Stichtag

20. Juni 2005 - Rebellen in China ermorden deutschen Gesandten

Sie selbst nennen sich I Ho Chüan - "Fäuste für den gerechten Himmel". Die Europäer nennen sie einfach "Boxer": Aufständische wollen China Ende des 19. Jahrhunderts von den Fremden befreien. Denn die Kolonialmächte USA, Japan, England, Frankreich, Russland, Italien, Österreich und Deutschland sind dabei, das Reich der Mitte untereinander aufzuteilen. Ihre Waren verdrängen das einheimische Handwerk, ihre Eisenbahnen die traditionelle Infrastruktur. Der Mandschu-Kaiser in Peking ist machtlos dagegen.
Die Boxer haben neben ihrer Faustkampftechnik meist nur Speere und Messer zur Verfügung, wenig Feuerwaffen. Dennoch bringen sie im Juni 1900 die Hauptstadt unter ihre Kontrolle und belagern das Gesandschaftsviertel mit seinen 3.300 Diplomaten. Am 20. Juni wird der deutsche Gesandte, Baron Freiherr Clemens August von Ketteler, auf offener Straße erschossen.
Die Reaktion der Kolonialmächte fällt massiv aus: Unter deutscher Führung setzt sich eine internationale Eingreiftruppe in Bewegung, mehr als 2.000 Mann aus acht Staaten - der erste multinationale Einsatz des Jahrhunderts. Kaiser Wilhelm II. gibt seinen Soldaten bei der Verabschiedung eine eindeutige Botschaft mit auf den Weg: "Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht. Wie vor tausend Jahren die Hunnen, so möge der Name Deutscher in China auf tausend Jahre in einer Weise bestätigt werden, dass es niemals mehr ein Chinese wagt, einen Deutschen scheel anzusehen."

Als die Truppen in China ankommen, haben die örtlichen Kolonialeinheiten den Aufstand schon niedergeschlagen. Die Strafexpedition findet dennoch statt. Auf der Suche nach untergetauchten Boxern zerstören die Soldaten ganze Dörfer. "Alles wurde niedergemacht, was uns in den Weg kam: Männer Frauen, Kinder", schreibt ein deutscher Soldat nach Hause. Generalfeldmarschall Graf von Waldersee leitet die Expedition. "Seit dem Dreißigjährigen Krieg und den Raubzügen der Franzosen zur Zeit Ludwig XIV. in Deutschland ist Ähnliches an Verwüstungen noch nicht vorgekommen", schreibt er in sein Tagebuch.Stand: 20.06.05