Vor 30 Jahren: Tod einer Diva

Einen größeren Star als Marlene Dietrich hatten die Deutschen wahrscheinlich nie. Und dennoch sind sie nie so ganz warm geworden mit der Frau, die den Begriff "Diva" geprägt hat wie keine zweite. Am 6. Mai 1992 – heute vor 30 Jahren – ist sie gestorben.

Filmszene: Marlene Dietrich in "Der blaue Engel"

Ein ikonisches Bild, das deutsche Kino- und Kulturgeschichte geschrieben hat: Marlene Dietrich spielt 1930 im "Blauen Engel" den Prototyp einer "femme fatale" – die "Lola Lola". Eine Rolle, der sie bis zu ihrem Tod vor 30 Jahren nicht mehr entkommen kann – oder will.

Ein ikonisches Bild, das deutsche Kino- und Kulturgeschichte geschrieben hat: Marlene Dietrich spielt 1930 im "Blauen Engel" den Prototyp einer "femme fatale" – die "Lola Lola". Eine Rolle, der sie bis zu ihrem Tod vor 30 Jahren nicht mehr entkommen kann – oder will.

Auch wenn sie sich später ein paar Jahre jünger macht: Marie Magdalene Dietrich wird am 27. Dezember 1901 in Berlin geboren. Sie studiert Musik in Weimar, spielt Geige - doch ihre eigentliche Leidenschaft gilt dem Kino und Theater. Mit Anfang 20 nimmt sie den Künstlernamen Marlene an und bekommt die ersten kleineren Rollen in Berliner Revues und Varietés.

Sie heiratet den Regieassistenten Rudolf Sieber, 1924 kommt die Tochter Maria zur Welt. Doch Marlene Dietrich ist nicht fürs Familienleben gemacht. Sie verlässt Sieber und konzentriert sich auf ihre Karriere. Tochter Maria ist zwar meist mit dabei, muss sich aber still im Hintergrund halten, wenn die gestrenge Mutter arbeitet. Später wirft ihr die Tochter Lieblosigkeit und Egomanie vor.

Marlene Dietrich ist nicht nur als Schauspielerin, sondern auch auch modisch ein großes Vorbild. Schnell wird sie zur Stilikone, deren gewagter Kleidungsstil für Aufsehen sorgt.

Vor allem die Art, wie "die Dietrich" mit den Geschlechterrollen spielt, ist neu. Eine Frau, die Anzug und Hosen trägt? Das ist für viele Menschen der damaligen Zeit unerhört.

Nach dem weltweiten Erfolg des "Blauen Engels" geht Regisseur Josef von Sternberg nach Hollywood - und nimmt seine Hauptdarstellerin gleich mit. Dietrich erhält einen hochdotierten Vertrag beim Paramount-Studio und wird zum Superstar. 1930 wird sie für ihre Rolle in "Marokko" für den Oscar nominiert.

Sie spielt an der Seite von Gary Cooper, Cary Grant und Jean Gabin und unter Regisseuren wie Billy Wilder und Ernst Lubitsch. Im Western "Die Freibeuterin" (auch unter "Stahlharte Fäuste" bekannt – im Original heißt er "The Spoilers") muss sie sich zwischen Randolph Scott (li.) und John Wayne (re.) entscheiden.

Mitte der 1930er Jahre will NS-Propagandaminister Joseph Goebbels den Star aus Hollywood für seine Zwecke einspannen. Doch Dietrich lehnt ab und distanziert sich immer mehr von ihrer Heimat. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nimmt sie die US-Staatsbürgerschaft an. Später macht sie Frontbesuche, um die alliierten Soldaten zu unterstützen.

Nach dem Kriegsende sehen viele Menschen in Deutschland Dietrich als "Verräterin", die durch ihre Unterstützung der GIs den deutschen Soldaten in den Rücken gefallen sei. Ihrem Ruf im Ausland tut das aber keinen Abbruch - im Gegenteil.

Alfred Hitchcock besetzt sie 1949 im Film "Stage Fright", der in Deutschland als "Die rote Lola" in die Kinos kommt – auch wenn gar keine Lola mitspielt. Dass eine fast Fünfzigjährige für die Rolle der Liebhaberin ausgewählt wird, ist für die damalige Zeit übrigens äußerst ungewöhnlich.

Parallel zu ihrer Filmkarriere tritt Marlene Dietrich ab Mitte der 1950er Jahre wieder verstärkt auf Theater- und Revue-Bühnen auf. Das Tanzen reduziert sie wegen ihrer hautengen Kleider zwar auf ein Minimum, aber sie singt Chansons, scherzt, kokettiert – und sieht überwältigend aus.

Besonders ihr Kostümbildner Jean Louis hat dabei alle Hände voll zu tun. "Ich kann nicht singen. Also muss das, was ich trage, eine Sensation sein", sagt sie über ihre extravaganten Outfits, an denen monatelang geschneidert wird. Für ihren legendären, drei Meter langen Bühnenmantel sollen über 1.000 Schwäne ihr Leben gelassen haben.

Zwischen 1957 und 1961 spielt sie viel beachtete Rollen in den Filmen "Zeugin der Anklage", "Im Zeichen des Bösen" und "Das Urteil von Nürnberg" - allesamt spätere Klassiker der Filmgeschichte, die von Kritikern großes Lob erhalten. Und auch das Verhältnis zu ihrer früheren Heimat entspannt sich etwas. 1960 wird sie vom Regierenden Berliner Bürgermeister Willy Brandt empfangen und trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein. Allerdings stehen vor den Türen auch Menschen, die "Marlene, Go Home!" skandieren.

Die Filmkarriere ist Anfang der 1960er Jahre quasi zu Ende, doch als Diseuse tritt Marlene Dietrich immer noch regelmäßig in Erscheinung und gibt bis Mitte der 1970er Jahre weltweit Konzerte. Bemerkenswert ist dabei ihre Songauswahl: Neben ihren Klassikern wie "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" singt die überzeugte Pazifistin auch die Lieder von Protestsängern wie Pete Seeger oder Bob Dylan.

1975 bricht sich Dietrich den Oberschenkel bei einem Sturz. Alkoholprobleme und Depressionen führen dazu, dass sie sich immer mehr zurückzieht. 1978 dreht sie mit David Bowie ihren letzten Film "Schöner Gigolo, armer Gigolo", danach verschwindet sie in ihr Pariser Appartement – und ward nicht mehr gesehen.

Angeblich verbringt Marlene Dietrich die letzten elf Jahre ihres Lebens nahezu komplett im Bett. Bedienstete bringen Gourmet-Speisen, ihre Tochter versorgt sie mit mit Alkohol und Tabletten. Kontakt mit der Außenwelt hält sie per Telefon. Sie ruft die Queen an, Michail Gorbatschow und Ronald Reagan. Bilder aus dieser Zeit existieren keine: "Ich bin zu Tode fotografiert und zu Tode biografiert worden", sagt sie 1983 Maximilian Schell, der ein Porträt über sie dreht.

Am 6. Mai 1992 stirbt Marlene Dietrich in ihrer Pariser Wohnung an Herz- und Nierenversagen. Beerdigt wird sie in Berlin neben dem Grab ihrer Mutter. Doch es gibt immer noch Deutsche, die die Dietrich als "Verräterin" sehen. An ihrem 100. Geburtstag bittet die Stadt Berlin offiziell um Entschuldigung für die unschönen Szenen anlässlich ihrer Beerdigung, ein Jahr später wird sie posthum zur Ehrenbürgerin der Stadt ernannt.

Stand: 05.05.2022, 13:55 Uhr