"Wir verändern uns"

Porträtbild - Tom Buhrow im Gespräch

"Wir verändern uns"

Der WDR schützt seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künftig besser vor Belästigung, Benachteiligung, Machtmissbrauch und Mobbing. Seit März gibt es eine zentrale Stelle, bei der mögliche Beschwerden zusammenlaufen. Parallel hat der WDR einen Kulturwandelprozess im Haus angeschoben. Mit ersten Ergebnissen.

Es ist jetzt ein gutes Jahr her, dass die #metoo-Debatte in Deutschland angekommen war. Auch im WDR wurden Vorwürfe über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz öffentlich. Seitdem ist viel passiert.

Am 1. März 2019 ist die neue Dienstvereinbarung zum Schutz vor sexueller und diskriminierender Belästigung, Benachteiligung, Mobbing und Machtbissbrauch in Kraft getreten. Mit dieser Dienstvereinbarung macht der WDR deutlich, dass er als Arbeitgeber solche Verhaltensweisen nicht duldet und jeder betroffenen Person ermöglicht, Beschwerde einzulegen. Dazu wurde ein Beschwerdeverfahren entwickelt, welches unabhängige Prüfungsinstanzen sowie interne und externe Kontaktstellen vorsieht. Die neue Beschwerdestelle setzt sich aus der Gleichstellungsbeauftragten, dem Betriebsarzt, Vertreterinnen aus Personalrat und Personalabteilung sowie zwei externen Mitgliedern zusammen.

Nach Prüfung einer Beschwerde durch die Beschwerdestelle wird diese an die Intendanz übergeben, bei der hierzu eigens eine Zentrale Clearingstelle eingerichtet wurde. Diese veranlasst die Aufklärungsarbeit, geht jeder Beschwerde konsequent nach und wird hierbei von anlassbezogenen „Taskforces“ unterstützt. Nach Abschluss der Ermittlungen wird ein Vorschlag zur Lösung erarbeitet. Das abschließende Letztentscheidungsrecht liegt beim Intendanten. "Wir klären auf und sanktionieren konsequent, denn wir sind verpflichtet, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit allen Mitteln zu schützen", sagt Intendant Tom Buhrow. "Wir alle wünschen uns einen vertrauensvollen und wertschätzenden Umgang miteinander."   

Für Betroffene, die sich zunächst einer Person außerhalb des WDR anvertrauen möchten, hat der WDR zusätzlich zwei dauerhafte externe Kontaktstellen geschaffen: Rechtsanwältin Anne Burmester (Kanzlei Ulrich Weber & Partner, Köln) und Diplompädagoge Dr. Ullrich Beumer (inscape coaching, Köln).

Die niedrigschwelligen internen und externen Kontaktstellen und die unabhängige Beschwerdestelle sind Teil der neuen Dienstvereinbarung zwischen Personalrat und dem Intendanten. Dazu kommt die Zentrale Clearingstelle Intendanz. "Wir haben immer gesagt, dass sexuelle Belästigung nur ein Aspekt von Machtmissbrauch ist", sagt die Personalratsvorsitzende Christiane Seitz. "Diese Dienstvereinbarung jetzt ist ein echter Durchbruch für einen umfassenden Schutz fester wie freier Kolleginnen und Kollegen."

In der Zentralen Clearingstelle Intendant werden dabei nicht nur die Beschwerden nach der Dienstvereinbarung bearbeitet und ein Lösungsvorschlag erarbeitet, sondern in Abstimmung mit der Beschwerdestelle und den zuständigen Fachbereichen wie der Personalabteilung auch Präventionsmaßnahmen entwickelt. Hierzu gehören unter anderem breitgefächerte Informationen und Veranstaltungen für die Mitarbeiterschaft, spezielle Schulungen für Führungskräfte , Fachvorträge, Diskussionsrunden und innovative Impulse.

Es braucht mehr Augenhöhe im WDR

Dass es mit neuen Anlaufstellen und einer Dienstvereinbarung nicht getan ist, ist den Verantwortlichen im WDR bewusst. Schließlich geht es nicht nur darum, Fehlverhalten zu erkennen und zu sanktionieren, sondern solches möglichst erst gar nicht aufkommen zu lassen. Schon bei der ersten großen Mitarbeiterveranstaltung, wenige Tage nach Bekanntwerden der Vorwürfe im Frühjahr 2018, war für Belegschaft, Personalrat und Senderspitze klar: Es braucht mehr Augenhöhe im WDR. Das war der Startschuss für einen Kulturwandelprozess im Haus.

