Redaktionsleiter Tommaso Pedicini über Vergangenheit und Zukunft von "Radio Colonia": "Brücke in die Heimat"

Tommaso Pedicini

Redaktionsleiter Tommaso Pedicini über Vergangenheit und Zukunft von "Radio Colonia": "Brücke in die Heimat"

Tommaso Pedicini, Teamleiter der italienischen Redaktion von COSMO, spricht im Interview über Vergangenheit und Zukunft von "Radio Colonia".

Radio Colonia, die COSMO-Sendung auf Italienisch, hat ihre Wurzeln im Jahr 1961. Wie hat vor 60 Jahren alles begonnen?

Es gab eine zehnminütige Sendung mit kurzen Informationen aus Deutschland und – genauso wichtig – aus Italien. Das muss man sich wie eine Art Brücke in die Heimat vorstellen. 1961 lebten in Deutschland nahezu 200.000 Italiener, tatsächlich fast ausschließlich Männer. Das war damals die erste und auch größte italienische Community in Europa. Einen Integrationsauftrag für diese sogenannten "Gastarbeiter" gab es aber nicht. Erst in den 70er und 80er Jahren änderte sich viel, sowohl gesellschaftspolitisch als auch medial: Die Community schlug familiäre Wurzeln in Deutschland, und unser Auftrag wurde integrativ. Also kamen weitere, eher erklärende Themen in die Sendung, in denen es zum Beispiel um das deutsche Renten-, Gesundheits- oder Schulsystem ging.

Welche Themen haben besonders hohe Wellen geschlagen in der italienischen Community?

Schule wurde zu einem großen Thema, weil die Kinder der italienischen Familien nach und nach eingeschult wurden. Und der Ost-West-Konflikt, denn viele Italiener:innen befürchteten, im geteilten Deutschland von einem Krieg direkt betroffen zu sein. Später wurde die EU immer wichtiger, weil die Italiener:innen sich dadurch etwas weniger als Ausländer fühlten.

Wie erreicht Radio Colonia heute sein Publikum?

Inzwischen bekommen natürlich alle Italiener:innen in Deutschland die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Handy. Deshalb bieten wir als einziges Medium auf öffentlich-rechtlichem Niveau tägliche italienischsprachige Informationen für und über die italienische Community, aber auch über Deutschland. Wir liefern keine reinen Nachrichten, sondern informieren hintergründig und erklärend.

Es mag überraschen, aber Sie haben auch viele deutsche Zuhörer:innen beziehungsweise Nutzer:innen.

Italiener beim Einkauf 1961

Ihnen fehlten ihre Familien und ihr Leibgericht: Spaghetti. Das Bild zeigt Italiener 1962 beim Einkaufen in Wolfsburg.

Ja, manche wollen einfach wissen, wo es die besten italienischen Veranstaltungen gibt, Konzerte etwa. Dafür haben wir eine beliebte Rubrik in der Sendung und auf unserer Facebook-Seite. Andere suchen bei uns italienische Atmosphäre und Lebensstil, etwas Urlaubsfeeling, sozusagen einen kurzen Trip nach Italien über das Radio. Die Musik spielt dabei natürlich eine ganz große Rolle. Und wieder andere hören uns aus Neugier, weil sie wissen wollen, wie Deutschland in Italien gesehen wird; sie wollen gewissermaßen mal durch die italienische Brille gucken.

Seit gut einem Jahrzehnt gibt es eine sogenannte "Zweite Welle" von meist jüngeren und gut ausgebildeten Italiener:innen, die in Deutschland leben und arbeiten wollen. Was bedeutet dies für Ihr Programm?

Ein bisschen ist es wieder wie in den 70er und 80er Jahren geworden: Wir liefern wichtige Informationen über das Leben in Deutschland, dies aber auch durch unsere vielen zusätzlichen Angebote wie Podcasts, unsere Facebook-Seite und unsere Videos. Wir erklären zum Beispiel mit einer Videoreihe, wie das deutsche Schulsystem funktioniert, welche Sozialleistungen es gibt und welche Einreisebestimmungen zu beachten sind. Eine andere Videoreihe dreht sich um typisch deutsche Begriffe wie "Nostalgie", "Feierabend" oder "Schadenfreude", die es in Italien in der Form nicht gibt oder die einen komplett anderen Klang haben. Diese Videos wurden sogar von Italiener:innen in Belgien, Österreich oder der Schweiz geklickt. Dort gibt es auch große Communities. Die wollten ihre Länder wahrscheinlich mal mit Deutschland vergleichen.

Es gibt kein italienisches Wort für Schadenfreude?

Schadenfreude kann man jedenfalls nicht mit einem Wort übersetzen. Dafür braucht man eine längere Konstruktion oder einen ganzen Satz. Man könnte auch sagen, wir zeigen, wie präzise deutsch ist. (lacht)

Wie geht es nach dem Geburtstag am 1. Dezember weiter?

Unser Name ändert sich in COSMO italiano, um für Suchmaschinen besser auffindbar zu sein. Im Rahmen einer Reform von COSMO bieten wir die Hälfte unserer Produkte digital an und machen außerdem neue Angebote. Zum Beispiel bringen wir vom 3. Januar 2022 an gegen 18:00 Uhr einen werktäglichen, gut 20 Minuten langen Podcast, der sich ausschließlich mit einem Thema hintergründig beschäftigt. Dieser Podcast wird von unseren Moderator:innen präsentiert und dann von 21:00 bis 21:30 Uhr auch im Radio ausgestrahlt, also zur gewohnten Zeit in gewohnter Länge und ebenfalls wie gewohnt mit italienischer Musik.

Stand: 01.12.2021, 10:30