Den Zuschauer verführen

Benedict Neuenfels erhält in diesem Jahr den Ehrenpreis des Deutschen Kamerapreises.

Den Zuschauer verführen

Am 10. Mai wurde der Deutsche Kamerapreis in Köln verliehen. WDR print sprach vorab mit Ehrenpreisträger Benedict Neuenfels.

Die Preisverleihung des Deutschen Kamerapreises fand am 10. Mai im Theater am Tanzbrunnen in Köln statt. "Provozierend, emotional, stilbildend", urteilte die Jury bereits vorab über die Bildsprache des Ehrenpreisträgers Benedict Neuenfels. WDR print trafen den Kameramann zum Gespräch.

Sie wehren sich gegen die Berufsbezeichnung des Kameramanns. Wo verorten Sie sich?

Benedict Neuenfels: Bildgestalter ist ja auch ein unglücklicher Begriff, formuliert aber zumindest den Gestaltungsaspekt. In Deutschland wird Kameramann primär als technischer Beruf verstanden, nicht als künstlerischer, in dem eine Autorenschaft übernommen wird. Film ist Teamarbeit, und wir sind verantwortlich für alle Elemente, aus denen eine Bild zusammengesetzt wird. Überhaupt ist die Lichtsetzung, damit die Atmosphäre, das Raumgefühl, Nähe, Entfernung dieser gestalteten Welt ausschließlich das Werk der DOPs. Haben Sie schon mal, nur in Ihrer Vorstellung, einen Raum ausgeleuchtet? Wir DOPs tun das! In den meisten Ländern der Erde wird unser Beruf mit der Bezeichnung Regisseur verknüpft: directeur de la photographie, direttore de la fotografia oder – und das ist für mich die richtige Bezeichnung – Director of Photography.

Sie kommen aus einer berühmten Theaterfamilie. Was hat Sie zum Film gebracht?

Neuenfels: Meine Mutter drehte viele Filme, vor allem mit Rainer Werner Fassbinder. Bei uns gingen die Filmleute ein und aus. Da lag es nahe, als Statist oder "helping hand" Taschengeld bei Dreharbeiten dazuzuverdienen. Diese Film- und Theaterleute haben mich ernst genommen, die waren spielerisch unterwegs, leidenschaftlich und a bisserl verrückt. Meine Faszination für das "Bild" entwickelte sich erst durch die Lehrjahre bei meinen Meistern Xaver Schwarzenberger und Robby Müller.

Mit Dominik Graf haben Sie zwischen 1992 und 2005 acht Filme gedreht. Wie hat sich die Zusammenarbeit ergeben?

Neuenfels: Dominik gab ein Regie-Seminar an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Eigentlich war ich als Regie- Student angemeldet, da jedoch sein DOP ausfiel, zeigten alle auf mich, und ich übernahm notgedrungen die Kamera-Arbeit. 14 Tage später rief Graf an: "Willst du mit mir einen Film drehen, deutsch-italienischfranzösische Produktion mit Götz George in der Hauptrolle?" Ich bin natürlich ausgeflippt vor Freude. Das habe ich später noch einmal mit Wim Wenders erlebt, als ich mit Robby Müller "Bis ans Ende der Welt" drehen durfte. Bei Graf drehten wir immer "auf Schnitt". Keine Szene durchspielen und aus verschiedenen Winkeln fotografieren, sondern die Szene, den Text aufteilen und wie in einer Küche die Gewürze zum richtigen Zeitpunkt verwenden. Eine Erzählrezeptur. Das war eine super Zeit mit einem super Regisseur! Davon profitiere ich noch heute.

"Der Felsen" hat unter anderem wegen Ihres Umgangs mit der Digitaltechnik für viel Aufsehen gesorgt. Auch "Homevideo" wurde für die innovative Kamera-Arbeit hoch gelobt. Inwieweit treibt Sie der Wille zur Innovation?

Neuenfels: "Der Felsen" ist mein persönliches Masterpiece, aber ich nehme mir Innovation nicht vor. Erfunden habe ich noch nie etwas! Es geht um das Hinterfragen von gesetzten Konstanten bei der Wahrnehmung von filmischen Mitteln. Und um die Aneinanderreihung von Einzelbildern und deren Wirkung. Das impliziert die Montage und damit die Dramaturgie eines Films.

Wie stehen Sie zu den gestalterischen Möglichkeiten, die die Technik mittlerweile bietet – zum Beispiel computergenerierte Bilder?

Neuenfels: Die Möglichkeit, vorhandene Architekturen zu verändern, Räume hinzuzufügen, Geometrien und Winkel zu modulieren, Perspektiven aufzubrechen – das kann eine große optische Lust beim Betrachter auslösen. Wir bauen uns unsere eigenen Welten. Faszinierend. Natürlich sieht dann das Arbeitsverhältnis zwischen Szenenbild, Visual Effects und DOP anders aus. Alle Bilder sind Kompositionen, bestehen aus verschiedenen Layern. Nur wenn der DOP der CEO des Bildes bleibt, ist diese künstlerische Kette nicht perforiert.

Sie haben unlängst für "Patient Zero" in den USA gedreht. Wie arbeitet es sich dort im Gegensatz zu Deutschland?

Neuenfels: Ich hatte einen Vertrag, der galt von Montag bis Freitag, dann kam der Produzent, zeigte den Daumen hoch und ich durfte weitermachen. Hire and fire! Samstags habe ich die neuen Studiosets vorgeleuchtet und mich mit dem Regisseur abgesprochen. Das Arbeiten im "continuous day", also zehn Stunden ohne Pause, mit flying lunch ist auch anspruchsvoll. Zwar dreht man dann wirklich nur zehn Stunden, aber für diese Zeit muss alles vorbereitet sein. Bei mehreren Kameras, VFX und viel Studiolicht im Einsatz ist das aufwändig. Andererseits genießen DOPs eine große Wertschätzung, mein Etat ist um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Meine "Effizienz", die ich aus Deutschland mitbrachte, erfuhr hingegen weniger Wertschätzung, weil dann die Angst herrscht: Er spart am Bild. Interessant!

Wie haben sich die Anforderungen an Bildgestalter in den letzten 20 Jahren verändert?

Neuenfels: Unter dem Aspekt "Produktion" ist es offensichtlich und nicht überraschend: mehr Content in weniger Zeit. Was die vorhandenen Technologien angeht, wirkt es wie ein Paradies. Ich kann auf Filmmaterial von acht bis 65 Millimeter drehen, auf Highend-Digitalkameras mit hohen Auflösungen, Smartphones, Fotokameras, 3 D, das alles ist möglich. In einer globalen Welt müssen wir uns an Milliarden Bildererzähler gewöhnen. „Zauberer“ sind wir keine mehr, das ist und bleibt einzig der Schneideraum.

Was möchten Sie der jungen "Generation Smartphone" mitgeben?

Neuenfels: Dass der Satz "What you see is what you get" ungültig sein muss. Filmische Geschichten sind wunderbare Illusionen, die Zeit anders erzählen, als wir sie im Alltag wahrnehmen. Stellt das Offensichtliche in Frage und schaut hinter das Bild, ohne Regeln oder Grenzen. Es geht um die Frage: Wie kann ich den Zuschauer verführen?

Stand: 10.05.2019, 19:04