Eine kleine Geschichte der Mundharmonika

Eine kleine Geschichte der Mundharmonika

Von Philip Stegers

Von Österreich und Deutschland aus trat das volkstümliche Blasinstrument vor rund 200 Jahren den Siegeszug rund um die Welt an und hinterließ dabei bleibende Spuren in der Popkultur.

Mundharmonika

In den frühen 1820ern tauchen die ersten Mundharmonikas in Wien und Süddeutschland auf. Das Instrument ist preisgünstig und vergleichsweise leicht zu erlernen und findet hierzulande schnell viele Freunde.

In den frühen 1820ern tauchen die ersten Mundharmonikas in Wien und Süddeutschland auf. Das Instrument ist preisgünstig und vergleichsweise leicht zu erlernen und findet hierzulande schnell viele Freunde.

"Ohrenquäler raus, Mundharmonika-Diktat!" – ab Mitte des 19. Jahrhunderts werden Mundharmonikas in Deutschland in Massenproduktion hergestellt und von dort aus in die ganze Welt exportiert. Besonders in den USA sind die Instrumente ungemein beliebt und werden sogar Teil des Schulunterrichts.

Anfang der 1920er werden neue Varianten des Instruments entwickelt, wie etwa die chromatische, Akkord- oder Bass-Mundharmonika. Komiker Buster Keaton zeigt an einem extralangen Modell eine vorbildliche Querflöten-Spielhaltung. Zum Mundharmonika spielen ist die allerdings nur bedingt geeignet.

Dank der neuen Bauweisen der Instrumente beschränkt sich das Repertoire der Mundharmonika nicht länger nur auf einfache Melodien. Als einer der Ersten beherrscht der amerikanische Mundharmonika-Virtuose Larry Adler eine musikalische Bandbreite von Klassik bis Jazz.

Aufgrund der geringen Größe ist die Mundharmonika ein ideales Instrument für unterwegs. Auch Mario Adorf hat als Kohlentrimmer Stanislaw Lawski in der Verfilmung von "Das Totenschiff" eine im Reisegepäck dabei.

Anfang der 1960er nutzen viele Folkmusiker in den USA eine Klemmhalterung für die Mundharmonika. Wer wie Bob Dylan Songs mit vielen und langen Strophen spielt, kann so zwischendurch immer mal wieder ein kleines Solo zur Auflockerung einstreuen.

Im Blues spielt die Mundharmonika eine besonders wichtige Rolle. Während die traditionell gespielte Mundharmonika eher wie ein Westentaschen-Akkordeon klingt, entlocken Bluesharp-Spieler wie Sonny Boy Williamson dem Instrument auch gleitende Töne, die an das Pfeifen eines Dampfzugs erinnern.

Die Bluesharp hinterlässt ab Mitte der 60er Jahre auch Spuren im englischen Rock. Bands wie Rolling Stones und Led Zeppelin eifern besonders in den Anfangstagen ihren amerikanischen Blues-Idolen nach. Da ist es nur konsequent, dass Mick Jagger (Bild) und Robert Plant für den authentischen Sound auch zur Mundharmonika greifen.

Wenn Charles Bronson in "Spiel mir das Lied vom Tod" zur Mundharmonika greift, ist die nächste Schießerei nicht weit. Der namenlose Cowboy, den er spielt, heißt im Drehbuch nur "Mundharmonika". Die Musik des Films ist einer der bekanntesten Soundtracks des italienischen Komponisten Ennio Morricone.

Im Blues und Folk werden zumeist sogenannte diatonische Mundharmonikas gespielt, auf denen sich nur die Töne einer einzigen Tonart befinden, wie z.B. C-Dur. Der Vorteil: Auch Anfänger treffen meistens Töne, die irgendwie richtig klingen, weil die "falschen" Töne fehlen. Der Nachteil: Um in verschiedenen Tonarten spielen zu können, braucht man gleich ein ganzes Arsenal davon.

Stevie Wonder ist ein Meister der sehr viel komplizierter zu spielenden chromatischen Mundharmonika. Zu hören ist er nicht nur auf seinen eigenen Songs, sondern auch auf "There Must Be an Angel (Playing With My Heart)" von Eurythmics oder "I Guess That's Why They Call It the Blues" von Elton John.

In Deutschland hat die Mundharmonika ihren Platz eher in der Volksmusik. Schlagerbarde Bernd Clüver landet 1973 seinen ersten Nr.1-Hit mit dem sentimentalen "Der Junge mit der Mundharmonika".

Auf einer Mundharmonika Töne zu erzeugen, ist kinderleicht. Beim Einatmen erklingt ein anderer Ton als beim Ausatmen. Für jeden Ton gibt eine andere Stimmzunge in den einzelnen Kanälen des Instruments. Wenn man durch mehrere Kanäle bläst oder zieht, erklingt ein Akkord aus mehreren Tönen.

Um einzelne Töne zu spielen, spitzen die meisten Mundharmonikaspieler entweder die Lippen oder sie blockieren mit der Zunge alle Töne, die nicht erklingen sollen. Die Nasenloch-Spieltechnik konnte sich hingegen nie so richtig durchsetzen, möglicherweise auch aus hygienischen Gründen.

Nach der alten Songwriter-Weisheit braucht man nur "Drei Akkorde und die Wahrheit" für ein gutes Lied. Wenn es dazu auch noch besonders aufrichtig und herzergreifend klingen soll, ist nicht nur bei Bruce Springsteen die Mundharmonika oft erste Wahl.

Stand: 25.02.2020, 17:28 Uhr