Keith Emerson würde 75

Keith Emerson würde 75

Von Philip Stegers

Mit "Emerson, Lake & Palmer" und "The Nice" bahnte er dem technisch anspruchsvollen Prog und Classic Rock den Weg in den 60er und 70er Jahren. Der erste Superstar-Keyboarder des Rock wäre am 2. November 2019 75 Jahre alt geworden.

Keith Emerson

Bereits als 14-Jähriger gilt Keith Emerson als klavierspielendes Wunderkind in seiner Heimatstadt Worthing im englischen Sussex. Doch anstatt am Konservatorium seine musikalischen Kenntnisse zu vervollkommnen, absolviert er lieber eine Lehre als Bankkaufmann.

Bereits als 14-Jähriger gilt Keith Emerson als klavierspielendes Wunderkind in seiner Heimatstadt Worthing im englischen Sussex. Doch anstatt am Konservatorium seine musikalischen Kenntnisse zu vervollkommnen, absolviert er lieber eine Lehre als Bankkaufmann.

Um das karge Ausbildungsgehalt aufzubessern, spielt Keith Emerson Mitte der 60er in diversen Pop- und Jazzbands. Es ist nicht zu übersehen, dass der Tastenvirtuose auf der Bühne besser aufgehoben ist als am Sparkassenschalter.

1967 gründet er seine erste eigene Band – "The Nice". Das Quartett spielt psychedelischen Pop, adaptiert aber auch klassische Werke von Sibelius, Bach und Bernstein und lässt sie zu satten Hammondorgelklängen so richtig rocken. "The Nice" wird schnell zur Kultband, dank der spektakulären Livekonzerte, in denen Keith Emerson alle Register zieht.

Die geborene Rampensau: Keith Emerson klettert bei den Konzerten auf die Hammondorgel, reitet auf ihr, schleudert sie hin und her und lässt sich unter dem 100 kg schweren Ungetüm begraben. Währenddessen spielt er ungerührt weiter, begleitet von jaulenden Feedbackgeräuschen.

Mit in die Tastatur geklemmten Messern erzeugt Keith Emerson auf der Bühne stehende Orgeltöne. Zunächst benutzt er dazu kleinere Küchenmesser. Zur Vergrößerung des Showeffekts schenkt ihm der waffensammelnde Tourmanager von "The Nice" ein paar Hitlerjugend-Fahrtenmesser. Der Name des Tourmanagers: Lemmy Kilmister, später bekannt als Sänger und Bassist von Motörhead.

Bei "The Nice" läuft es trotz des Erfolgs nicht rund. Der labile Gitarrist und Sänger Davy O' List (links) gerät mit Keith Emerson aneinander und steigt 1968 erzwungenermaßen aus. Bassist Lee Jackson (2.v.l.) übernimmt den Gesang. Mit dessen sehr speziell klingenden Stimme kann sich Keith Emerson allerdings nie so recht anfreunden.

Mit der "Five Bridges Suite" legt "The Nice" 1969 ein Album für Band und Orchester vor, das als eines der der ersten Klassik und moderne Rockelemente verbindet. "The Nice" macht noch bis 1970 als Trio weiter, dann schaut sich Keith Emerson nach anderen Musikern um.

Mit dem ehemaligen King Crimson-Sänger Greg Lake (links) und Schlagzeuger Carl Palmer (rechts) gründet er die Supergroup "Emerson, Lake & Palmer" – abgekürzt ELP. Bereits das erste Album wird 1970 dank des Ohrwurms "Lucky Man" ein Riesenerfolg. Berühmt wird der Song auch dank des Solos, das Keith Emerson auf einem Synthesizer spielt – ein Instrument, das zu diesem Zeitpunkt kaum jemand kennt, geschweige denn besitzt.

