Zukunftsvisionen: Ein Tag von drei "Alphas" im Jahr 2035

Generation Alpha

Zukunftsvisionen: Ein Tag von drei "Alphas" im Jahr 2035

Das WDR Innovation Hub forscht zur "Generation Alpha", um sich schon jetzt auf die Bedürfnisse der künftigen Mediennutzer:innen einstellen zu können.

Das erste iPad 2010 war eine Zäsur. Für Forscher:innen wie Mark McCrindle, ein renommierter australischer Generationenforscher und Unternehmensberater, läutete es den Beginn einer neuen Generation ein: der "Generation Alpha". Vanessa Beule und Lisa Zauner vom WDR Innovation Hub haben sich auf die Suche gemacht, was diese Generation ausmacht – vom Mindset, über Werte und Visionen bis zum Medienverhalten – und die Erkenntnisse mit ihrer Trendforschung kombiniert. So ist das Zukunftsbild dreier unterschiedlicher sogenannter "Alphas" an einem Tag im Jahr 2035 entstanden. Für ein Medienhaus wie den WDR eine wichtige Projektion, um sich schon jetzt auf die Bedürfnisse der zukünftigen Nutzer:innen einzustellen.

"Generation Alpha" – Touchscreen-affin von Anfang an

In aller Munde ist gerade eher die "Generation Z". Das sind Menschen, die ab 1997 geboren sind, meist junge Erwachsen, die die heutigen Trends bestimmen. Von der nachfolgenden "Generation Alpha", die für Zukunftsforscher spannender ist, haben die meisten hingegen noch nie gehört. Vanessa Beule, die beim Innovation Hub für den inhaltlichen Teil des Projekts verantwortlich ist, fasst diese Generation so zusammen: "Alpha-Kinder werden als erste Generation im 21. Jahrhundert geboren und sind schon als Kleinkinder von Technologie umgeben. Eine Generation, die sozial divers, digital, visuell und auditiv ist. Für die ‚Generation Alpha‘ sind Bildschirme, Sprachassistenten und Personalisierungsalgorithmen völlig selbstverständlich. Und Veränderungen werden für sie Normalität sein." Zur "Alpha"-Generation gehören Kinder, die seit 2010 geboren sind und noch bis 2025 geboren werden.

Ein Blick in die Zukunft

Da die ersten "Alphas" noch sehr jung sind, haben Lisa Zauner und Vanessa Beule beschlossen, dass der sonst übliche Ausblick des Innovation Hub von zwei bis fünf Jahren in die Zukunft hier nicht greift. "Wir mussten methodisch anders vorgehen und brauchten einen größeren Zeithorizont," sagt Lisa Zauner, die den strategischen Teil des Projekts betreut. "10-Jährige kannst Du nur begrenzt befragen. Sinnvoll erschien uns das Jahr 2035, weil die Alphas dann in einer Lebensphase sein werden, in der sie selbst entscheiden können."

Drei fiktive Charaktere mit unterschiedlichen Merkmalen

Das WDR Innovation Hub forscht zur "Generation Alpha", um sich schon jetzt auf die Bedürfnisse der künftigen Mediennutzer:innen einstellen zu können.

Lisa Zauner

Lisa Zauner und Vanessa Beule machten sich Gedanken, wie man die Lebensumstände und Bedürfnisse der Alphas im Jahr 2035 abbilden kann. Sie griffen schließlich auf eine Methodik namens "Persona-Entwicklung" zurück. Die wird auch in der Formatentwicklung schon lange genutzt – allerdings eher mit Blick auf die Gegenwart. Für die "Zukunfts-Personas" zog das Innovation Hub-Team zunächst Kinder- und Jugendstudien heran, wie etwa die renommierte Sinus-Jugendstudie. Darauf aufbauend entwickelten sie in einem Persona-Workshop drei fiktive Charaktere mit ganz unterschiedlichen Merkmalen – sei es Geschlecht, Beruf, Konsumgewohnheiten, Einkommenssituation, Werte und Bildungsstand. Dann kam die Trendforschung ins Spiel. "Wir haben unsere drei Personas in die Zukunft transportiert, indem wir nach Mikrotrends recherchiert haben, die auf die nähere Zukunft hindeuten," beschreibt Lisa Zauner, die auch Mitglied im ARD-Speaker:innen-Netzwerk für Digitalthemen ist, die Vorgehensweise. "Diese digitalen Trends haben wir dann mit unseren fiktiven ‚Alphas‘ zusammengeführt, so, dass wir verschiedene Lebenswelten in der Zukunft gestalten konnten."

Jedes neue Ergebnis wird noch mal herausgefordert

Damit waren die "Future-Personas" geboren. Im nächsten Schritt mussten sie eine Realitätsprüfung überstehen: Die drei fiktiven "Alphas" aus 2035 gingen quasi auf Kennenlerntour. Als erstes "trafen" sie auf ihre "Alpha"-Eltern, deren Kinder heute zwischen fünf und sieben Jahren alt sind, die ihren Input zu der Lebenswelt und den Bedürfnissen ihrer Kinder in der Zukunft gaben. Als Nächstes ging es zu jungen Erwachsenen aus der "Generation Z" – die jetzt so alt sind wie es die "Alphas" 2035 sein werden, nämlich zwischen 20 und 25. Die Ergebnisse aus diesen "Begegnungen" flossen in die Finalisierung der drei "Future-Personas" ein.

