Tage Alter Musik Herne 2019: "Musik ist Kommunikation"

Richard Lorber

Tage Alter Musik Herne 2019: "Musik ist Kommunikation"

Von Richard Lorber

Was ist die Aufgabe der Musik und in welcher Form soll sie Ihre Aufgaben erfüllen? "Solche Fragen unterliegen nicht zuletzt auch einer Mode", sagt Festivalleiter Richard Lorber. In Herne illustrierten Ensembles aus ganz Europa, dass Musik kommunizieren kann.

Musik sei sprachähnlich, sagte Theodor W. Adorno. Wie verständlich aber ist eine musikalische Sprache, wie verständlich will sie überhaupt sein? "Verstehen – Verwirren" lautet das Thema der TAGE ALTER MUSIK IN HERNE. Sie zeigen in zehn Konzerten Formen musikalischer Kommunikation vom Mittelalter bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.

Kommunikation ist Funktionsbestandteil von Musik

Wir wissen, dass sich Musik nicht in der bloßen Kommunikation erschöpft, denn sie ist Kunst. Trotzdem richtet sich Musik immer auf ein Gegenüber. Militärische Fanfaren (Schwanthaler Trompetenconsort am 17.11.2019) meinen etwas anderes als die kunstvollen Kreationen des blinden Komponisten Francesco Landini, der im 14. Jahrhundert mit seiner Musik zu einem inneren Sehen animierte (La Reverdie am 14.11.2019). Und was ist mit Johann Sebastian Bachs "Kunst der Fuge"? Musiker und Musikwissenschaftler rätseln bis heute, ob die Musik überhaupt zum Spielen gedacht war oder eher zur lesenden Kontemplation (Ensemble Vintage Köln am 16.11.2019).

Der Franzose Joseph Bodin de Boismortier wollte auf jeden Fall verstanden werden, und zwar nationen- und ständeübergreifend. In seiner Ballettoper "Les voyages de l’Amour" richtet er den Blick auf die italienische Musiksprache, genauso wie er die französischen Konventionen bedient. Vor allem unterhaltsam und abwechslungsreich sollte seine Musik sein (Purcell Choir und Orfeo Orchestra am 17.11.2019).

Eine der spannendsten Debatten um die Funktion der Musik und um ihre Gestalt fand im 16. Jahrhundert beim Tridentinischen Konzil statt. Die Forderungen waren radikal: Die Kirchenmusik sollte nur noch das geistliche Wort transportieren und dabei möglichst einfach sein. So komplexe Kompositionen wie die Weihnachtsmotette "Praeter rerum seriem" von Josquin Desprez waren plötzlich nicht mehr zeitgemäß. Der Legende nach gelang es Giovanni Pierluigi da Palestrina, das Konzils-Kollegium mit seiner "Missa Papae Marcelli" davon zu überzeugen, dass Kompositionskunst und sakrale Eignung keine Gegensätze bilden. Und Palestrina hat in dieser Messe sogar Josquin zitiert (Tallis Scholars am 15.11.2019).

Rückkehr zur Simplizität in der Form der Monodie

Kann man inmitten der Wirren des Dreißigjährigen Krieges ein Idyll, gar einen Geburtsort der deutschen Dichtkunst schaffen? Der Königsberger Domorganist Heinrich Albert machte seine mit Kürbispflanzen umrankte Gartenlaube zu einem solchen Refugium, vertonte die Verse seiner Poetenfreunde und sammelte sie in der "Musikalischen Kürbishütte". Einfachheit und Gefühlswärme zeichnen diese frühen deutschen Kunstlieder aus, und musikhistorisch bedeutsam sind sie als eine deutsche Adaption der von der Florentiner Camerata erfundenen italienischen Monodie (Dorothee Mields und Hathor Consort am 16.11.2019).

Zu den Meistern dieser Monodie gehörte der gebürtige Sizilianer Sigismondo d’India. Nicht so berühmt wie sein Zeitgenosse Claudio Monteverdi, war er doch weitgereist, ungeheuer produktiv und innovativ. Er hat ein Komponistenleben lang darum gerungen, das Kunstvolle und auch Extravagante in der Musik mit dem Tänzerischen, Volkstümlichen und Ausdruckshaften zusammenzubringen. Der simple Stil der Monodisten genügte ihm nicht. Sein Gesinnungsgenosse war Girolamo Frescobaldi, der an der Orgel und am Cembalo solche Synthesen in der Instrumentalmusik herstellte in einer Musiksprache, die für seine Hörer eingängig und dennoch im Detail hoch komplex ist (Francesco Cera und Ensemble Arte Musica am 16.11.2019).

Reduziertes Publikum - eine andere Art der Einfachheit

Einfachheit auf ganz andere Weise, 250 Jahre später: "Debussy [setzte sich] noch einmal an den Flügel [...]. Er entlockte dabei dem Blüthner einen Klang, wie ich ihn lieblicher, leichter und zarter niemals gehört hatte". Was der französische Pianist Maurice Dumesnil hier beschreibt, war fast nur im Ambiente der Pariser Salons zu erleben, denn Debussy scheute den öffentlichen Auftritt. Auch aus seiner Oper "Pélleas et Mélisande" wurde dort gespielt. Diese intime Aufführungs-Situation wollen wir mit der Kammerversion der Oper in einer Bearbeitung von Marius Constant nachempfinden. Dabei führen Jan Michiels und Inge Spinette am 15.11.2019 an zwei originalen Blüthner-Flügeln der Zeit die Singstimmen in eine ganz besondere Klangwelt.

Opulente Stücke als Reaktion auf "zu viel" Einfachheit

Eine echte Staatsmusik, dazu im damals hochbeliebten "galanten Stil", ist dagegen das Requiem für Maria Augusta von Württemberg von Niccolò Jommelli. Der katholische Herzog Carl Eugen nutzte die Trauermusik für seine Mutter 1756 als regelrechte Konfessionspropaganda, wie sie ihm im evangelischen Württemberg aufgrund der Religionsreversalien eigentlich verboten war. Trotzdem oder gerade deshalb machte das brillant-opernhafte Requiem großen Eindruck und wurde bald in ganz Europa aufgeführt (Coro e Orchestra Ghislieri am 17.11.2019).

Die Konkurrenz zwischen Einfachheit und Komplexität in der Musik, zwischen ihrer Zweckbestimmung und ihrem autonomen Kunstcharakter, sie hat immer auch mit musikalischer Kommunikation zu tun, mit dem Verstehen und Verwirren. Zu den Tagen Alter Musik in Herne kommen in diesem Jahr wieder Ensembles aus ganz Europa, die zum überwiegenden Teil ihr Debüt bei unserem Festival geben. Im Kulturradio WDR 3 werden sie in vier Live-Übertragungen und den bis Ende Dezember folgenden Konzertsendungen ein überregionales und später durch die European Broadcasting Union ein internationales Publikum finden.

Stand: 26.08.2019, 12:48