Vorwürfe gegen WDR haltlos

ARD/WDR "Die Story im Ersten": "Nervengift im Flugzeug - Was die Luftfahrtindustrie verschweigt" (Ausstrahlung: 7.7.2014)

Faktencheck: WDR Doku "Nervengift"

Vorwürfe gegen WDR haltlos

Von Ingrid Schmitz, stv. Unternehmenssprecherin

"Vergiftete Atmosphäre: Ärger um eine WDR-Doku" – so betitelt das Online-Medienmagazin dwdl.de am 8.10.2014 einen Bericht über eine Programmbeschwerde, die dem WDR vorliegt. Diese Programmbeschwerde richtet sich gegen die WDR-Fernseh-Dokumentation "Nervengift im Flugzeug", die am 7. Juli 2014 im Ersten ausgestrahlt wurde. Der Beschwerdeführer greift Fragen der Autorenschaft und der Glaubwürdigkeit auf.

Grundsätzlich äußern wir uns nicht zu laufenden Programmbeschwerden. Erst wenn die interne Prüfung abgeschlossen ist und der Intendant dem Beschwerdeführer geantwortet hat, können wir der Öffentlichkeit dazu Auskunft geben.

Da uns aber die Darstellung des Themas bei dwdl.de einseitig, irreführend, teils polemisch und somit unsachlich erscheint, sorgen wir an dieser Stelle mit den Fakten für Klarheit. Damit jede und jeder sich auf Grundlage ausführlicher Informationen ein eigenes Bild machen kann. Ganz im Sinne eines ausgewogenen öffentlich-rechtlichen Journalismus.

Der Vorwurf: Durch nachträglich gedrehte Zwischenschnitte sei den ZuschauerInnen in der Dokumentation bloß der Eindruck vermittelt worden, der WDR-Redakteur Roman Stumpf habe ein Interview mit Professor Abou-Donia geführt. Der WDR nehme es in diesem Punkt mit der Glaubwürdigkeit nicht so genau.

Fakt ist: Der Film ist in Co-Autorenschaft entstanden. Die zwei Autoren - Tim van Beveren und Roman Stumpf - haben das besagte Interview gemeinsam vorbereitet und geführt. Zwischen den Autoren war vereinbart, dass Roman Stumpf am Drehort und unmittelbar im Anschluss an das Interview noch zusätzlich eine Zwischenfrage aufnehmen sollte. Warum? Teil eines im Film dokumentierten Experiments war, dass Roman Stumpf regelmäßig nach Langstrecken-Flügen Blut entnommen wurde. Diese Blutproben wurden untersucht. Die Werte sollten Aufschluss darüber geben, ob Roman Stumpf möglicherweise Schädigungen durch Gift in der Kabinenluft erlitten hatte. Der Wissenschaftler Mohamed Abou-Donia, Experte auf dem Gebiet, sollte das Testergebnis im Film bewerten.

Im Interview mit dem Wissenschaftler in englischer Sprache ging es um viele Teilbereiche des Filmthemas, auch um die Blutproben von Roman Stumpf. Beide Autoren vereinbarten einvernehmlich, dass Tim van Beveren zunächst die Fragen stellen sollte, auch die Zwischenfrage zu den Blutproben von Roman Stumpf. Zu einem späteren Zeitpunkt übernahm Roman Stumpf das Interview und stellte selbst noch einige Fragen.

Nach dem Interview nutzte man den Drehort dann noch weiter: Roman Stumpf sprach die Frage zu seinen eigenen Blutproben noch einmal auf Deutsch in die Kamera. Es ging ja schließlich um sein Blut und die mögliche Gefährdung seiner Gesundheit. Dass Fragen, vor allem bei fremdsprachigen Interviews, im Anschluss separat und in deutscher Sprache aufgenommen sowie später in den Film geschnitten werden, ist im Fernsehjournalismus ein gängiges Verfahren.

Die Zwischenfrage von Roman Stumpf wurde dann schließlich von beiden Autoren gemeinsam, also auch von Tim van Beveren, in die zu sendende Interview-Passage eingeschnitten.

