8. Oktober 1979 - Die CSSR weist Pavel Kohout aus

Pavel Kohout nach Ausweisung auf Frankfurter Buchmesse

Stichtag

8. Oktober 1979 - Die CSSR weist Pavel Kohout aus

Schriftstellerei und politisches Engagement sind in Pavel Kohouts Biografie untrennbar verbunden. Der 1928 in Prag geborene Dramatiker, dem "Die Zeit" die Gewitztheit und Wachheit des braven Soldaten Schweijk attestiert, gehört zu den meistgespielten Autoren seines Landes. In seinen Stücken kritisiert er die Dogmen des Kommunismus und erweist sich als Meister der politischen Parabel.

Auf der realpolitischen Bühne tritt Kohout mit vehementer Herzlichkeit für die Menschenrechte ein. Für die Tschechoslowaken eine Symbol-, für das kommunistische Regime eine Hassfigur, genießt seine Stimme auch im Ausland Achtung. Im Herbst 1979 macht die moskautreue Regierung von Gustáv Husák kurzen Prozess und weist den unangenehmen Dissidenten aus der CSSR aus.

Mitverfasser der "Charta 77"

In den 60er Jahren engagiert sich Kohout mit seinem Freund Václav Havel für demokratische Reformen in der Tschechoslowakei. Der "Prager Frühling" unter Alexander Dubček 1968 scheint die Hoffnungen auf einen von Moskau unabhängigen Weg möglich zu machen. Nur wenige Monate später setzen Truppen des Warschauer Paktes dem "Sozialismus mit menschlichem Gesicht" ein brutales Ende. Pavel Kohout hält sich am Tag des Einmarsches in Italien auf, kehrt aber sofort in die CSSR zurück. Dort bricht eine bleierne Zeit an.

Moskau ersetzt den Reformer Dubček durch den Betonkommunisten Husák, die Partei wird "gesäubert" und die geistige Elite unterdrückt. Kohout und andere Autoren werden mit Publikationsverboten, Hausdurchsuchungen und öffentlichen Schmähungen schikaniert. In geheimen Zirkeln organisieren die Dissidenten den Widerstand. Hier entsteht die von Kohout mitverfasste "Charta 77", die den Machthabern einen konstruktiven Dialog anbietet, aber auch die in der KSZE-Schlussakte von Helsinki garantierten Menschenrechte in der CSSR einfordert. Das Regime verhöhnt die Charta-Unterzeichner als "verkrachte Organisatoren der Konterrevolution von 1968."

Mit kalter Wut schreiben

Österreich bietet dem Dramatiker darauf politisches Asyl an, doch Kohout lehnt ab. Einen Dramaturgen-Vertrag des Wiener Burgtheaters aber nimmt er an, um einen Präzedenzfall für die Reisefreiheit von Künstlern zu schaffen. Gegen die Verpflichtung, nicht politisch aktiv zu werden, lässt man den Schriftsteller und seine Frau Jelena für ein Jahr ausreisen. Am 8. Oktober 1979, zwanzig Tage vor Ablauf des Visums, will das Paar zurückkehren. Doch die Kohouts werden von den tschechoslowakischen Grenzern brüsk abgewiesen, die Fahrbahn nach Prag ist mit Fahrzeugen versperrt. "Teilweise getragen, teilweise verschoben, wurden wir zu unserem Wagen gebracht", beschreibt der Dramatiker in Wien seine offenbar geplante Ausweisung.

Kurz darauf verkündet die CSSR, begleitet von Diffamierungen, offiziell seine Ausbürgerung. "Was uns blieb", so Pavel Kohout 1990 in einem WDR-2-Gespräch, "war kalte Wut und aus der lässt sich schreiben." So entsteht sein berühmter Roman "Wo der Hund begraben ist" über jene bleiernen 70er Jahre. Im Westen gefeiert und ausgezeichnet, verschafft Kohout seinen verfolgten Landsleuten weiter eine Öffentlichkeit. Nicht zuletzt dank seiner Fürsprache kommt Václav Havel 1983 früher aus der Haft frei. Mit der "Samtenen Revolution" kann Pavel Kohout im Dezember 1989 in sein Heimatland zurückkehren - und seinen Freund Havel als frei gewählten Staatspräsidenten der Tschechen und Slowaken feiern.

Stand: 08.10.2014

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