19. Juli 1937 - Nazi-Ausstellung "Entartete Kunst" in München eröffnet

Goebbels und Hitler vor Bildern der Ausstellung "Entartete Kunst"

Stichtag

19. Juli 1937 - Nazi-Ausstellung "Entartete Kunst" in München eröffnet

Ein Tempel nationalsozialistischer Kunst soll es sein, das neue Haus der Kunst an Münchens Prinzregentenstraße. Zur Eröffnung am 18. Juli 1937 flaniert Adolf Hitler vorbei an großformatigen Werken, denen allen eins gemein ist: pompös-biedere Verherrlichung von Heldentum, Heimat und Mutterschaft. Tags darauf folgt das Kontrastprogramm. In den Arkaden des Hofgartens, heute Sitz des Theatermuseums, eröffnet Hitler mit Propagandaminister Joseph Goebbels die Hetzschau "Entartete Kunst".

Dort hängen über 700 Meisterwerke von Impressionisten, Expressionisten, Kubisten, Dadaisten, Futuristen und der Neuen Sachlichkeit. Die Bilder moderner Künstler wie Dix, Kandinsky, Chagall, Klee oder Kirchner hängen dicht gedrängt, mit verhöhnenden Kommentaren wie "Verniggerung", "moralische Schweinerei" oder "absolute Dummheit". "Von diesen Werken den nationalen Kunstbesitz zu befreien ist eine heilige Pflicht", verkündet der verhinderte Maler Hitler in seiner Rede. 30 Jahre zuvor hatte ihn die Kunstakademie Wien als unbegabt abgewiesen, was den Führer nicht hinderte, sich zeitlebens als Künstler zu sehen.

20.000 Bilder aus Museen geraubt

Seit der Bücherverbrennung im Mai 1933 führen die Nazis einen gnadenlosen Kampf gegen die "verjudete, undeutsche" Kultur. Etliche Künstler erhalten Berufsverbot, werden vertrieben oder verhaftet. Mit der Aktion gegen "entartete Kunst" erreicht die Demütigung der Betroffenen einen Höhepunkt. Der Münchener Hetzausstellung geht ein beispielloser Raubzug durch deutsche Museen voraus. Binnen drei Monaten beschlagnahmen die vom obersten Kulturbeauftragen Goebbels instruierten Kommissionen über 20.000 Werke. Auch das für seine zeitgenössische Sammlung berühmte Museum Folkwang, gegründet in Hagen vom Namensgeber des dortigen Karl-Ernst-Osthaus-Museums, leidet schwer unter dem Aderlass.

"Die haben Raum für Raum angeschaut, vor allem die nach 1910 gemalten Bilder", weiß die  Museumsexpertin Birgit Schulte. "Hinterher hat ein Trupp die Gemälde eingesammelt und auf einen Laster geladen." Etliche tausend Bilder aus dem ganzen Reich, für die in München kein Platz ist, landen in Berlin – darunter Meisterwerke von Picasso, Barlach oder Nolde. Die 1930 in Hagen für den Expressionisten Christian Rohlfs geschaffene Gemäldegalerie verliert fast ihren gesamten Bestand. "Von einigen Hundert Rohlfs-Bildern sind ganze acht übrig geblieben", beklagt Birgit Schulte.

"Schmähkunst" gegen Devisen

Bei der Eröffnung der Münchener Ausstellung diffamiert Hitler jede Form von Abstraktion als Geisteskrankheit. Die Wochenschau legt in ihrem Bericht nach: "Für die Reinheit und Sauberkeit des deutschen Kunstempfindens hat der wurzellose Jude kein Organ. Was er Kunst  nennt, muss seine entarteten Nerven kitzeln. Ein Geruch von Fäulnis muss es umwittern." Abschreckung oder Werbung – die Hetze lockt zwei Millionen Besucher in die größte Schau von Gegenwartskunst, die bis 1941 noch in zwölf weiteren Städten gezeigt wird. Viele Besucher, da ist sich die Kunstexpertin Schulte sicher, zieht allerdings nicht der "Geruch der Fäulnis" an: "Es muss ein wunderbarer Fundus für alle gewesen sein, die sich mit dieser Kunst beschäftigt haben."

Auch ausländische Sammler und Mäzene reisen an, um sich zu bedienen, denn die Reichskulturkammer hat erkannt, dass sie mit dem Verkauf von "Schmähkunst" gegen Devisen enorme Summen einnehmen kann. So wandern viele der beschlagnahmten 20.000 Werke ins Ausland. Etliche sind seither auf Umwegen wieder in den Besitz von Museen gelandet, aber nur selten in jenen, aus denen sie ursprünglich stammen. Untereinander haben die geschädigten Museen auf Ausgleichsansprüche verzichtet. Grundlage der Vereinbarung ist noch heute das 1938 von den Nationalsozialisten erlassene Gesetz, mit dem die Plünderungsaktionen legalisiert wurden.

Stand: 19.07.2012

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