Keith Emerson nutzt als einer der ersten Keyboarder einen Moog Synthesizer. Sein Modell ist ein Einzelstück, das aus mehreren miteinander verbundenen Modulen besteht. Die Bedienung des Instruments ist eine Wissenschaft für sich, ein Handbuch gibt es seinerzeit nicht. Inzwischen existieren drei Nachbauten des Emerson Moogs – zum stolzem Ladenpreis von 150.000 Dollar.

Keith Emerson macht den Moog Synthesizer zum festen Bestandteil seiner imposanten Keyboardburg, die zum Bombast und Anspruchsdenken von ELP passt. Bereits auf ihrem ersten Konzert spielen sie eine gefeierte Rock-Adaption von Modest Mussorgskys Klavierzyklus "Bilder einer Ausstellung". Keith Emerson will mit seiner neuen Band auch als ernsthafter Komponist Beachtung finden.

Auch das zweite ELP-Album landet vorne in den Hitparaden. "Tarkus" ist eine komplexe Rock-Suite, in der es vor ungewöhnlichen Taktarten nur so strotzt. ELP gelingt es als erster Prog Rock Band, weltweit Stadien zu füllen. Die BBC-Legende John Peel, ein "The Nice"-Fan der ersten Stunde, zeigt sich allerdings unbeeindruckt. Er nennt ELP "eine tragische Verschwendung von Talent und Elektrizität".

Bei ihrer Ankunft auf dem Züricher Flughafen werden "Emerson, Lake & Palmer" 1973 von einem urigen Empfangskomittee begrüßt.

Supergroup mit Super-Egos: Besonders Greg Lake und Keith Emerson verbindet von Anfang an eine Hassliebe. Der Sänger und der extrovertierte Keyboarder kämpfen erbittert um den Platz im Rampenlicht und den Führungsanspruch innerhalb der Band.

Noch sitzen sie gemeinsam im selben Tourbus. Wie es sich für echte Superstars der 70er Jahre gehört, reisen "Emerson, Lake & Palmer" bald getrennt im eigenen Flugzeug zu ihren Konzerten an.

Keith Emerson leidet zeitlebens nicht unter Bescheidenheit, doch während der Arbeiten am Album "The Works Vol. 1" beobachtet Greg Lake 1976 bei ihm erste Anzeichen von Depressionen, die dem Keyboarder für den Rest seines Lebens zu schaffen machen.

Der Anfang vom Ende: Auf ihrer Tour zu "The Works Vol. 1" haben "Emerson, Lake & Palmer" 1977 ein 70-köpfiges Orchester dabei. Aufgrund völlig unzureichender Planung wird die Tournee zum finanziellen Desaster. Die Band macht 3 Millionen Dollar Verlust.

Da nutzt auch das gemeinsame Schwitzen in der Sauna nichts: Bei ELP ist Ende der 70er Jahre die Luft raus. Nach dem Album "Love Beach" löst sich die Band auf.

Keith Emerson komponiert in den 80ern verstärkt Soundtracks und Soloalben. Neue Bandprojekte wie "3" und "Emerson, Lake & Powell" werden nach einem Album wieder beendet.

Comeback im wiedervereinigten Berlin: 1992 kommt es zur Reunion von ELP für zwei Alben. Doch neben ihren alten Streitigkeiten machen der Band bald gesundheitliche Probleme zu schaffen. Greg Lake kämpft mit hartnäckigen Stimmproblemen ...

... und Keith Emerson leidet inzwischen unter einer chronischen Nervenerkrankung in der rechten Hand, die seine Spielfähigkeiten zunehmend in Mitleidenschaft zieht – ein Alptraum für den Perfektionisten, der infolgedessen immer wieder Konzerte absagen muss und von Zweifeln geplagt wird.

Am 10. März 2016 nimmt sich Keith Emerson das Leben. Ohne seinen Pioniergeist und seine Virtuosität ist die Geschichte des Prog Rock undenkbar. In einer Zeit, in der Ende der 60er ausschließlich E-Gitarristen zu musikalischen Göttern erklärt wurden, nahm er als erster Keyboarder auf dem Rock-Olymp Platz.

Stand: 25.10.2019, 15:30 Uhr