Die Normalität der Vielfalt

Bilden die Medien die Lebenswirklichkeit in Deutschland ausreichend ab? So lautete die zentrale Frage auf dem WDR-Diversity-Panel im Rahmen der digitalen re:publica.

Die Normalität der Vielfalt

Förderprogramme für mehr Vielfalt vor und hinter den Kameras und Mikrofonen im WDR laufen gut. Doch es bleibt weiterhin viel zu tun – wie überall in den deutschen Medien. Das zeigte das WDR-Diversity-Panel auf der re:publica. Dort diskutierten Medienmacher*innen aus Einwanderfamilien über die Vielfalt in deutschen Medien.

"Beim WDR zeigen erste Projekte für mehr Diversität in den Redaktionen Erfolge", sagt Iva Krtalic beim Diversity-Panel des WDR auf der digitalen re:publica. Die WDR-Integrationsbeauftragte verweist etwa auf die Talentwerkstatt "grenzenlos" für junge Medienschaffende mit Zuwanderungsgeschichte und betont: "Die Tür muss offen sein, die erste Schwelle muss niedrig sein. Wir haben mittlerweile eine auf Diversität ausgelegte Auswahl bei den Volos. Und tatsächlich bewerben sich jetzt mehr."

"Insgesamt steht der WDR gut da"

Mehr Menschen mit Migrationshintergrund müssen für den Medienberuf begeistert werden. Darin sind sich Ferda Ataman, Vorsitzende der Neuen deutsche Medienmacher*innen (NdM), Schiwa Schlei, Programmchefin von COSMO, der freie Journalist Malcolm Ohanwe und Iva Krtalic bei der von der WDR Kommunikation organisierten Diskussionsrunde mit Moderatorin Nora Hespers einig. Und dazu braucht es Unterstützung. Ohne Förderprogramme und Stipendien könnten sich Journalist*innen gerade aus einkommensschwachen Einwanderfamilien unbezahlte Praktika schlicht nicht leisten.

Bilden die Medien die Lebenswirklichkeit in Deutschland ausreichend ab? So lautete die zentrale Frage auf dem WDR-Diversity-Panel im Rahmen der digitalen re:publica.

COSMO-Programmchefin Schiwa Schlei

"Insgesamt steht der WDR gut da", befindet Iva Krtalic. "Aber was mir fehlt, ist die Normalität der Vielfalt. Viele Menschen mit Migrationshintergrund sehen sich nicht als Teil der gesellschaftlichen Normalität in den Inhalten der deutschen Medien." In Deutschland habe rund jede vierte Person einen Migrationshintergrund, dennoch seien viele Redaktionen noch nicht vielfältig genug besetzt. "Es würde für Glaubwürdigkeit sorgen, wenn wir diese Normalität da draußen auch mehr abbilden würde in dem, was wir machen. Die Realität draußen ist weiter als in den Medienhäusern", sagt COSMO-Programmchefin Schiwa Schlei.

Forderung nach mehr Vielfalt im Programm

Ferda Ataman von den NdM sieht die Basis für mehr Diversität in deutschen Redaktionen in der (Neu-)Gestaltung des Programms. Wenn man ein diverseres Programm produziere, brauche man zwangsläufig auch Mitarbeiter*innen mit Migrationshintergrund, die das nötige Knowhow mitbringen. "Das Programm könnte der Schlüssel sein", sagt sie. Die WDR-Integrationsbeauftragte Iva Krtalic schildert ihren Eindruck, dass Redaktionen gerade bei der Suche nach Talkgästen oder Interviewpartner*innen zu oft auf Altbewährtes zurückgreifen. "Das ist eine Sache der Selbstverpflichtung und auch eine Sache des Willens, das zu ändern", sagt sie.

Bilden die Medien die Lebenswirklichkeit in Deutschland ausreichend ab? So lautete die zentrale Frage auf dem WDR-Diversity-Panel im Rahmen der digitalen re:publica.

Ferda Ataman, Schiwa Schlei, Iva Krtalic und Malcom Ohanwe (v.l.) waren beim WDR-Panel auf der re:publica dabei.

Malcolm Ohanwe, der beim BR volontiert hat, bemängelt die Perspektive und Haltung, die vielen Beiträgen anhafte, etwa wenn ein Ramadan-Beitrag zum reinen Erklär-Stück wird. "Es reicht also nicht, nur die Protagonist*innen zu verändern, sondern auch mit welcher Haltung gehst du ran und welcher Wissensstand wird vorausgesetzt? Und es wird immer vorausgesetzt, dass man alles Ländliche, Weiße kennt und alles andere ist exotisch", kritisiert Malcolm Ohanwe. "Das Publikum wird massiv unterschätzt und ist viel diverser, als viele Redaktionen glauben", pflichtete ihm Ferda Ataman bei.

Stand: 18.09.2020, 14:23