Donya übernimmt!

Porträt

Donya übernimmt!

Die WDR-Journalistin Donya Farahani ist regelmäßig als Reporterin "Unterwegs im Westen". Dabei taucht sie für jeweils eine Woche in für sie fremde Welten ein: Sie war die einzige Müllfrau Krefelds, wohnte in einer Mülheimer Demenz- WG, arbeitete in Goch als Theken- und Putzkraft im Bordell und ist demnächst als Staubsaugervertreterin unterwegs.

Frau Sonnenschein ist 98 Jahre alt, das vergisst sie aber ständig. Gefühlt alle fünf Minuten fragt sie nach ihrem Alter und wundert sich dann, dass sie schon "so ‘ne alte Schachtel" ist. Der Film über die Demenz-WG war Donya Farahanis erste Reportage. Es folgten viele mehr – alle unter der Prämisse: Nicht nur dabei sein, sondern mitmachen. "Nur wenn ich selbst die Mülltonnen bewege, weiß ich, was die Jungs jeden Tag leisten und erlebe hautnah, wie mit ihnen umgegangen wird", erklärt sie. "Außerdem komme ich ganz anders mit den Leuten ins Gespräch, wenn ich sie über einen längeren Zeitraum begleite."

Es gibt andere Reportage-Formate im deutschen Fernsehen, bei denen die Reporterinnen und Reporter sich in ungewohnte Situationen begeben oder Selbstversuche unternehmen. Allzu oft stellen sie dabei aber sich selbst und ihre Leistung in den Mittelpunkt. Farahani ist anders: Sie nimmt sich zurück, interessiert sich für ihre Protagonisten und versucht, Normalität in der ihr fremden Welt zu leben. Wenn sie beispielsweise als Hilfskrankenschwester auf der Palliativstation einem alten Herrn die Füße eincremen muss, oder wenn ihre einsame Mitbewohnerin in der Demenz-WG sie bittet, sich für eine kurze Weile zu ihr ins Bett zu legen, dann macht Farahani das eben. Für besonders heroisch hält sie sich deshalb nicht: "Ich denke, in der Situation würden die meisten so handeln."

Donya bleibt – auch wenn die Kamera aus ist

Donya mit Bewohnern der Demenz-WG

Reporterin Donya Faharani für die Reihe "Unterwegs im Westen" - hier in einer Demenz-WG

Das ist eben das Besondere: Statt nur mitzulaufen und zu beobachten, taucht Farahani ganz ein. Sie arbeitet mit, wird Teil des Teams, versucht, so am eigenen Leibe noch besser nachzuempfinden, was es bedeutet, in der jeweiligen Welt zu arbeiten und zu leben. Wenn es der Geschichte dient, übernachtet sie auch vor Ort, wie zum Beispiel in der Alzheimer-WG, in der sie sich mit einer Bewohnerin ein Zimmer geteilt hat, auf dem Bauernhof oder sogar im Bordell: "Dort bin ich nur zweimal kurz raus, einmal einen Kaffee trinken mit einer ehemaligen Prostituierten, die dort jetzt kellnert", erinnert sich die Reporterin. "Es war ihr Vorschlag, damit wir keinen ,Puff-Koller‘ kriegen." Das Kamerateam ist nicht immer dabei, über Nacht sowieso nicht – trotzdem bleibt sie. Es ist ihr auch wichtig, Dinge mitzubekommen, die häufig nach oder vor dem Dreh passieren.