Dass WDR-Strukturen Abhängigkeiten und damit auch Machtmissbrauch zum Teil begünstigen, ist eines der Ergebnisse, zu denen auch Dr. Monika Wulf-Mathies im Herbst 2018 kam. Tom Buhrow hatte die ehemalige Gewerkschafterin mit einem Gutachten beauftragt, als die #metoo-Debatte im WDR auf dem Höhepunkt war. Wulf-Mathies sollte prüfen, wie der WDR mit Vorwürfen sexueller Belästigung in der Vergangenheit umgegangen ist. Von ihr kam nicht nur die Idee, bestehende Beschwerdestellen und Abläufe zu hinterfragen, sondern auch der Appell, den Kulturwandel im Haus weiter voranzutreiben.

Christiane Seitz am Mikrofon

WDR-Personalratsvorsitzende Christiane Seitz: "Wir haben immer gesagt, dass sexuelle Belästigung nur ein Aspekt von Machtmissbrauch ist."

Im Februar 2019 hat Tom Buhrow den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auf der Personalversammlung die ersten Zwischenergebnisse vorgestellt: ein Paket aus zwölf Maßnahmen, die in den kommenden Monaten angegangen werden. Es ist ein Paket, das sich größtenteils auf die Ideen von rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern stützt, die sich in den vergangenen Monaten in den Kulturwandel-Prozess eingebracht haben. Unter anderem sollen sogenannte Klima-Analysen und systematisch organisierte Vorgesetzten-Feedbacks WDR-weit zum Standard gehören. Weitere Themen sind unter anderem der Umgang mit freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Auswahl von Führungskräften und das Thema Feedback generell – etwa in Werkstätten und Weiterbildungsseminaren.

Kulturwandel-Prozess

"Im Kern geht es bei vielen Maßnahmen darum, früher, klarer und aufrichtiger miteinander zu kommunizieren", sagt WDR-Verwaltungsdirektorin Dr. Katrin Vernau. Sie verantwortet zusammen mit der Personalratsvorsitzenden den Kulturwandelprozess im Haus. "Wir müssen Dinge miteinander besprechen, anstatt übereinander zu reden. Wir müssen Kritik äußern, wo sie angebracht ist – auf eine respektvolle Art und Weise."

Porträt

WDR-Verwaltungsdirektorin Dr. Katrin Vernau: "Im Kern geht es bei vielen Maßnahmen darum, früher, klarer und aufrichtiger miteinander zu kommunizieren."

Dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur abwarten sollten, dass sich etwas tut, ist Monika Wulf-Mathies besonders wichtig. "Ich finde es gut, dass der WDR die Chance nutzt", sagte sie bei der Vorstellung des Maßnahmenpakets auf der WDR-Personalversammlung. Genauso wichtig sei allerdings, dass sich möglichst viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbringen. "Je mehr mitspielen, desto mehr Chancen haben wir, dass sich auch tatsächlich etwas ändert." Dabei dürfe man allerdings nicht von der Fehlannahme ausgehen, dass man Dinge, die über Jahrzehnte gewachsen sind, von heute auf morgen ändern kann. "Kulturwandel ist kein Expresswunder. Und wie überall dauern Wunder auch hier länger."

"Das wird uns besser machen"

Als Chance im Kulturwandelprozess sieht der WDR auch den Umbau der Bereiche Hörfunk und Fernsehen, der inzwischen angelaufen ist. Ziel ist eine neue Organisationsstruktur, damit Radio-, Fernsehen- und Onlinejournalistinnen und -journalisten Themen gemeinsam besser angehen können. So soll mehr Raum für neue lineare und digitale Programmideen entstehen, um mehr Menschen auf mehr Wegen zu erreichen. Dafür werden jahrzehntealte Strukturen aufgebrochen. "Wir verändern uns", sagt Tom Buhrow. "Ich bin zuversichtlich, dass das eine große Chance für den WDR ist."

Mikrofon mit WDR-Branding, Mitarbeiter unscharf im Hintergrund

Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bringen sich konstruktiv in den Kulturwandel-Prozess innerhalb des WDR ein.

Auch Buhrow selbst führt mit seinen Direktorinnen und Direktoren inzwischen regelmäßig Feedback-Gespräche – in beide Richtungen, von Intendant zu Direktorin und Direktor und umgekehrt. Genauso, wie es künftig überall im WDR verbindlich ist. "Das wird uns besser machen, denn darum geht es", so Tom Buhrow. "Kulturwandel ist kein Selbstzweck. Wir brauchen eine gute Arbeitsatmosphäre, um gute Arbeit zu leisten. Und gute Arbeit heißt im Endeffekt gutes Programm für unser Publikum. Dafür sind wir, der WDR, da."

Erstveröffentlichung: 26.02.2019, 13:08, aktualisiert und überarbeitet: 14.06.2019

Stand: 14.06.2019, 13:35