23. Dezember 1788 – Preußen führt das Abitur ein

Eine Schülerin schreibt das Wort ABITUR an die Tafel

Stichtag

23. Dezember 1788 – Preußen führt das Abitur ein

Karl Christoph von Hoffmann ist sauer. Nach Meinung des Kanzlers der Universität von Halle strömen viel zu viele Nichtskönner in die Vorlesungen. Er müsse festellen, "dass sich unter den jungen Leuten, welche die Universität besuchen, beständig eine nicht geringe Anzahl von Subjekten befindet, die nicht allein in den gelehrten Sprachen, sondern auch in den übrigen noch wichtigeren Kenntnissen, die sie von der Schule mitbringen sollten, so unwissend sind, dass ihre Unwissenheit bald Mitleid, bald Widerwillen erregen muss", schreibt er 1787.

Damals spielt vor allem Geld – und das Geschlecht – bei der Auswahl der Studenten die zentrale Rolle. Eine Reifeprüfung als Qualifikation fürs Studium gibt es nicht.

Prüfung für Jünglinge

Die preußische Kultusverwaltung unter Minister Karl Abraham von Zedlitz hört den Hilferuf. Und sie reagiert. Am 23. Dezember 1788 erlässt sie das "Abiturreglement", das den ungebremsten Zugang finanziell betuchter Studenten blockieren soll. "Es ist daher beschlossen worden, dass künftig alle von öffentlichen Schulen zur Universität abgehenden Jünglinge schon vorher auf der von ihnen besuchten Schule öffentlich geprüft werden", heißt es darin, "und nachher ein detailliertes Zeugnis über ihre bei der Prüfung befundene Reife oder Unreife zur Universität erhalten sollen". Es ist die erste Abiturordnung in einem deutschen Staat.

Aber die Politik hat die Rechnung ohne seine Bevölkerung gemacht. Nicht nur die Schüler rebellieren. Auch die adelige und großbürgerliche Elternschaft will sich vom Staat nicht die Zukunft ihrer Sprösslinge vorschreiben lassen. Preußens Regierung rudert zurück. Es sei "keineswegs beabsichtigt, die bürgerliche Freiheit zu beschränken, dass nicht jedem Vater frei stehen sollte, einen unreifen Jüngling zur Universität zu schicken", lässt sie verlauten. Geld bleibt weiterhin ein Türöffner zum Hörsaal.

Das Abiturreglement ist somit vor allem für arme Studenten relevant: Wer ein Stipendium für die Universitätskarriere benötigt, muss weiterhin ein Reifezeugnis vorlegen. Das Abitur wird zum Steuerungsinstrument, um bestimmte soziale Schichten vom Studium fernzuhalten. Und es ist effektiv, da schwierig: Ein deutscher Aufsatz, ein lateinischer Aufsatz, eine mathematische Arbeit, Übersetzungen und gegebenenfalls noch eine Religionsarbeit gehören zur Prüfungswoche.

"Die Schule der Nation ist die Schule"

Erst im 19. Jahrhundert schlägt die Stimmung um. Auf dem Hambacher Fest 1832 demonstrieren die Studenten über Standesgrenzen hinweg ihren Einheitswillen. Und auch Preußen begreift, dass man zum ökonomischen Wohl des Staates auf keinen klugen Kopf verzichten – und dumme Köpfe nicht gebrauchen – kann. 1834 wird das Abitur für alle studierwilligen Gymnasiasten verbindlich. Gleichzeitig werden die Lehrer angehalten, "die einzelnen Anforderungen an die Abiturienten so zu ermäßigen, dass jeder Schüler von hinreichenden Anlagen und von gehörigem Fleiß der letzten Prüfung mit Ruhe und ohne ängstliche Vorbereitungsarbeit entgegen sehen" kann.

1900 werden in Baden auch Frauen zum Abitur zugelassen. Acht Jahre später zieht Preußen nach. Die Nationalsozialisten reduzieren 1933 den Anteil der Studentinnen auf 15 Prozent. Juden dürfen gerade einmal ein Prozent der Studentenschaft ausmachen. In der Bundesrepublik bleibt der Student hauptsächlich männlich und liquide. Die Wende in der Bildungspolitik kommt erst in den 70er Jahren mit der sozialliberalen Koalition. "Die Schule der Nation ist die Schule", heißt es in der Regierungserklärung Willy Brandts von 1969. Nach der Oberstufenreform von 1972 dürfen Gymnasiasten ihre Abiturfächer wählen: Begabung wird zum Studienkriterium.

Stand: 23.12.2013

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