"Paradise Papers" - die geheimen Recherchen im WDR

Monika Wagener, Leiterin Investigatives Ressort

"Paradise Papers" - die geheimen Recherchen im WDR

Von Presse und Information

Das Investigative Ressort hat ein Jahr lang die Daten der "Paradise Papers" ausgewertet. Leiterin Monika Wagener spricht im Interview über diese Aufgabe.

Die weltweiten Enthüllungen auf Basis der "Paradise Papers" haben für ein großes Echo in den Medien gesorgt. Das Investigative Ressort des WDR war an den geheimen Recherchen und Auswertungen beteiligt, die zeigen, mit welchen Steuertricks nicht nur Unternehmen, sondern auch Superreiche, Prominente und Mächtige viel Geld am Staat vorbeischleusen.

Im crossmedialen Recherche-Team haben Petra Blum und Andreas Braun ca. ein Jahr lang mit den Daten gearbeitet. Petra Blum hat bereits bei den Panama Papers eine entscheidende Rolle gespielt. An der Fernseh-Dokumentation "Geheime Geschäfte – die Milliardendeals der Rohstoffkonzerne“ im Ersten haben ab Mitte 2017 auch Jochen Tassler, Georg Wellmann und Petra Nagel mitgearbeitet.

Petra Nagel, Andreas Braun, Jochen Tassler und Georg Wellmann

V.l. Petra Nagel, Andreas Braun, Jochen Tassler und Georg Wellmann

Insgesamt waren 400 Journalisten von hundert verschiedenen Medien aus aller Welt an den Recherchen beteiligt, darunter auch die WDR-Kooperationspartner NDR und Süddeutsche Zeitung. Der SZ waren die Daten ursprünglich zugespielt worden.

Wir sprachen mit Monika Wagener, Leiterin Investigatives Ressort und Stellvertretende Leiterin PG Inland, über die Herausforderungen bei der Geheimhaltung, beim juristischen Absichern der Ergebnisse und der Aufgabe, der riesigen Datenmenge Herr zu werden.

Presse und Information: An dieser hochbrisanten und investigativen Story sind Journalisten aus aller Welt beteiligt. Wie schafft man es, dass ein solcher Scoop auch wirklich gelingt - sprich, die Enthüllungen bis zur Sekunde der Ausstrahlung geheim bleiben?

Monika Wagner: Dafür ist wirklich absolute Disziplin notwendig bei allen Beteiligten, das heißt, die Kommunikation läuft nur verschlüsselt. Auch mit den Eingeweihten spricht man nur über Projekt A oder Projekt G. Eingeweiht werden wirklich nur die, die es unbedingt wissen müssen, also zum Beispiel die, die das Geld geben müssen und  die, die verdeckt die Sendeplätze offenhalten müssen. Programmbewilligungen werden mit nichtssagender Prosa auf den Weg gebracht, aber die Unterzeichner wissen ja Bescheid. Es darf wirklich nichts durchsickern – sonst ist das Projekt tot.

Bei welchem Moment in den letzten Wochen dachten Sie: "Jetzt wird’s eng"?

So verrückt es klingt: Auch wenn man ein Jahr an so einer Recherche sitzt, wird es am Ende immer ein Ritt über den Bodensee mit unzähligen 16-Stunden-Arbeitstagen für alle Beteiligten, egal ob Wochenende oder Feiertag. Das liegt bei uns auch daran, dass jede einzelne Ausspielung - ob Fernsehen, Hörfunk, Online, Page Flow oder Social Media - einen Wahnsinns-Organisationsaufwand nach sich zieht. Jedes Wort, jeder Teaser muss korrekt sein, schon aus juristischen Gründen. Mit den Kollegen Peter Koppe und Joachim Ebhardt aus dem Justitiariat haben wir seit einer Woche quasi eine Standleitung, Texte und Formulierungen fliegen hin und her und das auch noch verschlüsselt. Dafür haben wir den beiden extra PGP eingerichtet. Es ist eine Wahnsinns-Teamleistung und da kommt jeder an seine Grenzen.

Was war bei der Recherchearbeit, die über ein Jahr ging, die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war es diesmal, der Datenmenge überhaupt Herr zu werden und die komplexen Konstruktionen zu verstehen. Anders als bei den "Panama Papers" haben wir es diesmal mit einer Anwaltskanzlei zu tun, die weit mehr versucht, den legalen Rahmen auszunutzen und jede ihrer komplexen Konstruktionen mit unzähligen Gutachten unterlegt. Am Ende führt das zu dem gleichen Ergebnis: Der Gesellschaft werden Unsummen an Steuern vorenthalten, aber alles ist viel geschickter aufgebaut.

Wie hat sich das WDR-Team bei der Arbeit aufgeteilt?

Wie immer bei solchen Großprojekten muss es Datenwühler geben und Menschen, die sich frühzeitig um die Umsetzung in allen Medien kümmern. Bei der Datenrecherche arbeiten die Kollegen ja immer in einem großen internationalen Team. Diesmal waren 400 Journalisten von hundert verschiedenen Medien aus aller Welt beteiligt, darunter die New York Times, der Guardian und Le Monde und natürlich unsere Kooperationspartner NDR und Süddeutsche Zeitung. Der Süddeutschen Zeitung war ja das Leak zugespielt worden und sie haben es mit den internationalen Partnern geteilt. Das waren 1,4 Terrabyte mit 13,5 Millionen Dokumenten. Das kann ein einzelnes Medium niemals auswerten, ein einzelner Journalist schon gar nicht.

Stand: 06.11.2017, 13:49