Nachruf auf Ludger Stratmann von Thomas Lienenlüke

Ludger Stratmann, Arzt und Kabarettist

Nachruf auf Ludger Stratmann von Thomas Lienenlüke

„… ich muss sagen, eigentlich bin ich für Abschiede nicht der richtige Mann und ehe meine Stimme mir wieder einen Streich spielt, möchte ich Euch sagen, wir hatten 15 Jahre die Möglichkeit nicht nur nach Essen und Bottrop, sondern in den letzten Winkel der Republik einige Ruhrgebietstöne zu senden (…) aber keiner ist richtig weg, selbst Jupp wird noch die Bühne und sein Publikum in seinem Theater quälen, bis dahin also macht Euch einen!!!“

Lieber Ludger, mit diesen Sätzen von Dir ging 2016 nach 15 wunderbaren und aufregenden Jahren „Stratmanns“ zu Ende - Deine Sendung, die ich von Anfang als Autor begleiten durfte, und jetzt schreibe ich völlig fassungslos Deinen Nachruf. Ich kann das nicht so richtig, ich bin für Abschiede auch nicht der richtige Mann, wir sind beide Ostwestfalen und gehen zwar nicht zum Lachen, aber eben oft zum Gefühlezeigen in den Keller. Und ich stelle mir jetzt beim Schreiben deine lässige sonore Stimme vor, wie sie mich mahnt, bloss nicht zu sentimental zu werden, nur nicht kitschig, sondern einfach vielleicht noch einen letzten witzigen Spruch rauszuhauen. Aber dafür bin ich einfach zu traurig. Und erinnere mich an soviele Momente mit Dir, die mich berührt und überrascht haben.

Unsere ersten Begegnungen, ich stakste noch in den Anfängen meines Autorendaseins herum, Du hattest bereits die Medizin weitestgehend an den Nagel gehängt und wir erfanden zusammen mit Burkhard Bergermann und Rudi Carrell die „Praxis Doktor Stratmann“, die verrückte Mischung aus Spielszenen, Soli und Gesprächen, die Sendung, aus der sich dann irgendwann durch reges Rumspinnen mit Rolf Bringmann und unserer Redakteurin Karin Zahn „Stratmanns“ destillierte. Du warst mit Feuereifer dabei, die Ideen flogen nur so hin und her, und was mich von Anfang an total begeistert hatte: Du warst hundertprozentig authentisch. Wo manche Kollegen mit mühsam herbeigeschriebener Jovialität und sorgsam kalkulierter Anbiederung eine Art von Volksnähe zusammenklaubten, warst Du einfach der Jupp und der Doktor. Unverstellt, ganz nah am Pott und seinen Menschen, Du konntest so farbig und nuancenreich Deine Geschichten erzählen, Dein Humor bestand nicht aus Witzen, sondern aus dem der selbstgewählten Heimat abgelauschten Jargon Deiner ehemaligen Patienten, der Menschen auf der Strasse … kurzum, Du warst einer der ganz ganz wenigen, im besten Sinne des Wortes, „Volkskünstler“ , die unsere Branche hervorgebracht hat.

Und ich weiß, dass Du auch manchmal ein bißchen gelitten hast, wenn manche Menschen Deine Volksnähe und ungeheure Beliebtheit mit Schlichtheit oder Einfachheit verwechselt haben, denn ähnlich wie bei dem anderen großen Ruhrpottkabarettisten Jürgen von Manger verbarg sich auch bei Dir hinter der deftigen Ruhrpottkodderschnauze ein ebenso lebenskluger, feinfühliger wie auch hochgebildeter Mensch. Ich weiß noch, wie wir irgendwann mal nach einer Sendung im Lukas am Klavier standen, Du ein paar Kadenzen in die Tasten klopptest und ganz beiläufig vom avantgardistischen Jazz eines Albert Aylers erzähltest, dem Du als Student begegnet warst. Oder von deinen breitgestreuten literarischen Vorlieben, Deiner differenzierten Einschätzung der politisch gesellschaftlichen Zeitläufte … kurzum: Es war immer eine große Freude und Inspiration, sich mit dir austauschen zu können. Und Du warst wirklich mit Leib und Seele Bühnenkünstler - wenn andere Kollegen nach der Show Feierabend machten, fuhrst Du oft noch irgendwohin, für einen Kurzauftritt, oder um einen geschätzten Kollegen noch nach der Vorstellung woanders für irgendeine verrückte Idee oder einen Auftritt in Deinem Theater zu gewinnen. Du warst Mäzen und Unterstützer, hast Anfängern wie Hagen Rether zum ersten Mal ein großes Forum gegeben, als Du nicht nur Deine Bühne zur Verfügung gestellt hast, sondern auch noch mit Schmackes die Werbetrommel rührtest, auf „dass der Junge auch die Bude ordentlich vollkriegt“.

Und dann war Stratmanns irgendwann vorbei, Du wolltest kürzer treten, weniger spielen, und - wie du sagtest - auch mal mit Deiner geliebten Gitti einfach nur rumsitzen, aufs Meer gucken. Das ist Dir gottseidank auch zum Teil gelungen, wobei das, was du in deinem selbstbenannten Vorruhestand noch an Vorstellungen daheim gespielt hast, vom Volumen her manchem Vollberufler zur Ehre gereicht hätte. 6 Vorstellungen waren 2021 noch geplant, bevor dann das grosse Finale dich in den endgültigen Ruhestand katapultiert hätte. Und dann … dann bist du friedlich im Schlaf gestorben. Ich weiß, dass Du ein sehr unsentimentales und wohlwollendes Verhältnis zur Endlichkeit des Lebens hattest - Eines deiner erklärten Lieblingsbücher war von Midas Deckers: „An allem nagt der Zahn der Zeit - vom Reiz der Vergänglichkeit.“ Und so sehr ich Deine Begeisterung für diese Ode an die Begrenztheit alles irdischen Seins mit Dir geteilt habe - daß du so plötzlich nicht mehr bist, ist kaum zu glauben, und mir fehlen die Worte. Und schon wieder höre ich Deine diesmal wohlwollend tadelnde Stimme hinter mir: „Hömma, wat heisst hier, mir fehlen die Worte, du bis doch Profi!“ Ja, das stimmt wohl, aber wie ich oben bereits erwähnte - manchmal ist man einfach zu traurig.

Stand: 27.08.2021, 12:47