrt war und sich ansonsten  viel Raum für alle bot, die irgendwie Aufmerksamkeit suchten.

Gab es besondere Gründe oder war das einer ungewohnten Situation geschuldet?

Später im Prozess stellte sich heraus, wie unzulänglich die Spurensicherung war, wie leichtfertig die Polizei auch Fremde in das abgebrannte Haus hineingelassen hatte. Auch ich durfte als Reporter da reinspazieren. Man muss schon sagen, dass die Behörden diese Bühne geboten haben. Dort standen aber unsere Livekameras. Und alle, die etwas vorzubringen hatten, wussten und nutzen das.

Nur Bundeskanzler Helmut Kohl ist nicht gekommen und hat dadurch viel Zorn auf sich gezogen.

Ja, wobei ich sagen muss, wenn er gekommen wäre, hätte er noch mehr Zorn auf sich gezogen. Das deutsche Asylrecht war nur wenige Tage vor dem Brandanschlag in Solingen geändert worden. Artikel 16 wurde erweitert, und manche kritisierten, dass das Asylrecht faktisch abgeschafft worden sei. Ein Beschluss vor allem der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung, auch wenn die SPD ihn mitgetragen hat.

Frau Genc

Mevlüde Genç verlor bei dem Brandanschlag ihre Töchter und Enkelkinder.

Damals standen auch die Medien in der Kritik. WDR print fragte in einer Schwerpunkt-Ausgabe nach Mölln: „Die Glotze – Bühne für Glatzen?“ Journalistische Entscheidungsträger diskutierten im Blatt die Frage, ob auch die ARD der Vorwurf treffe, dass die Gewaltdarstellung  in den Medien kaum noch Grenzen kenne. Wie hat sich diese durchaus selbstkritische  Diskussion im Haus auf Ihre Berichterstattung ausgewirkt?

Wir wissen seit damals, dass wir häufiger in einer Situation sein können, in der der Reflex „draufhalten und senden“ fatal ist. Ich habe vor allem Rostock vor Augen, wo Livekameras dabei waren, während versucht wurde, Menschen anzuzünden .Wir haben damals verstanden, wie wichtig die Auswahl von Bildern ist. Auch bewusst Dinge nicht zu zeigen. Aktuelle Berichterstattung ist ständiges Abwägen:  Auf der einen Seite müssen Journalisten natürlich dokumentieren, welche Formen die Gewalt hat. Auf der anderen Seite – und das wird heute vielfältig praktiziert – ziehen sie die Grenze genau dort, wo sie das Ziel erreicht haben: Sind Geschehnisse ausreichend dargestellt, verzichtet man auf weitere Schnittbilder, um sich nicht in der Gewalt zu suhlen. Auf jeden Fall müssen wir dabei immer einen schützenden Blick auf die gezeigten Opfer haben.

Vor 25 Jahren ging es um die Partei Die Republikaner, gewaltbereite Skinheads, Asylbewerber und türkische Mitbürger. Kann man Parallelen zu heute ziehen: AfD, Flüchtlinge, gewaltbereite Rechtsextremisten? Oder muss man heute noch viel mehr die Normalbürger, die um ihre Existenz bangen, hinzuzählen?

Wir haben eine ähnliche Ausgangssituation heute, die völlig darin besteht, dass viele Menschen gleichzeitig in unser Land kommen. Wir haben aber eine andere gesellschaftliche Situation. Heute ist durch den Druck und die Veränderung der Globalisierung die Angst vor der eigenen Zukunft, die  Angst vor der Veränderung von Kultur in unserem Land viel größer als damals. Aber darauf reagieren die meisten Menschen nicht mit Gewalt. AfD zu wählen, ist meist Ausdruck dieser Ängste und macht deutlich: Ich bin nicht damit zufrieden, wie die anderen Parteien mit meinen Sorgen umgehen. Und deshalb ist es heute eine andere Debatte, die nach dem Herbst 2015 geführt worden ist.

Welche Entwicklungen zeichnen WDR-Dokumentationen und -Berichte 25 Jahre nach Solingen nach?

Wir zeigen zum Beispiel, wie unsere Gesellschaft damals und heute mit Einwanderung umgegangen ist; wir sprachen darüber.  Wir werden aber auch darauf schauen, wie sich Integration in dieser Zeit entwickelt hat. Familie Genç war eine Familie, die seit vielen Jahren in Solingen mit Deutschen zusammenlebte und trotzdem isoliert war. Heute sind für uns türkische Polizisten, türkische Ärztinnen, türkische Bankangestellte völlig normal. Die Integration der Nachfolgegeneration der Gastarbeiterfamilien ist die große Leistung der vergangenen 25 Jahre. Die Bilanz, was geglückt und was nicht geglückt ist, wird ein wesentlicher Teil der Berichterstattung sein.

Mit Jörg Schönenborn sprach Maja Lendzian für ein im WDR-Unternehmensmagazin "WDR print" veröffentlichtes Interview.

WDR.de berichtet am 29. Mai 2018 von 16.00 - 17.30 Uhr sowie von 20.00 - ca. 21.45 Uhr von den Gedenkfeiern zum 25. Jahrestag des Solinger Brandanschlags.

Stand: 25.05.2018, 13:34