Überraschend 70: WDR Funkhausorchester

Überraschend 70: WDR Funkhausorchester

Das WDR Funkhausorchester feierte seinen 70. Geburtstag mit einem großen Jubiläumskonzert und präsentierte alle Facetten seines breitgefächerten Repertoires.

Überraschend 70: WDR Funkhausorchester

Das Orchester hat sich im September 1947 aus unterschiedlichen Formationen zusammengeschlossen und ist heute eines der führenden Unterhaltungsorchester in Europa. Seit nunmehr 70 Jahren ist das WDR Funkhausorchester im Programm des WDR und aus den Kulturkalendern nicht wegzudenken.

WDR Funkhausorchester: 70 Jahre Musik, Musik, Musik

Ganz selbstverständlich bringt das WDR Funkhausorchester seit 70 Jahren große Kunst und Unterhaltung zusammen. Dabei war es am Anfang sogar schwierig, auch nur einen Proberaum zu finden - ein Rückblick.

Überraschend Siebzig

Das WDR Funkhausorchester 2017 - genau 70 Jahre nach der Gründung des Orchesters. Es ist viel passiert in dieser Zeit, geblieben ist die Leidenschaft für die Musik: vielfältig, spannend, bunt und immer wieder neu.

Das WDR Funkhausorchester 2017 - genau 70 Jahre nach der Gründung des Orchesters. Es ist viel passiert in dieser Zeit, geblieben ist die Leidenschaft für die Musik: vielfältig, spannend, bunt und immer wieder neu.

1924 geschah ein technisches Wunder. Über Funk konnte man auf einmal nicht nur Worte, sondern auch Musik empfangen. Im Schatten des Doms wurde vier Jahre später der "Reichssender Köln" gegründet - der Vorläufer des Westdeutschen Rundfunks, WDR.

Musik sei für das Rundfunkprogramm unumgänglich - so Ernst Hardt, der erste Intendant des Senders. In der Anfangszeit des Radios war das noch keine selbstverständliche Erkenntnis. Im Café "Germania" fand er das Tanzorchester von Leo Eysoldt und engagierte es für den Reichssender Köln.

Bis 1942 war Leo Eysoldt dem Reichssender fest verbunden und bei den Hörern beliebt. Aber wegen des Krieges konnten sie kaum noch produzieren und Eysoldt wurde nach Nürnberg versetzt. Sein "Kleines Orchester" löste sich auf.

Dass der Kölner Dom von den Bomben verschont blieb, war für viele Kölner ein Wunder, war doch fast die Hälfte aller Gebäude zerstört. Auch die Dagobertstraße als Sendezentrum des Reichssenders war stark beschädigt. Doch schon ein Jahr nach Kriegsende wurde wieder gesendet.

Der große Sendesaal an der Dagobertstraße vor der Zerstörung. Nach dem Krieg war auch bei der "musikalischen Unterhaltung" Improvisation angesagt, denn die Musiker der Vorkriegszeit waren in alle Windrichtungen verstreut. Die Tanzkapelle Otto Gerdes bereicherte den WDR-Hörfunk und gab sich den Namen "Kölner Rundfunk-Tanzorchester". Die "Gage" für die Musiker: Zigaretten.

Am 1. September 1947 wird das WDR Funkhausorchester gegründet. Der erste Dirigent heißt Hermann Hagestedt - kein Unbekannter in Köln. Doch weil der Sendesaal in der Dagobertstraße zerstört war, mangelte es 1947 an Proberäumen. Man fand Behelfs-Aufnahmestudios an recht ungewöhnlichen Orten, wie beispielsweise den Gemeindesaal von St. Agnes in der nördlichen Neustadt oder den Saal des "Niehler Ballhauses", einer Gaststätte am nördlichen Stadtrand.

Außergewöhnliche Arbeits-Bedingungen hatten auch die Musiker. Sie spielten in Räumen deren Bandbreite der Temperatur von Eiskeller bis Sauna reichte. Vor allem montags konnte es passieren, dass die Musiker mit klammen Fingern die Instrumente bedienten, weil der Wirt die vom Sender gelieferte Kohle bereits am Wochenende fürs Tanzvergnügen verfeuert hatte. Doch es gab Hoffnung: Ein neues Funkhaus wurde am Wallrafplatz geplant und gebaut.

Hermann Hagestedts Kollege Franz Marszalek unterstützte ihn seit 1949 in der leichten Muse und besaß den Ruf  "der Operette den Staub aus den Noten zu pusten". Er produzierte für den WDR an die 70 Operetten. Auch für das Fernsehen betreute Marszalek die Musikaufnahmen etlicher Operettenproduktionen, darunter  Einspielungen mit Fritz Wunderlich.

Der Große Sendesaal des WDR-Funkhauses wird 1950 zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt. Bei der Eröffnungsfeier lobte Bundespräsident Theodor Heuss das Gebäude und verwies darauf, dass "der Schall und sein Gesetz" sein eigentlicher Bauherr gewesen seien.

Der Große Sendesaal gilt als akustische Sensation. Architekt Peter Friedrich Schneider hatte in der Innenstadt nur begrenzten Platz und die unmittelbare Nähe zum Dom bedeutete "Lärmbelästigung" durch Glockengeläut.

Der Saal ist heute benannt nach dem ehemaligen Intendanten Klaus von Bismarck. Ausgestattet ist er seit damals mit der jeweils neusten Technik und dient dem Funkhausorchester als Probensaal. Es entstehen hier nach wie vor jedes Jahr zahlreiche Aufnahmen für Radio- und Fernsehprojekte und natürlich auch zahllose Live-Konzerte.

21 Jahre war Dirigent Curt Cremer der Chef und stolz auf seine Musikerinnen und Musiker: "Dieses Orchester, ist das einzige seiner Art in der Bundesrepublik". Als Nachfolger von Hermann Hagestedt leitete er es von 1968 bis 1989. Zu seinen Entdeckungen zählte auch der Tenor René Kollo.

Sein Nachfolger als Chefdirigent des "WDR Rundfunkorchesters", wie es damals hieß, wurde Helmuth Froschauer 1997. Er leitete das Orchester bis 2003 und ist bis heute sein "Ehrendirigent". Seine Produktionen zeichnen sich durch eine große Bandbreite aus: unbekannte Oratorien des 19. Jahrhunderts, Spieloper, Wiener Tanzmusik und natürlich Operette.

Ob alt oder jung, immer wieder begeistert das WDR Funkhausorchester mit spannenden Crossover-Projekten: mit dem Kinderprojekt "Kelebek im Konzert" (Radiopreis 2014), mit dem Vivaldi Experiment und Rapper MoTrip (im Bild), mit Stummfilmmusiken oder Live-Hörspielen wie "Paul Temple" mit Bastian Pastewka.

2003 wurde Michail Jurowski Leiter des Orchesters und 2010 folgte ihm der schwedische Dirigent Niklas Willén. Der britische Dirigent, Organist und Pianist Wayne Marshall ist seit 2014 Chefdirigent. Er hat schon mit ganz unterschiedlichen Orchestern in Europa und den USA gearbeitet. Sein 70 Jahre junges Funkhausorchester begeistert ihn nach wie vor immer wieder: " Jede einzelne Musikerin und jeder Musiker des Orchesters setzt sich von ganzem Herzen für die Musik ein".

Stand: 10.11.2017, 17:50