"Das dürfen wir nicht verspielen!"

Jochen Rausch, Chef der WDR-Breitenprogramme

"Das dürfen wir nicht verspielen!"

Von Giselle Ucar

  • Junge Radiowellen haben es zunehmend schwer im Linearen
  • Das zeigt auch die aktuelle Media-Analyse Audio
  • Die Transformation zur digitalen Marke kann dennoch gelingen
  • 1LIVE macht es vor

Wann immer eine neue digitale Plattform den Markt erobert, 1LIVE ist mit dabei. Rund zwei Millionen Mal kommen User im Netz täglich mit den digitalen Produkten von 1LIVE in Kontakt - über soziale Netzwerke, die eigene Website oder via App.

Allein auf Instagram erreicht 1LIVE täglich über 500.000 Menschen. Die ganz junge Zielgruppe der 13- bis 17-jährigen abonniert 1LIVE am liebsten auf Snapchat (1,8 Mio Follower) oder TikTok (rund 363.000 Follower). Unter dem Hashtag #WirsindEuropa konnte 1LIVE im letzten Jahr 45 000 TikTok-Nutzer dazu bringen, bei einer Aktion zur Europawahl mitzumachen und eigene Videos zu produzieren, die insgesamt 27,4 Millionen Mal angesehen wurden.

Wie ist 1LIVE diese Transformation zur digitalen Marke gelungen? Darüber sprechen wir mit 1LIVE-Wellenchef Jochen Rausch.

Herr Rausch, wie hat es 1LIVE geschafft, auch im Digitalen relevant und erfolgreich zu werden?

Jochen Rausch: "Mit Sicherheit ist es ein Vorteil, dass die Marke 1LIVE schon im Analogen eine Erfolgsgeschichte hinter sich hat und sehr bekannt ist. Im Analogen haben wir eine Basis geschaffen, die wir ins Digitale übertragen konnten. Die Menschen denken sowieso nicht darüber nach, ob sie uns jetzt analog im Radio hören oder ob sie etwas von uns digital sehen oder bei einem 1LIVE-Event sind. Sie nutzen unser Angebot, wenn es sie interessiert und natürlich müssen sie uns im Netz finden. Deshalb müssen wir auch täglich in den sozialen Netzwerken aktiv und präsent sein."

Ist das auch der Grund, warum das digitale Angebot von 1LIVE so breit gefächert ist?

Rausch: "1LIVE ist seit fünfundzwanzig Jahren der wichtigste Zugang, den der WDR zur jüngeren Generation hat. Das dürfen wir nicht verspielen! Natürlich tut es weh, wenn junge Leute weniger Radio hören, auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als sei 1LIVE nicht mehr gut genug. Ich weiß aber, wie sehr sich das 1LIVE-Team aus Festen und Freien jeden Tag anstrengt, um im Radio und im Netz bemerkenswerte Angebote zu machen. Und wie bitter es ist, wenn dann die Zahlen im Radio sinken. Ich werbe schon lange dafür, die Zahlen aus dem Netz und dem Radio in der Summe zu betrachten, das wäre fair.

Tatsächlich verlagert sich ja nur die Mediennutzung. Das betrifft alle, vor allem aber die jungen Medien. Für 1LIVE heißt das, der Aufwand wird viel höher, um vielleicht dieselbe Anzahl an Menschen zu erreichen. Wir müssen jeden Tag Videos liefern, Fotos, Bildtafeln, Podcast und so weiter. Und gleichzeitig dürfen wir im Radio nicht nachlassen. Man muss kein Betriebswirt sein, um zu verstehen, dass wir hier investieren müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben."

Leidet denn das Radioprogramm darunter, wenn immer mehr digitale Ausspielwege dazukommen?

Rausch: "Wir müssen uns schon ganz schön zur Decke strecken, damit wir die digitalen Wege qualitativ bespielen können und gleichzeitig im Analogen nicht nachlassen. Das gilt aber für den gesamten WDR, nicht nur für 1LIVE. Uns hören ja noch immer Millionen von Menschen täglich im Radio, die nicht damit einverstanden wären, wenn wir ihnen jetzt plötzlich nur noch eine billige Hitdudelmaschine liefern würden. Deshalb stellt uns das schon vor eine besondere Herausforderung. Ich bin aber optimistisch: In der Marke 1LIVE steckt für den WDR auch in der digitalen Welt ein ungeheuer großes Potenzial, um das uns andere Medienhäuser beneiden."

Was wären denn weitere Ziele für 1LIVE im Digitalen?

Rausch: "Wir brauchen mehr Content, das ist gar keine Frage. Mehr Videoformate, mehr Podcastangebote, ich kann mir unter dem Label 1LIVE auch Talk oder fiktionale Formate vorstellen. Dabei brauchen wir insbesondere Content, der die Besonderheit von öffentlich-rechtlichem Programm herausstellt. Also nicht Klicks um jeden Preis. Das war ja auch die Idee für 1LIVE in der analogen Welt: Wir zeigen dem jungen Publikum, wodurch sich öffentlich-rechtliches Radio unterscheidet. Das ist auch der Maßstab in der digitalen Welt."

Stand: 15.07.2020, 14:48