Was heißt hier wir?

Lokalzeit

Was heißt hier wir?

  • Laut der Medienforschung des WDR wollen sich junge Menschen mit Zuwanderungshintergrund stärker als Teil der Gesellschaft repräsentiert sehen.
  • Mit einem "Vielfalts-Check" überprüft die Lokalzeit, ob Menschen mit mit Migrationsgeschichte stark genug repräsentiert sind.
  • Die Aktion läuft bis Ende Juni in weiteren Lokalzeit-Redaktionen

"Es soll keine Kritik sein, sondern einfach nur ein Blick von außen und nicht von Medienmachern", schickt Iva Krtalić, Beauftragte für Integration und interkulturelle Vielfalt im WDR, in der Redaktionssitzung der Lokalzeit Duisburg am 28. Mai vorweg. "Das ist gut so", sagt Studioleiterin Birgit Lehmann, "denn wir wollen ja auch kein Programm für Medienmenschen machen, sondern für alle Menschen in unserem Sendegebiet". Und da in der Ruhrgebietsstadt fast 38 Prozent der Menschen einen Zuwanderungshintergrund haben, was weit über dem NRW-Durchschnitt liegt, sei ein geschärfter Blick aus dieser Perspektive hier ganz besonders wichtig.

Migrant*innen als Teil der Gesellschaft zeigen

Burak Yilmaz lebt in Duisburg, ist hier geboren und aufgewachsen. Im Projekt "Junge Muslime in Auschwitz" bildet der Pädagoge jugendliche Multiplikator*innen zum Thema Antisemitismus, Erinnerungskultur und Rassismus aus. Mit seiner Theatergruppe "Die Blickwandler" entwickelte er zum selben Themenkomplex das Stück "Benjamin und Muhammed", das an Schulen und Theaterhäusern in ganz Deutschland gezeigt wurde. Für sein Engagement bekam er 2018 das Bundesverdienstkreuz. "Ich schaue mir ohnehin regelmäßig die 'Lokalzeit' an", sagt Yilmaz. Nun hat er zwei Ausgaben besonders intensiv gesehen, um der Redaktion sein Feedback dazu zu geben. "Im Zentrum stand für mich dabei die Frage: Inwiefern wird das Duisburg, das ich in meinem Alltag sehe und erlebe, hier abgebildet?"

Pädagoge Burak Yilmaz arbeitet mit Jugendlichen

Pädagoge Burak Yilmaz arbeitet mit jugendlichen Multiplikator*innen zu den Themen Antisemitismus, Erinnerungskultur und Rassismus.

Pädagoge Burak Yilmaz arbeitet mit jugendlichen Multiplikator*innen zu den Themen Antisemitismus, Erinnerungskultur und Rassismus. Die Idee des "Vielfalts-Checks" kam von Iva Krtalić und Murad Bayraktar – und zwar lange vor der Debatte um die Sendung "Die letzte Instanz". Grundlage war eine Studie zur Mediennutzung junger Menschen mit Migrationsgeschichte, die Iva Krtalić im vergangenen Jahr gemeinsam mit der Medienforschung des WDR durchgeführt hat. Die Hauptergebnisse: Junge Menschen mit Zuwanderungshintergrund nutzen Medien auch nicht anders als Gleichaltrige ohne Migrationsgeschichte. Aber sie wollen sich stärker als Teil der Gesellschaft repräsentiert sehen.

Nicht nur auf Defizite schauen

Punkt zwei sieht Yilmaz in weiten Teilen der von ihm gesichteten Sendungen gelungen. Besonders positiv ist ihm ein Beitrag über die Impfaktion in Marxloh aufgefallen: ein aktueller Bericht, der sachlich gezeigt habe, wie das mit dem Impfen dort klappt. Oft sei ihm die Berichterstattung über den sogenannten "Brennpunkt"-Stadtteil zu problemorientiert. "Natürlich muss man Probleme thematisieren. Aber es wird halt kritisch, wenn man immer nur auf die Defizite schaut", so Yilmaz.

Iva Krtalić und Murad Bayraktar hatten die Idee zum "Vielfalts-Check". Woran die Redaktion allerdings noch arbeiten könne: die Vielfalt der Gesellschaft in allen Lebensbereichen abzubilden und nicht nur, wenn es speziell um Migrant*innen geht. Wenn man etwa über die Folgen von Corona für die Gastronomie berichte, warum dann nicht mal Restaurantbesitzer*innen mit Migrationsgeschichte zu Wort kommen lassen? "Da geht es mir nicht um die Repräsentation als Selbstzweck, sondern um die Darstellung der Normalität", betont Yilmaz, "wir brauchen diese Narrative von ganz normalen Menschen, die in der Mitte der Gesellschaft leben, ihren Beitrag leisten und ähnliche Probleme haben wie die Müllers oder Meiers von nebenan".

Diverse Zielgruppen ansprechen

Iva Krtalić und Murad Bayraktar

Iva Krtalić und Murad Bayraktar hatten die Idee zum "Vielfalts-Check".

Bei einigen Beiträgen, räumt Yilmaz ein, habe er das Gefühl gehabt, sie seien ausschließlich für "die Mehrheitsgesellschaft und insbesondere die bürgerliche Mitte" gemacht. In den sozialen Medien, so sein Eindruck, richte die Lokalzeit sich mehr an ein diverses Publikum. Diese Beiträge würden dann auch von Leuten aus seiner Community geteilt. Für Jüngere spiele das Fernsehen ohnehin eine zunehmend geringere Rolle. Und um noch mehr Menschen vor allem der älteren Generation zu erreichen, könne auch Mehrsprachigkeit ein Schlüssel sein. "Wie schaffen wir mehr Vertrauen, damit die Leute uns Zugang zu ihren Geschichten geben?", will CvD Julius Hölscher wissen. Es sei hilfreich, wenn sich die Vielfalt der Gesellschaft auch in den kulturellen Wurzeln der Journalist*innen widerspiegele, meint Yilmaz. "Extrem viel Schaden hat 'Die letzte Instanz' angerichtet", fügt er hinzu. "Das zu reparieren ist eine große Herausforderung. Da ist Transparenz und Ehrlichkeit die beste Strategie."

Regelmäßiges Feedback erwünscht

"Sie haben genau die Punkte benannt, die wir in der Redaktion regelmäßig diskutieren", bedankt sich Birgit Lehmann und bietet Burak Yilmaz an, seine konstruktive Kritik regelmäßig zu wiederholen: "Ich glaube, wenn wir das institutionalisieren, kommen wir auf diesem Weg besser voran." Der nimmt das Angebot gerne an. "Dieses Ergebnis ist das Beste, was ich mir überhaupt hätte vorstellen können!", freut sich Iva Krtalić. Tilman Rauh, amtierender Leiter der PG Landesstudios, ist überzeugt, dass die Aktion die erfolgreichste Sendung des WDR Fernsehens noch näher mit ihrem Publikum zusammenbringt: "Wir werden weiter davon profitieren, wenn wir die Perspektive weiten und genauer auf die Gesellschaft blicken. Wer schaut Lokalzeit, wer nicht - und warum erreichen wir einige Menschen nicht, obwohl wir so große Marktanteile haben? So können wir noch mehr Menschen in NRW erreichen. Eine spannende Herausforderung" Bis Ende Juni werden weitere Menschen mit Expertise auch den anderen Ausgaben der Lokalzeit sagen, was sie in puncto Vielfalt gut machen und was sie vielleicht besser machen könnten.

Stand: 21.06.2021, 17:45