Kommerzielle Sprachassistenten als Hilfe im Alltag

Sprachassistenten können für viele Dinge im Alltag eine Hilfe sein.

Kommerzielle Sprachassistenten als Hilfe im Alltag

Von Anika Reker und Maik Haubrich

  • Smarte Sprachassistenten bringen schnelle, barrierefreie Informationen
  • Steuerung nicht nur für Menschen mit Behinderung konzipiert
  • Krankenkassen übernehmen Kosten noch nicht

"Alexa, wie spät ist es?", "Alexa, wann fährt die nächste Bahn nach Düsseldorf?", "Alexa, spiel mir Jazz-Musik." - Künstlich intelligente Sprachassistenten von Google, Amazon oder Apple sollen Menschen das Leben komfortabler machen. Für Wolfram Floßdorf ist seine sprechende Alltagshilfe "Alexa" allerdings viel mehr als eine nette Spielerei, sie gibt ihm ein Stück mehr Selbstständigkeit. Denn der Kölner ist blind und verwendet seit zwei Monaten smarte Lautsprecher vom US-Internetkonzern Amazon in seiner Wohnung. Um Befehle zu erteilen und Informationen abzufragen muss er keine einzige Taste drücken: "Es ist für mich sehr einfach, weil die Steuerung komplett über die Sprache geht. So kann ich das Gerät genauso gut bedienen wie jeder Sehende auch."

Dass Menschen mit Seh- oder anderen körperlichen Behinderungen die Sprachassistenten für ihre Zwecke nutzen, ist eigentlich ein Nebeneffekt, erklärt Claes Neuefeind, der an der Universität Köln Künstliche Intelligenz (KI) unterrichtet. "Geräte wie Amazons Echo sind ursprünglich dafür gedacht, um über Suchanfragen gezielt Werbung und Produkte an den Nutzer zu bringen."

Claes Neuefeind ist Experte für Künstliche Intelligenz (KI)

Claes Neuefeind ist Experte für Künstliche Intelligenz (KI).

Trotz des kommerziellen Hintergrundes sieht Neuefeind in den smarten Technologien große Chancen:
Menschen, die durch Alter, Krankheit oder körperliche Behinderungen eingeschränkt sind, können Einkäufe wieder selbst erledigen – per Sprachbefehl an Alexa, die dann die Bestellung im Internet aufgibt.

Künstlich intelligente Barrierefreiheit

Dass moderne Technologien von Menschen mit Behinderungen im Alltag genutzt werden, bestätigt auch Gökmen Alevi. Seit seiner Geburt sitzt er im Rollstuhl und ist aufgrund einer Spastik motorisch stark eingeschränkt. Im Netz bloggt er über seine Erfahrungen mit Sprachassistenten und anderen Smart-Home-Geräten. Dort erklärt er zum Beispiel, wie er mithilfe eines smarten Türöffners seine Wohnungstür in Berlin Neukölln öffnet - per Bluetooth oder Internet statt mit den Händen. Um sein Leben noch einfacher zu machen, hat er sich auf Empfehlung einer Nachbarin noch einen der Lautsprecher zugelegt. "Sprachassistenten finde ich toll! Sie bringen Menschen mit Einschränkungen ein großes Stück Unabhängigkeit", schreibt er in einem Artikel.

Mit einem Preis von unter 200 Euro sind die quasselnden Lautsprecher im Vergleich zu speziellen Hilfsmitteln für Menschen mit Behinderungen noch relativ günstig. Der Preis für einen Sprachcomputer für Blinde kann zum Beispiel im fünfstelligen Bereich liegen. Diese Kosten werden zum Teil von den Krankenkassen getragen. Smart-Home-Produkte müssen Patienten bisher noch selbst zahlen. Laut Michael Bernatek vom AOK-Bundesverband steht es zwar außer Frage, dass künstlich intelligente Assistenzsysteme in verschiedenen Lebensbereichen Hilfestellungen leisten. "Allerdings ist für die Kostenübernahme durch die Krankenkasse eine Zulassung als Medizinprodukt erforderlich", erklärt Bernatek. Für diese bräuchte es nicht nur eine medizinische, sondern auch eine datenschutzrechtliche Prüfung.

Ob Sprachassistenten es jemals in den Leistungskatalog der Krankenkassen schaffen, ist noch offen. Gökmen Alevi wollte nicht warten. Er hat das Geld selbst in die Hand genommen und es bisher nicht bereut. Allerdings wünscht er sich aber von den Konzernen, dass Nutzer wie er stärker in die Entwicklung der Produkte einbezogen werden.

Gewinnorientierung im Vordergrund

Wolfram Floßdorf nutzt smarte Sprachassistenten im Alltag

Wolfram Floßdorf nutzt smarte Sprachassistenten im Alltag

Auch Wolfram Floßdorf würde gerne seine Perspektive einbringen. Vorschläge und Ideen hätte er genug: Zum Beispiel könnte der smarte Lautsprecher dauerhaft den Fernseher ersetzten, indem man den Ton des Fernseh-Livestreams einfach über den Echo anstatt über die Flimmerkiste laufen lässt: "Was soll ich als Blinder denn den Fernsehbildschirm anmachen, das frisst doch nur Strom", fügt er lachend hinzu.

Dass die marktorientierten Internet-Unternehmen derartigen speziellen Wünschen entgegenkommen, hält KI-Experte Neuefeind für unwahrscheinlich. Die Zielgruppe sei viel zu klein und von daher ist das Interesse eher gering, Produkte an die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen anzupassen. "Im Vordergrund steht natürlich der Gewinn".

Auf Seiten der Forschung bestünde durchaus Interesse, die Möglichkeiten, die künstliche Intelligenz für Menschen mit Behinderungen bereithält, weiter auszuschöpfen. Firmen wie Amazon müsste man gezielt in diese Richtung drängen. "Solange die Politik keine Anreize gibt, wird von Konzernseite nichts passieren", so Neuefeind.

Defizite hin oder her - letztendlich freut sich der technikaffine Wolfram Floßdorf über alles, was ihm das tägliche Leben etwas einfacher macht. Er sieht in den smarten Lautsprechern vor allem eine Ergänzung zu teuren Programmen für Blinde, die bereits seit langem auf dem Markt sind. "Alexa ist für mich am Ende nur ein Informationspool, der mir keinen Computer ersetzten kann, wenn ich mal einen Brief schreiben möchte", erklärt Floßdorf. 

Stand: 26.11.2017, 10:30