Nackte Zeiten - Die Bläck Fööss Story

Nackte Zeiten: Die Bläck Fööss Story Unterhaltung 15.08.2020 58:30 Min. Verfügbar bis 15.08.2021 WDR Von Gisbert Baltes, Lothar Schröder

Nackte Zeiten - Die Bläck Fööss Story

Sie wollten in den 60ern internationale Popstars werden. Doch bislang hatte das Leben für sie Karrieren à la Finanzbeamter, Verwaltungsangestellter oder Schornsteinfeger vorgesehen. Die Midlifecrisis war absehbar.

Mit schlechtem Gewissen sangen die Rockbarden gelegentlich in spießigen Festzelten auf Kölsch. Aber mit diesen Liedern entdeckte sie Graham Bonney und schleppte sie zur EMI. Ihr erster Plattenvertrag und der Rievkooche-Walzer öffneten ihnen die großen Karnevalssäle - zum Entsetzen der steifen Gesellschaft, die sich darin befand.

Musikgruppe Bläck Fööss

Ein Markenzeichen der Stadt

Lange Haare, nackte Füße, nackte Zeiten. Jeans und E-Gitarren passten nicht zur bierernsten Fröhlichkeit, aber die Fööss setzten sich durch. Das Bekenntnis zur kölschen Mundart, zum Kölner Lebensgefühl hat sie zu einem Markenzeichen und sicher auch Werbeträger der Stadt im ganzen Land gemacht.

Sie haben letztlich eine fast schon zerfallene Kölner Stadtgemeinschaft mit neuem Gedankengut und frischen Elementen aus der Jugendkultur wiederbelebt. Konsequent setzen sie sich bis heute für den Erhalt der kölschen Sprache ein.

Das Leben jenseits der großen Bühne

Die Zeitreise durch 40 Jahre mit den Bläck Fööss zeigt auch die politische Gruppe. Sei es der gemeinsame Besuch mit Edelweißpiraten an Kölner Folterstätten des Nationalsozialismus, Spontankonzerte gegen den Golfkrieg, mit Nelson Mandela und zur Maueröffnung in Berlin. Sie spielen nicht für die höhere Gage, sondern für das, was ihnen wichtig ist.

Die Kamera begleitet sie bis nach Mallorca, wo sich drei Fööss zum Kreativworkshop zurückziehen. Nach 40 Jahren sind neue Ideen nicht einfacher. Aber auch privat lernt man die Bandmitglieder kennen: Bei ihren Lieblingsaktivitäten geben sie Einblicke in das Leben jenseits der großen Bühnen. Weggefährten erzählen die Geschichte von der anderen Seite. King Size Dick (Fööss-Fahrer), Graham Bonney (Entdecker), Jean Pütz (Förderer), Hans Knipp (Songschreiber), etc.

50 Jahre Bläck Fööss

Von René Denzer

Die Mutter aller kölschen Bands, ein Stück Kölner Stadtgeschichte – Superlative für die Bläck Fööss gibt es genug. In diesem Jahr feiert die Band ihr 50. Jubiläum, dabei war sie anfangs nur ein Nebenprojekt der beteiligten Musiker.

Eine alte schwarz-weiß Aufnahme der Kölner Kult-Band "Black Fööss"

Die ehemalige Stadt Porz, die 1975 nach Köln eingemeindet wurde, spielt in der Geschichte der Bläck Fööss eine besondere Rolle. Im Rhein-Hotel, einem Mekka für Beat-Musik, hatte Erry Stoklosa Tommy Engel kennengelernt und ihn gefragt, ob er nicht als Schlagzeuger bei dessen Band "Stowaways" anfangen wolle.

Die ehemalige Stadt Porz, die 1975 nach Köln eingemeindet wurde, spielt in der Geschichte der Bläck Fööss eine besondere Rolle. Im Rhein-Hotel, einem Mekka für Beat-Musik, hatte Erry Stoklosa Tommy Engel kennengelernt und ihn gefragt, ob er nicht als Schlagzeuger bei dessen Band "Stowaways" anfangen wolle.

Tommy Engel wollte und so machte sich die Beat-Gruppe daran, Vorbildern aus England nachzueifern. Die "Stowaways" gingen mit Graham Bonney (Foto) ins Studio und auf Tournee. Von ihm kam die Idee, doch auch auf Kölsch zu singen.

Ihren guten Namen als Beat-Gruppe wollten die "Stowaways" allerdings dafür nicht hergeben, weswegen parallel die Bläck Fööss 1970 ins Leben gerufen wurden. Das klang irgendwie englisch und kölsch zugleich. Ins Hochdeutsche übersetzt heißt es: Nackte Füße.