Leonies, Barams und Alices Welt im Jahr 2035

Das Ergebnis: Willkommen im Jahr 2035 – Die drei "Alphas" Leonie, Baram und Alice sind junge Erwachsene, die arbeiten oder sich in der Ausbildung befinden. In ihrer Welt 2035 ist der Fernsehapparat Geschichte, das Handy auch. Dafür haben aber alle "Alphas" zu Hause einen persönlichen "Assistenten" , der mit Hilfe künstlicher Intelligenz ihr Leben managed: So weckt er sie, erinnert an die Abfahrtzeit des "Movers" (der Bus der Zukunft), macht aufmerksam auf geplante Sportaktivitäten und die gesammelten Gesundheitspunkte, spielt die Lieblingsserien ab, kann ein individuelles Tanz-Workout anbieten, liefert News, läutet die Schlafenszeit ein und kann auch mal alle Geräte und sich selbst ausschalten. Das bargeldlose Zahlen per digitalem Endgerät ist selbstverständlich – so wird Leonies persönliches Konto beim Besuch der Event-Location "Wupperspace" einfach automatisch beim "Safety-Scan" am Eingang erfasst und sie kann ihre Ausgaben über das von ihr bevorzugte digitale Endgerät "SmartWrist" – eine Weiterentwicklung der heutigen Smartwatch, die sie genauso selbstverständlich fürs Arbeiten benutzt – abrufen. Baram und Alice nutzen "InEars", um Nachrichten und Musik zu hören oder – im Falle von Alice – auch um selbst Geräusche der Umgebung aufzunehmen. Es gibt "Eye-Glasses" mit denen etwa Baram live aufzeichnet, wie er einer älteren Dame in Not hilft und das Ganze an seine Freunde und Follower live streamt.

Drei verschiedene Lebenswelten

Gleichzeitig bewegen sich die "Alphas" auch in ganz unterschiedlichen Lebenswelten. Die hippe Leonie hat ihren KI-Assistenten Buddhy als Coderin selbst programmiert und legt hohen Wert auf Datenschutz. Sie lebt in einer WG, die vieles teilt. Sie arbeitet 80%, davon 30% in Festanstellung und 50% frei. Sie trifft ihre Freunde gerne persönlich, hat aber auch ein reges digitales Sozialleben, so organisiert sie beispielsweise hybride Poetry-Slams. Baram hingegen, der in Herne mit der alleinerziehenden Mutter und Schwester wohnt, nutzt einen KI-Assistenten von der Stange. Datenschutz interessiert ihn nicht so sehr – er liebt aber alle neuen Technik-Gadgets. Er verbringt einen Großteil seiner Freizeit in einer Gaming-Welt namens "Holo-3000". Doch dort spielt er nicht nur, er bezieht auch seine News aus dieser Gaming-Welt. Alice hingegen lebt allein in einem smarten Apartment in Köln-Kreuzfeld. Ein Stadtteil, der heute noch gar nicht existiert, aber gerade erschlossen wird. Als Junior-VersTech-Spezialistin bei einer Versicherung geht sie – obwohl es dank mobiler Arbeitsmöglichkeiten nicht nötig ist – auch gerne mal ins Büro. In ihrem smarten Heim läuft der Kaffee schon durch, bevor sie aufgestanden ist. Neben virtuellen Reisen fährt sie auch gerne normal mit ihrem Freund Lias in den Urlaub – Auswahl und Buchung übernimmt ihr KI-Assistent Neo.

Heute schon kreative Gedankenspiele für 2035 anstoßen

Vanessa Beule

Vanessa Beule (WDR Innovation Hub) erforscht mit ihren Kolleg:innen die Bedürfnisse der zukünftigen Mediennutzer:innen.

"Wir haben 17 Thesen für die Zukunft aufgestellt – auf Basis der Ergebnisse unseres Projekts ‚Alpha‘," resümiert Vanessa Beule. "Diese gehen jetzt in die nächste Resonanz-Runde mit Expert:innen aus Wirtschaft, Wissenschaft und dem WDR. Auf Basis dieser Diskussionen entwickeln wir dann handlungsleitende Perspektiven für die unterschiedlichsten Stellen im WDR, etwa für die Entwicklung von neuen Angeboten oder für die Personalabteilung."

"Schwitzige Hände darf diese Prognose für 2035 schon auslösen," ergänzt Lisa Zauner. "Wir müssen uns die Frage stellen, wie erreichen wir diese Generation, wenn überall ein KI-Assistent zwischengeschaltet ist? Über welche Kanäle müssen wir distribuieren? Wie erreichen wir jemanden wie Baram? Wollen wir diejenigen sein, die ihm die News in seine Gaming-Welt liefern? Oder nicht? Es ist wichtig, sich schon jetzt Gedanken über die ‚Alphas‘ zu machen – denn in Zukunft begegnen sie uns überall – als potenzielle Nutzer:innen unserer Angebote, aber auch als Kolleg:innen."

Stand: 07.09.2021, 18:02