Der Vorwurf: Tim van Beveren sei als faktischer Hauptautor der Dokumentation bei der Ausstrahlung des Films nicht als solcher genannt worden. Der WDR habe seine Autorenschaft plötzlich beendet.

Fakt ist: Tim van Beveren und Roman Stumpf waren von Anfang an gleichberechtigte Autoren der Dokumentation. Dies war eine einvernehmliche Entscheidung zwischen ihnen und der Redaktion. Über einen langen Zeitraum recherchierten beide Autoren gemeinsam, drehten, führten Interviews, erstellten den Text in gemeinsamer Verantwortung und arbeiteten gemeinsam im Schnitt.

Bei der Abnahme des Films durch die Redaktion waren einzelne kleinere Änderungen handwerklicher und dramaturgischer Art vereinbart worden. Diese wurden von den beiden Autoren gemeinsam umgesetzt. Danach wollte van Beveren nochmals eine komplette Neufassung auf seinem privaten Schnittplatz erstellen. Diesem Vorgehen konnte die Redaktion aufgrund des sensiblen Materials aus Gründen des Quellenschutzes sowie der Sicherstellung notwendiger technischer Standards nicht zustimmen. In der Folge beendete Tim van Beveren seine Autorentätigkeit und zog per Mail sein Recht auf Namensnennung zurück. Auf das Angebot der Redaktion, die Endfassung des Films einzusehen, ging er nicht ein.

Der Vorwurf: Auslöser des Streits um die Autorenschaft sei eine Mail der Redaktion an die Lufthansa gewesen, in der Roman Stumpf als Hauptautor und Tim van Beveren lediglich als sachkundiger Co-Autor benannt wurde.

Fakt ist: Bei der Mail der Redaktion an die Lufthansa handelte es sich um Schadensbegrenzung nach einem journalistischen Fehlverhalten von Tim van Beveren. Dieser hatte - noch vor der ersten offiziellen Anfrage der Redaktion an die Lufthansa – heimlich auf einem Lufthansa-Flug aufgenommene Fotos und Karikaturen, die die Luftfahrtindustrie ins Lächerliche zogen, auf seiner eigenen Facebook-Seite veröffentlicht.

Aufgrund dieser Veröffentlichung vermutete die Lufthansa journalistische Voreingenommenheit und lehnte Drehgeneh­migungen und Interviews strikt ab.

Der Vorwurf: Der Ausstrahlungstermin der Dokumentation am 7. Juli 2014 sei unpassend gewählt, da zu diesem Zeitpunkt Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Thema noch nicht vorgelegen hätten.

Fakt ist: Es bestand keine Notwendigkeit, die Ausstrahlung des Films zu verschieben. Aufgrund einer Vereinbarung zwischen dem WDR und Protagonisten im Film konnte das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung im Fall eines verstorbenen britischen Piloten nicht in den Film aufgenommen werden, da eine Studie dazu noch nicht veröffentlicht war. Der WDR hat sich an die Vereinbarung gehalten. Da der genaue Veröffentlichungszeitpunkt dieser Untersuchung nicht klar war, hätten der WDR und das Erste die Dokumentation auf unbestimmte Zeit aus dem Programm nehmen müssen und nicht senden können.

Der Vorwurf: Das Stipendium des WDR-Redakteurs Roman Stumpf an der Quadriga Hochschule in Berlin werfe Fragen auf, da Vertreter der Luftfahrtindustrie zum Mentoren-Team der Quadriga Hochschule gehörten.

Fakt ist: Dieser indirekte Vorwurf der Einflussnahme ist haltlos: Roman Stumpf war Co-Autor eines Fernsehbeitrags, der die Luftfahrtindustrie sehr deutlich kritisiert. Darüber hinaus war das nebenberufliche Studium mit Teilförderung von Roman Stumpf an der Quadriga Hochschule dem WDR und auch der "Story"-Redaktion frühzeitig und vor Beginn der Doku-Produktion bekannt. Zu keinem Zeitpunkt hat das Studium inhaltlich die Arbeit von Roman Stumpf für den WDR beeinflusst. Das gilt auch für seine Co-Autorentätigkeit bei der Dokumentation "Nervengift".

Stand: 08.10.2014, 17:36