Als die erste Single der Fööss (""Rievkoochewalzer") auf den Markt kommt, backen die Musiker auf der Bahnhofstraße in Köln-Porz, wo Erry Stoklosa geboren wurde, samstags Reibekuchen. Ein Werbegag mit mäßigem Erfolg. Zwar haben die Reibekuchen geschmeckt, aber die Single verkauft sich mäßig. Insgesamt nur 2000 Exemplare. Zu wenig für die Plattenfirmen.

Der zweite Fööss-Titel „Drink doch ene met“ wird abgelehnt – auch von der Kölner EMI. Veröffentlicht wird der Publikumserfolg später durch die BASF in Ludwigshafen. Dem Hit geht ein Lied voraus, das die Fööss zuvor für den Kinderfunk des WDR getextet haben. Da heißt der Refrain allerdings: "Mach doch bei uns mit".

Auf den Karnevalssitzungen und -bällen sind die Bläck Fööss bald schnell gefragt. Nur die Karnevalsgesellschaften zeigen sich durch das Erscheinungsbild der Gruppe irritiert: langhaarig, in Jeans und (anfangs) barfuß stehen sie in den heiligen Hallen des Frohsinns mit E-Gitarren und Verstärkern auf der Bühne.

Seit damals sind die Bläck Fööss aus dem Karneval nicht mehr wegzudenken. Doch waren und sind die Musiker viel mehr als nur eine Karnevals-Band. Das Leben in den Kölner Stadtvierteln findet sich in ihren Texten genauso wieder wie die Stadtgeschichte. Zu der die Fööss mittlerweile selbst gehören. Bis Ende September 2020 gibt es im Kölnischen Stadtmuseum eine Sonderausstellung - auch virtuell im Internet.

Apropos Stadt-Viertel: Mit ihrem berühmten Veedel-Lied gewinnen sie vor Jahrzehnten die karnevalistische Hitparade des WDR. Nicht diesen, aber etliche andere Hits hat für die Band Komponist Hans Knipp geschrieben. Mehr als 100 Titel sind es. Unter anderem "Mer losse d'r Dom en Kölle", "Ene Besuch im Zoo" oder "Unsere Stammbaum".

Im "Stammbaum" wird die Vielfalt der in Köln lebenden Menschen besungen. Ethnische Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht, Religion und vieles mehr spielen keine Rolle. "Mir all, mir sin nur Minsche, vür‘m Herjott simmer glich" - heißt es in dem Lied. Flagge gegen Rassismus und Diskriminierung zeigen die Fööss immer wieder. Wie zum Beispiel beim legendären "Arsch huh"-Konzert 1992 auf dem Chlodwigplatz.

In den 50 Jahren ihres Bestehens haben die Bläck Fööss einige personelle Veränderungen vorgenommen. Zu Beginn der 80er Jahre ersetzt Keyboarder Willy Schnitzler seinen Vorgänger Dieter „Joko“ Jaenisch. Mit der Trennung von Tommy Engel, der schnell vom Schlagzeuger zum charismatischen Frontmann der Band wurde, hatten 1994 einige das Ende der Fööss prognostiziert.

Doch weit gefehlt: Auf Tommy Engel folgt „Kafi“ Biermann (Foto), der mehr als 20 Jahre lang am Solo-Mikrophon steht. Im Zuge dieser Umbesetzung erweitern sich die Bläck Fööss um den Schlagzeuger und Sänger Ralph „Gus“ Gusovius. Nach der Session 2005 verläßt Willy Schnitzler die Band. Andreas Wegener wird sein Nachfolger.

Im Jahr 2017 dann gleich zwei Wechsel: Sänger Kafi Biermann hört auf und wird ersetzt durch Mirko Bäumer.

Auch Gründungsmitglied Peter Schütten (l.) verlässt 2017 die Band. Sein Nachfolger wird Pit Hupperten.

Bassist Hartmut Priess (r.) wird Silvester 2018 bei den Fööss verabschiedet. Ihm folgt Hanz Thodam.

Fööss-Urgestein Bömmel Lückerath muss 2019 mehrere Monate krankheitsbedingt pausieren. Er hat sich aber gut erholt und hat mit den Fööss in der vergangenen Session nicht nur das WDR 4 Jeck Duell gewonnen, sondern auch beim WDR 4 Konzertsommer im Juli 2020 im großen Sendesaal im WDR Funkhaus auf der Bühne gestanden.

Ihr Jubiläum hätten die Bläck Fööss gerne Mitte August auf dem Roncalliplatz im Schatten des Kölner Doms gefeiert. Doch Corona hat der Jubiläumssause einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das Jubiläum soll nächstes Jahr nachgeholt werden. Bis dahin gibt es ein Konzert vor kleinem Publikum in der Kölnarena (15. August) und eins zusammen mit dem WDR Funkhausorchester, das am 21. August live ab 19 Uhr auf wdr4.de gestreamt wird. Auch arbeiten die Bläck Fööss derzeit an einem Jubiläumsalbum.

Stand: 12.08.2020, 12:36