Donya und die Mitarbeiterinnen des Bordells

Nach jeder Reportage sei sie eine andere als vorher, sagt Farahani. Oft gehen ihr die Geschichten auch nah. Trotzdem versucht sie, eine professionelle Distanz zu wahren. Als sie beim Kinder-Mittagstisch aushalf und die Kleinen sie hinterher fragten, ob sie sie wieder besuchen käme oder sogar mitnehmen könne, antwortete Farahani mit einem ehrlichen "leider nein". Und auch zur Beerdigung von Frau Sonnenschein aus der Demenz-WG oder Herrn Bober von der Palliativstation ist sie nicht gegangen: "Meine Rolle ist und bleibt die der Reporterin, ich möchte keine falschen Hoffnungen wecken, denn ich kann nicht zu allen meinen Protagonisten engen Kontakt halten." Nach ihrem Abschluss in Wirtschaftsinformatik hatte die Bochumerin bereits eine Stelle bei einer Unternehmensberatung in der Tasche, entschied sich dann aber, es erst einmal bei den Medien zu versuchen. Dann absolvierte sie ein Volontariat beim WDR, durch das sie viele verschiedene Redaktionen im Haus kennenlernte. "Vorher dachte ich, ich wäre eher der Typ für das tagesaktuelle kurze Format", erzählt Farahani. Schließlich landete sie aber bei »Hier und heute« und fand Gefallen an der Fernseh-Reportage: "Rausgehen und mich wirklich einzulassen auf die Menschen, auch Zeit zu haben, Geschichten differenziert zu erzählen – das macht mir einfach Spaß."

Genug Lebenswelten für einen "irre langen Lebenslauf"

Daraus hat sich die Reihe »Donya – Unterwegs im Westen« entwickelt. "Ich bin jetzt schon in so viele verschiedene Lebenswelten eingetaucht – wo erlebt man das schon? Irgendwann kann ich einen irre langen Lebenslauf schreiben", sagt die 34-Jährige und lacht. Die Reportagen kosten ganz schön Kraft – weil Farahani sich auf die Protagonisten einlässt und gleichzeitig selbst vor der Kamera steht. Da hilft es, dass sie ein eingespieltes Produktionsteam um sich herum hat. Mit Kameramann Max von Matthiessen dreht sie die meisten ihrer Reportagen, viele Reportagen wurden von Kerstin Richter geschnitten, und auch in der Redaktion hat sie mit Sophie Schulenburg und Klaus Geiges ein eingespieltes Team hinter sich. Farahani steht nicht nur vor der Kamera, sie ist auch die Autorin der Filme. Das heißt, sie bereitet die Drehs vor, sichtet Material und ist im Schnitt dabei. In ihrer nächsten Station taucht sie in die Welt der Staubsaugervertreter ein. Viele denken, dieses Geschäft gibt es nicht mehr, aber es hat sich nur verändert. Heute wird meistens nicht mehr einfach an der Tür geklingelt, der Vertreter kommt auf Empfehlung und Einladung nach Hause. Farahani fragt sich: Wie läuft das Geschäft? Welche Tricks gibt es? Und was sind das für Leute, die Vertreter in ihre Wohnung lassen? Für ihre aktuelle Reportage begleitet Farahani einen erfahrenen Staubsaugervertreter und versucht auch, selbst Geräte zu verkaufen.

Um Verkaufsstrategien zu lernen, belegte sie sogar ein zweitägiges Seminar in Stuttgart, bei dem sie unter anderem erfuhr, dass man sich bei der Präsentation des Staubsaugers optimalerweise im Wohnzimmer vor den Fernseher stellen soll, da das die gewohnte Blickrichtung der Kunden ist. Offenbar verdienen die Staubsaugervertreter viel Geld: Der, den Farahani begleitet, hat einen Porsche vor der Tür stehen. Aktuell ist sie damit beschäftigt, für ihr "Verkaufsgespräch" zu üben – das ist nämlich gar nicht so einfach, eineinhalb Stunden vor Fremden ein Gerät anzupreisen. Aber am Ende geht es nicht darum, ob sie "verkauft" oder nicht. Es geht darum, wieder einen neuen Blick auf einen bestimmten Lebensbereich zu bekommen – nah dran und vorurteilsfrei.

Donya freut sich über Vorschläge für neue Reportagen: donya@wdr.de

Die Reportage von WDR-Autorin Christine Schilha ist im WDR-Unternehmensmagazin "WDR Print" erschienen.

Stand: 25.01.2019, 12:45